Frachtkult (Cargo-Kult): Entstehung, Glauben & Beispiele in Melanesien

Frachtkult in Melanesien: Entstehung, Glaubensvorstellungen und eindrückliche Beispiele aus Neuguinea – Kulturkontakt, Rituale und historische Hintergründe verständlich erklärt.

Autor: Leandro Alegsa

Frachtkult ist eine Bezeichnung für mehrere Religionen bzw. religiöse Bewegungen. Es gibt viele Frachtkulte in Melanesien und Neuguinea. Diese Religionen entstehen oft, wenn Stammesgesellschaften in intensiven Kontakt mit der westlichen Zivilisation kommen. Beim ersten Kontakt sahen Einheimische westliche Fertigwaren, wie zum Beispiel Radios, Konserven, Kleidung oder technische Geräte. Diese Dinge werden im Englischen häufig als „cargo“ und hier als Fracht bezeichnet. Für viele Ureinwohner war nicht erkennbar, wie diese Güter produziert oder verteilt werden; sie erschienen wie „aus dem Nichts“ gekommen.

Die Anhängerinnen und Anhänger von Frachtkulten versuchten, das Verhalten der Fremden nachzuahmen oder bestimmte Rituale zu entwickeln, in der Hoffnung, dass ihnen wiederum mehr Fracht geschickt würde. In manchen Fällen, wie auf der Insel Tanna in Vanuatu, entstand die Verehrung bestimmter Fremder oder von Figuren, die mit den Ankommenden assoziiert wurden. Dort verehren Mitglieder der Bewegungen beispielsweise amerikanisch aussehende Personen oder mythische Gestalten, denen magische Macht über die Fracht zugeschrieben wird.

Historischer Kontext

Im Zeitalter des Kolonialismus und besonders während und nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Kolonialmächte und Militärs mit technologisch weiter entwickelten Gesellschaften in Kontakt. Der massive Zustrom von Versorgungsgütern, Lebensmitteln, Werkzeugen und militärischer Ausrüstung durch Truppentransporte und Flugzeuge machte einen besonders starken Eindruck. Die ersten dokumentierten Frachtkulte erschienen in Neuguinea sowie in anderen Teilen Mikronesiens, Melanesiens und des Westpazifiks.

Glaubensinhalte und Deutungen

Die Menschen, die Frachtkulten angehören, glauben oftmals, dass die Fracht von ihren Gottheiten oder den Vorfahren geschaffen oder bereitgestellt wurde. Gleichzeitig wird wahrgenommen, dass die Waren von Ausländern verteilt werden. Deshalb sehen viele Anhängerinnen und Anhänger die Güter als eigentlich für sie bestimmt an, die aber von Fremden gehalten oder zurückgehalten werden. Aus diesem Grund werden Rituale und praktische Handlungen so gestaltet, dass die Fremden angeblich weniger und die Kultmitglieder mehr von diesen Gütern erhalten sollten.

Typische Rituale und Praktiken

  • Bau von symbolischen Start- und Landebahnen, Funkgeräten oder Flugzeug-Nachbildungen, um die Ankunft von Flugzeugen und damit von Fracht herbeizuführen.
  • Nachahmung militärischer Zeremonien, Uniformen oder Paraden, weil solche Handlungen mit der Versorgung durch Soldaten assoziiert wurden.
  • Opfergaben, Gebete und das Anrufen von Geistern oder mythischen Persönlichkeiten, denen man die Macht zuschreibt, die Fracht zu senden.
  • Soziale Reformen oder Forderungen nach gerechter Verteilung – in manchen Bewegungen war die Frachtvorstellung verbunden mit dem Wunsch nach Umkehrung kolonialer Machtverhältnisse.

Bekannte Beispiele

  • John Frum (Insel Tanna, Vanuatu): Eine der bekanntesten Bewegungen; Anhänger erwarten die Rückkehr einer mythischen Person („John Frum“) oder amerikanischer Truppen, die Fracht bringen. Der Kult entstand deutlich während und nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • Prince-Philip-Bewegung (ebenfalls Tanna): Eine eigenständige Verehrung des früheren britischen Prinzen Philip, den einige Bewohner als verwandte oder göttliche Figur ansehen. Diese Bewegung zeigt, wie konkrete politische Figuren in lokale religiöse Deutungen integriert werden können.
  • Vailala „Madness“ (Südost-Papua-Neuguinea, frühes 20. Jahrhundert): Frühe Formen von Frachtkult-artigen Bewegungen, die rituelle Erwartungen an die Ankunft von Gütern und eine Umwälzung der sozialen Ordnung verbanden.

