Śruti (Shruti): Vedischer Kanon – Ursprung, Lehren und Überlieferung

Śruti (Shruti): Der vedische Kanon – Ursprung, Lehren und Überlieferung. Entdecken Sie Veden, Upanishaden, apauruṣeya‑Tradition, orale Rezitation und zeitlose spirituelle Weisheit.

Autor: Leandro Alegsa

Śruti sind die Sammlung vedischer Literatur.

Begriff und Bedeutung

Śruti (Devanagari श्रुति, „was gehört wird“) bezeichnet im Hinduismus den Kanon der als offenbart geltenden, hörend überlieferten Schriften. Der Begriff betont, dass diese Texte nicht als gewöhnliche menschliche Autorenwerke verstanden werden, sondern als ursprüngliche Offenbarungen, die von Rishis (Weisen/Sehern) „gehört“ und durch die mündliche Überlieferung weitergegeben wurden.

Bestandteile des Śruti

Im klassischen Verständnis umfasst Śruti in erster Linie die vier Veden:

  • Rigveda – Sammlung von Hymnen (Samhitas) an die Götter;
  • Samaveda – hauptsächlich melodisch vorgetragene Verse, die als Grundlage für rituellen Gesang dienen;
  • Yajurveda – Praxis- und Opfertexte mit Rezitationsanweisungen für Rituale;
  • Atharvaveda – Hymnen, Zauberformeln und volkstümlichere Texte mit magisch-praktischem Charakter.

Jeder Veda gliedert sich traditionell in mehrere Schichten: Samhitas (Hymnen und Mantras), Brahmanas (rituelle Anweisungen und Mythen), Aranyakas (Waldtexte, Übergangsform zwischen Ritual und Meditation) und Upanishaden (philosophische Lehren und spekulative Texte). Die Upanishaden bilden den intellektuellen und spirituellen Kern vieler vedischer Lehren und sind zentral für Systeme wie Vedanta.

Der Begriff Śruti wird manchmal auch in anderen religiösen Gruppen so gebraucht, z. B. beziehen manche tantrische oder agamic-Traditionen (Shaiva, Vaishnava, Shakta) bestimmte Agama-Texte auf eine besondere Offenbarungsqualität. Allgemein gehören jedoch die Veden zu Śruti; Agamas werden in der klassischen hinduistischen Literatur dagegen häufig anders kategorisiert (z. B. als śāstra bzw. in manchen Traditionen als eigenständige Offenbarungen).

Apaurusheya – Autorenschaft und Offenbarung

Śruti wird traditionell als apauruṣeya bezeichnet, „nicht-menschlichen“ oder „nicht-persönlichen“ Ursprunges. Das bedeutet: Diese Schriften gelten nicht als Werke eines historischen Autors, sondern als zeitlose Wahrheiten, die den Weisen offenbart wurden. Die Rishis werden als Empfänger oder Hörer der göttlichen Klangordnung verstanden. Diese Vorstellung unterscheidet Śruti grundlegend von anderen literarischen oder theologischen Texten.

Überlieferung und Rezitationsweisen

Ein Kennzeichen des vedischen Wissens ist seine nahezu unveränderte mündliche Überlieferung über viele Jahrhunderte. Diese Bewahrung wurde möglich durch eine streng geregelte Lehrer-Schüler-Tradition (guru-śiṣya paramparā) und durch spezielle Rezitationsmethoden (pāṭha), die den Text melodisch, prosodisch und phonologisch sichern.

  • Es gibt zahlreiche Śākhas (Veda-Zweige), die leicht unterschiedliche Lesarten und Betonungen pflegen.
  • Traditionell lernt ein Schüler einen Vers auf mehreren Wegen (es sind in der Überlieferung bis zu elf besondere Pāṭhas genannt, z. B. padapāṭha, kramapāṭha, jata, ghana), teilweise auch in umgekehrter Reihenfolge), um Fehler auszuschließen.
  • Die Vokaltypologie, Intonation und Tonung (z. B. udatta, anudatta, svarita) sowie metrische Regeln (chandas) sind integraler Bestandteil der Rezitation; Śruti-Texte werden daher nicht einfach „gelesen“, sondern in einer festgelegten melodisch-prosodischen Form gesungen.

Śruti vs. Smriti

In der hinduistischen Tradition wird zwischen Śruti (das Offenbarte) und Smriti (das Erinnerte) unterschieden. Smriti umfasst unter anderem Dharmaśāstras, Itihasa (z. B. Mahabharata, Ramayana) und Purāṇas – Texte, die zwar ebenfalls religiöse Autorität haben, aber einem menschlichen Verfasser oder einer jüngeren Entstehungszeit zugeschrieben werden. Śruti besitzt in vielen orthodoxen Systemen die höchste Autorität; Smriti und andere Schriften werden oft als Erläuterung oder Anwendung der śruti-Lehren betrachtet.

