Turmhäuser – Mittelalterliche Wohn- und Wehrtürme in Bergregionen

Turmhäuser im Mittelalter: Entdecken Sie Wohn- und Wehrtürme in Bergregionen, ihre Geschichte, Architektur und strategische Bedeutung.

Autor: Leandro Alegsa

Ein Turmhaus ist ein Turm, der für zwei Zwecke gebaut wurde: Erstens wurde er so gebaut, dass er leicht zu verteidigen ist, und zweitens dient er als Wohnhaus. Turmhäuser tauchten erstmals im Mittelalter in gebirgigen oder schwer zugänglichen Gebieten auf. Sie wurden dort gebaut, um strategische Punkte mit einer kleinen Truppe zu befehligen und zu verteidigen. Gleichzeitig dienten sie auch als Residenz für Aristokraten. Sehr oft wurde um diese Häuser herum eine Burgstadt errichtet.

Architektur und Bauweise

Turmhäuser sind meist schlanke, hohe Baukörper mit mehreren übereinanderliegenden Geschossen. Typische Merkmale sind:

  • Dicke Steinmauern – sie schützen vor Beschuss und Feuer und stabilisieren die enge Bauform in unebenem Gelände.
  • Eng gefasste Fenster und Schießscharten – kleine Öffnungen minimieren Verwundbarkeiten, erlauben aber Luft und Licht sowie Verteidigung mit Pfeil oder Armbrust.
  • Einzelner, oft erhöhter Eingang – Zugänge waren häufig schwer erreichbar oder durch Leitern und Laternen geschützt, um Angreifern den Zutritt zu erschweren.
  • Spiral- oder Wendeltreppen – sie verlaufen bewusst im oder gegen den Uhrzeigersinn, damit Angreifer mit dem Schwert schlechter hantieren konnten.
  • Gewölbte Keller und Speicher – Vorratsräume, Stallungen und Lagerräume befanden sich meist im unteren Bereich; die Wohnräume lagen darüber.
  • Dächer, Zinnen und Wehrgänge – bieten Positionen für Wachen; in manchen Regionen gab es auch Holzbalkone bzw. Wehrgänge (Hoardings).

Funktionen innerhalb der Gemeinschaft

Ein Turmhaus erfüllte mehrere Aufgaben gleichzeitig:

  • Militärische: Stellung zur Überwachung von Tälern, Pässen oder Handelswegen und zur Verteidigung kleiner Truppen.
  • Wohnfunktion: Unterkunft für die Familie des Herren, Verwalter und Gesinde; oft mit Küche, