Louis-Antoine d’Artois (Louis XIX) – Der 20‑Minuten‑König von Frankreich
Louis XIX: Der faszinierende 20‑Minuten‑König – Louis‑Antoine d’Artois, Herzog von Angoulême. Kurze Thronfolge, Julirevolution 1830 und königliches Erbe kompakt erklärt.
Louis Antoine d'Artois, Herzog von Angoulême (6. August 1775 – 3. Juni 1844) war der älteste Sohn von Karl X. von Frankreich und der rechtmäßige Thronfolger der nachrestaurierten Bourbonen. Technisch gesehen wurde er nach der Abdankung seines Vaters während der Julirevolution von 1830 für wenige Minuten als König von Frankreich und Navarra angesehen, bevor er selbst abdankte – daher der überlieferte Spitzname „Zwanzig-Minuten-König“. Er regierte nie tatsächlich über Frankreich; nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1836 bezeichneten ihn Legitimisten als Ludwig XIX. (Louis XIX).
Louis-Antoine wurde in Versailles geboren und wuchs in der Bourbonen-Familie auf. Wie viele Angehörige des Hochadels emigrierte er während der Französischen Revolution und schloss sich den königlichen Emigrantenverbänden an. In der Folgezeit nahm er an militärischen Aktionen gegen revolutionäre Truppen teil und blieb ein überzeugter Vertreter der legitimistischen, konservativen Politik.
Nach der Restauration der Bourbonen war er als Herzog von Angoulême eine prominente Persönlichkeit am Hof. Zu seinen wichtigsten militärischen Leistungen zählt die Führung der französischen Expedition nach Spanien im Jahr 1823 (die sogenannten „Hunderttausend Söhne des heiligen Ludwig“), mit der die legitime Monarchie von Ferdinand VII. wiederhergestellt wurde. Diese Unternehmung stärkte seinen Ruf als erfahrener Heerführer. Louis-Antoine war mit Marie-Thérèse Charlotte von Frankreich, der „Madame Royale“ und einzigen überlebenden Tochter Ludwigs XVI., verheiratet; die Ehe blieb kinderlos.
Die Julirevolution Ende Juli 1830 (Aufstände in Paris gegen die von Karl X. erlassenen Ordonnanzen) zwang die Bourbonen zur Abdankung. Am 2. August 1830 trat Karl X. zurück; zwischen seiner Abdankung und dem späteren Verzicht Louis-Antoines auf den Thron existierten formal nur wenige Minuten, weshalb Louis-Antoine in manchen Darstellungen kurzzeitig als König gilt. Im Ergebnis wurde die Bourbonenherrschaft im praktischen Sinne beendet, und die Regierung ging an die Orléanisten unter Louis-Philippe über, dem sogenannten „Bürgerkönig“.
Nach der Revolution lebte Louis-Antoine im Exil und nahm nicht mehr aktiv an der französischen Politik teil. Trotz seiner formalen Anerkennung durch Legitimisten als Ludwig XIX. nach dem Tod seines Vaters 1836 blieb er eine rein dynastische Figur ohne reale Macht. Er starb am 3. Juni 1844 in Gorizia (damals Teil des Kaiserreichs Österreich). Da er keine Nachkommen hinterließ, fiel der legitimistische Anspruch an seinen Neffen, den Grafen von Chambord (Henri), der als möglicher Erbe der Bourbonenlinie galt.
Louis-Antoines Bedeutung liegt weniger in einer Regierungszeit als in seiner Rolle als Symbol der alten Ordnung: er repräsentiert die Epoche der Restauration, die konservativen Militärtraditionen und die dynastischen Konflikte des 19. Jahrhunderts. Sein kurzes „Königtum“ wird oft als historisches Kuriosum zitiert und macht ihn bis heute in der Geschichtsschreibung bemerkenswert.
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