Wissenschaftliche Deutungen und Kritik

Der Begriff „Frachtkult“ wurde zunächst von Beobachtern und Kolonialbeamten geprägt und später von Anthropologen aufgegriffen. Bedeutende Forschungen nach dem Zweiten Weltkrieg (unter anderem von Peter Worsley) machten die Bewegungen international bekannt. Moderne Forscher betonen, dass Frachtkulte mehr sind als naive Nachahmung: Sie sind komplexe kulturelle Reaktionen auf koloniale Herrschaft, ökonomische Abhängigkeit und die plötzliche Präsenz überlegener Technologie. Frachtkulte können Elemente von Millenarismus, sozialem Protest und dem Versuch enthalten, durch symbolische Handlungen Kontrolle über den Austausch von Gütern zurückzugewinnen.

Gleichzeitig ist der Ausdruck „Frachtkult“ gelegentlich pejorativ verwendet worden, weil er einfache Erklärungen suggeriert. Aktuelle anthropologische Arbeiten rücken daher die politischen, ökonomischen und religiösen Dimensionen in den Mittelpunkt und betrachten die Bewegungen als adaptive Antworten auf massive soziale Veränderungen.

Aktuelle Bedeutung

Einige Bewegungen sind verschwunden oder haben sich stark verändert; andere bestehen in veränderter Form fort. In vielen Regionen sind die historischen Frachtkult-Bewegungen heute Teil lokaler Identität und werden sowohl religiös als auch kulturell gepflegt. Ihre Entstehungsgeschichte bleibt ein wichtiges Beispiel dafür, wie Gesellschaften auf technologische und ökonomische Disparitäten reagieren und wie Kultur, Religion und Politik miteinander verwoben sind.

Wichtig: Frachtkulte sollten nicht nur als kurioses oder „irrationales“ Phänomen betrachtet werden, sondern als historisch bedingte, sinnvolle Versuche von Gemeinschaften, mit den Folgen kolonialer und militärischer Eingriffe umzugehen und angesichts tiefgreifender Veränderungen soziale Perspektiven zu entwickeln.

Zeremonielles Kreuz des John-Frum-Frachtkultes, Insel Tanna, Neue Hebriden (heute Vanuatu), 1967Zoom
Zeremonielles Kreuz des John-Frum-Frachtkultes, Insel Tanna, Neue Hebriden (heute Vanuatu), 1967

Verwandte Seiten

  • Vailala-Wahnsinn - ein Frachtkult, der zwischen 1919 und 1922 aktiv war, möglicherweise der erste dokumentierte Frachtkult.
  • Ghost Dance - eine ähnliche Bewegung, die geschah, als die Ureinwohner Amerikas mit den europäischen Siedlern in Kontakt kamen.

Fragen und Antworten

F: Was ist ein Cargo-Kult?


A: Ein Cargo-Kult ist eine religiöse Bewegung, die entstand, als Stammesgesellschaften in Melanesien und Neuguinea mit der westlichen Zivilisation in Kontakt kamen.

F: Warum nennt man sie Cargo-Kulte?


A: Sie heißen Cargo-Kulte, weil die Stammesangehörigen westlich hergestellte Waren wie Radios sahen und sie Cargo nannten.

F: Was ahmen die Mitglieder von Cargo-Kulten nach?


A: Mitglieder von Cargo-Kulten imitieren das Verhalten, das sie bei Westlern gesehen haben, in der Hoffnung, dass einige Geister ihnen mehr Fracht schicken.

F: Wo wurden die ersten Cargo-Kulte dokumentiert?


A: Die ersten Cargo-Kulte wurden in Neuguinea und anderen Ländern Mikronesiens, Melanesiens und des Westpazifiks dokumentiert.

F: Was glauben die Mitglieder von Cargo-Kulten über die Fracht?


A: Die Mitglieder von Cargo-Kulten glauben, dass die Ladung von ihren Göttern und Vorfahren erschaffen wurde und dass sie für die Mitglieder des Cargo-Kults gemacht wurde, aber die Ausländer haben sie.

F: Warum finden die Bemühungen und Rituale der Cargo-Kulte statt?


A: Die Bemühungen und Rituale von Cargo-Kulten dienen dazu, dass die Ausländer weniger von diesen Gütern bekommen und die Kultmitglieder mehr davon.

F: Was verehren die Mitglieder eines Cargo-Kults auf der Insel Tanna in Vanuatu?


A: Die Mitglieder eines Cargo-Kults auf der Insel Tanna in Vanuatu verehren die Amerikaner, die die Fracht gebracht haben.


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