Judith Quiney (getauft am 2. Februar 1585 – begraben 9. Februar 1662), geborene Shakespeare, war die jüngere Tochter von William Shakespeare und Anne Hathaway und die Zwillingsschwester von Hamnet Shakespeare. Über ihr Leben ist nur wenig dokumentiert; die vorhandenen Quellen zeichnen jedoch das Bild einer Frau, deren Lebensweg von familiären Verlusten und persönlichen Demütigungen geprägt war.

  • Geboren: 2. Februar 1585 (Taufe)
  • Gestorben / begraben: begraben 9. Februar 1662
  • Ehepartner: Thomas Quiney (verheiratet 10. Februar 1616)
  • Eltern: William Shakespeare, Anne Hathaway
  • Geschwister: Susanna Hall, Hamnet Shakespeare
  • Kinder: Shakespeare Quiney (gest. 1617), Richard Quiney (1618–1639), Thomas Quiney (1620–1639)

Leben in Stratford und familiärer Hintergrund

Judith wuchs in Stratford-upon-Avon auf und verbrachte ihr Leben überwiegend in der Heimatstadt ihrer Eltern. Wie bei vielen Frauen ihrer Zeit sind nur wenige direkte Zeugnisse über ihre Ausbildung oder persönlichen Tätigkeiten überliefert. Sie wurde zusammen mit ihrem Bruder Hamnet 1585 geboren; Hamnet starb im Alter von elf Jahren (August 1596). Der Verlust des Bruders traf die Familie tief und war vermutlich auch für Judith ein einschneidendes Ereignis.

Ehe mit Thomas Quiney und kirchlicher Skandal

Am 10. Februar 1616 heiratete Judith den Stratford-Einwohner Thomas Quiney. Die Ehe verlief nicht ohne Schwierigkeiten: Die Heirat erfolgte offenbar ohne die üblichen Ehe-Lizenzen oder ordnungsgemäß ausgehängte Aufgebote, was in der damaligen Kirchengemeinde als Vergehen galt. Zusätzlich kam ans Licht, dass Thomas Quiney zuvor eine außereheliche Beziehung mit einer Frau namens Margaret Wheeler (auch Weaver genannt) gehabt hatte; Margaret war mit seinem Kind schwanger, und sowohl sie als auch das Kind starben kurz vor oder nach der Hochzeit. Wegen dieses Vergehens verurteilte das kirchliche Gericht Thomas Quiney zu öffentlicher Buße: er musste an drei Sonntagen in weißer Kleidung vor der Gemeinde stehen.

William Shakespeares Testament und finanzielle Absicherung

Im Januar 1616, kurz vor seiner eigenen Krankheit und seinem Tod, suchte William Shakespeare den Rat seines Anwalts auf, um sein Testament auszuarbeiten. Am 25. März 1616 – nach den Ereignissen um Judiths Heirat – verfasste bzw. änderte Shakespeare sein Testament. In der endgültigen Fassung ist Judith namentlich bedacht: ihr wurden 100 Pfund und ein Haus (oft als „a cottage“ beschrieben) zugesprochen; außerdem sollten nach Ablauf von drei Jahren weitere 150 Pfund fällig werden, von deren Zinsen sie und ihre Kinder profitieren sollten. Ebenfalls wurde ihr ein silbernes Gefäß (häufig als „broad silver-gilt bowl“ überliefert) vermacht. Der Großteil des Vermögens und insbesondere das Haus New Place fiel jedoch an Susanna, Shakespeares ältere Tochter.

Kinder, Verluste und spätere Jahre

Im November 1616 wurde Judiths erster überlebender Säugling geboren und erhielt den ungewöhnlichen Vornamen Shakespeare; das Kind starb jedoch im Mai 1617 im Alter von rund sechs Monaten. In den Jahren 1618 und 1620 brachte Judith zwei weitere Söhne zur Welt, Richard und Thomas, die Jugend und frühes Erwachsenenalter erreichten, aber beide 1639 innerhalb weniger Wochen verstarben – zur Zeit von Epidemien, weshalb als mögliche Todesursachen etwa die Pest oder andere ansteckende Krankheiten vermutet werden.

Judith überlebte somit alle ihre Kinder. Sie starb bzw. wurde am 9. Februar 1662 begraben; ihr Mann Thomas verstarb kurz darauf (für das genaue Jahr werden 1662 oder 1663 angegeben). Der genaue Ort ihrer Grabstellen ist heute nicht bekannt; im Unterschied zu Susanna und deren Familie wurden Judith und Thomas offenbar nicht im Chor der Kirche beigesetzt, sondern auf dem Kirchhof.

Thomas Quiney: Beruf und gesellschaftliche Stellung

Thomas Quiney war von Beruf Wein- und Tabakhändler. Trotz des frühen Skandals gelang es ihm später, ein prominenteres städtisches Leben zu führen: er bekleidete städtische Ämter und war in den 1620er Jahren in beratender und verwaltender Funktion für Stratford tätig (unter anderem mit der Bezeichnung Chamberlain in städtischen Aufzeichnungen). Judith und Thomas wohnten in einem zentralen Haus in Stratford, das später unter dem Namen „The Cage“ bekannt wurde.

Wohnhaus und Erinnerung

Das Haus, in dem Judith und Thomas Quiney lebten, steht – in veränderter Form – noch in Stratford an der Kreuzung von High Street und Bridge Street. Im Laufe der Zeit diente das Gebäude verschiedenen Zwecken; es wurde u. a. als Gefängnis, als Laden und als Touristeninformation genutzt. Im Gegensatz zu anderen Shakespeare-Stätten wie dem Geburtshaus oder New Place ist das Quiney-Haus kein Museum, und es gibt keine so ausgeprägte museale Pflege seiner Geschichte.

Quellenlage und historische Einordnung

Über Judiths innere Lebenswelt, ihre Persönlichkeit oder genaue Tätigkeiten fehlt es an zeitgenössischen, direkten Quellen. Daher besteht vieles, was heute über sie gesagt wird, aus Schlussfolgerungen aus Verwaltungsakten, Kirchenbucheinträgen und Erwähnungen in Zusammenhang mit dem Testament ihres Vaters. Ihre Biografie illustriert die Lage einer Frau der unteren bis mittleren Bürgerschicht der frühen Neuzeit: starke familiäre Bindungen, Anfälligkeit für persönliche Schicksalsschläge und nur begrenzte Möglichkeiten zur eigenen öffentlichen Selbstdarstellung.

Zusammenfassend: Judith Quineys Leben war geprägt von Nähe zu einem der wichtigsten Dichter der englischen Sprache, aber auch von familiären Verlusten, einem früh dokumentierten kirchlichen Skandal um ihre Ehe und dem wiederholten Erleiden des Todes naher Angehöriger. Ihr persönliches Schicksal bleibt im Wesentlichen durch wenige, verstreute archivalische Einträge rekonstruierbar.