Ein Taschenwahlkreis (engl. „rotten borough“), auch verkommener Bezirk genannt, war eine Art parlamentarischer Bezirk in Großbritannien vor dem Reformgesetz von 1832. Viele dieser Bezirke hatten historisch gewachsene Sitze im Parlament, obwohl sich die Bevölkerung über die Jahrhunderte stark verschoben hatte; einige Orte hatten kaum noch oder gar keine Einwohner, behielten aber trotzdem das Recht, Abgeordnete ins Parlament zu senden.
Merkmale
Ein typisches Kennzeichen war eine sehr kleine Wählerschaft, oft bestehend aus wenigen Stimmberechtigten oder sogar nur einem einzigen Wähler. Solche Wahlkreise konnten von einem einzelnen „Besitzer“ oder Gönner kontrolliert werden, der durch Besitz von Land, durch Einfluss auf die wenigen Wähler oder durch das Vergaberecht von Ämtern und Privilegien die Stimmen lenkte. Auf diese Weise ließ sich ohne nennenswerte Opposition ein Sitz im Unterhaus besetzen; Sitze wurden gelegentlich verkauft oder als Gefälligkeit vergeben. Dieselben Begriffe und Mechanismen trafen auch auf ähnliche Bezirke im irischen Parlament des 18. Jahrhunderts zu.
Beispiele
Old Sarum in Wiltshire war einer der berüchtigtsten Fälle. Obwohl der Ort kaum Bewohner hatte, entsandte er weiterhin Parlamentsabgeordnete und war über Generationen hinweg im Einflussbereich bestimmter Familien. Von Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1802 war Old Sarum weitgehend im Besitz der Familie Pitt; einer der mit dem Wahlkreis verbundenen Parlamentarier war Premierminister William Pitt the Elder. 1802 wurde das Land der Familie verkauft – für Berichten zufolge 60.000 Pfund, deutlich mehr als der reine Bodenwert – was die ökonomische Seite der Kontrolle über solche Sitze illustriert.
Ein weiteres eindrückliches Beispiel ist Charles Howard, 11. Herzog von Norfolk, dem zeitweise die Kontrolle über mehrere Bezirke zugeschrieben wurde. Solche Konzentration von Einfluss in den Händen einzelner Adliger oder reicher Gönner war ein zentrales Argument der Reformbewegung.
Folgen und Bedeutung
Die Existenz von Taschenwahlkreisen galt vielen Zeitgenossen als Ausdruck ungerechter und korruptionsanfälliger Repräsentation. Das Reform Act von 1832 (auch „Great Reform Act“) beseitigte zahlreiche dieser verkommenen oder von Patrons dominierten Wahlkreise, schuf eine gerechtere Verteilung der Sitze (insbesondere zugunsten wachsender Industrie- und Städtegruppen) und weitete das Wahlrecht für Teile der Mittelschicht aus. Obwohl 1832 nicht alle Probleme löste, markierte das Gesetz einen wichtigen Schritt zur Demokratisierung des britischen Wahlsystems und leitete weitere Reformen im 19. Jahrhundert ein.
Zusammengefasst: Taschenwahlkreise waren historisch bedingte, oft entvölkerte Wahleinheiten mit sehr kleiner Wählerschaft, die leicht von einzelnen Gönnern kontrolliert werden konnten. Ihre Abschaffung durch das Reformgesetz von 1832 gilt als Meilenstein der parlamentarischen Reform in Großbritannien.