Rolle in Ritual, Philosophie und Alltag

Die meisten vedischen Mantras stammen aus Śruti und spielen eine zentrale Rolle in öffentlichen und häuslichen Ritualen, in persönlichen Gebeten und in der spirituellen Praxis (japa). Die Upanishaden, als Teil der Śruti-Schicht, sind seit jeher grundlegende Quellen für philosophische Schulen (z. B. Vedanta, Mimamsa) und haben die metaphysischen Debatten des Hinduismus tief geprägt.

Neben ritueller Anwendung dient Śruti als Basis für Kommentare und Interpretationen großer Gelehrter wie Śaṅkara (Shankaracharya), Sayanacarya u. a. Diese Kommentare haben wiederum die Auslegung der Texte und die Entwicklung diverser Denkschulen über Jahrhunderte beeinflusst.

Moderne Erforschung und Praxis

Mit der schriftlichen Fixierung in Devanagari und mit wissenschaftlicher Textkritik wurde Śruti auch Gegenstand philologischer und historischer Forschung. Die Datierung der vedischen Schichten ist Gegenstand intensiver Forschung und Debatten; allgemein gelten die ältesten Teile des Rigveda als in einem Zeitraum des 2. Jahrtausends v. Chr. entstanden, während später entstandene Schichten und die Upanishaden jüngeren Datums sind.

In der heutigen Praxis bleibt die mündliche Rezitation in vielen brahmanischen und rituellen Kontexten lebendig. Zahlreiche Schulen und Gurus erhalten spezialisierte Rezitationsmethoden, und in einigen Regionen sind bestimmte Śākhas und Rezitationsstile bis heute aktiv.

Zusammenfassung

Śruti ist der überlieferte, als offenbart verstandene Kern des hinduistischen Schrifttums, vor allem verkörpert in den Veden und ihren Binnenklassifikationen (Samhita, Brahmana, Aranyaka, Upanishad). Seine Auffassung als apauruṣeya, die strenge mündliche Überlieferung und die formalen Rezitationsregeln machen Śruti zu einer einzigartigen religiös-kulturellen Institution, deren Einfluss auf Ritual, Philosophie und religiöses Leben im Hinduismus bis heute spürbar ist.

-

Ayush der Hacky

Fragen und Antworten

F: Was ist Śruti?


A: Śruti (Devanagari श्रुति, "was gehört wird") sind die Sammlung der vedischen Literatur im Hinduismus. Es handelt sich um einen Kanon hinduistischer heiliger Texte, der sich über die gesamte Geschichte des Hinduismus erstreckt und einige der frühesten bekannten hinduistischen Texte enthält.

F: Wie wurde die Śruti erhalten?


A: Die Śruti wurde durch mündliche Überlieferung erhalten und schließlich in Sanskrit niedergeschrieben. Traditionell wurde es nicht gelesen, sondern nach äußerst präzisen Regeln der Grammatik, der Tonhöhe, der Intonation und des Rhythmus gesungen. Auf diese Weise konnte es über Tausende von Jahren unverändert durch mündliche Unterweisung von Guru zu Shishya, von Generation zu Generation, bewahrt werden.

F: Wer hat das Śruti geschrieben?


A: Das Śruti hat keinen Autor; es ist vielmehr eine göttliche Aufzeichnung der "kosmischen Klänge der Wahrheit", die von einem Rishi gehört wurde. Man sagt, sie sei apaurusheya, oder "übermenschlich".

F: Woraus werden Mantras geschöpft?


A: Die meisten Mantras stammen aus der Śruti und werden für öffentliche und häusliche Rituale sowie für persönliche Gebete und Japa verwendet.

F: Was beinhaltet das Studium der Sruti?


A: Das Studium der Sruti beinhaltet philosophische Diskussionen, Studien und Kommentare, aus denen unzählige Denkschulen hervorgegangen sind. Es beinhaltet auch tiefes Studium und Meditation, um die Weisheit in sich selbst zu erkennen.

F: Wie haben die Studenten die einzelnen Verse gelernt?


A: Die Studenten mussten jeden Vers auf elf verschiedene Arten lernen, auch rückwärts, um ihn über die Zeit hinweg ohne Veränderung oder Verzerrung zu bewahren.

F: Welche Wirkung hat es auf den Zuhörer, wenn er diese heiligen Schriften richtig rezitiert?


A: Diese heiligen Schriften richtig gesungen zu hören, hat eine magische Wirkung auf die Seele des Zuhörers, weil Wort und Bedeutung in dieser heiligen Sprache so eng aufeinander abgestimmt sind


Suche in der Enzyklopädie
AlegsaOnline.com - 2020 / 2025 - License CC3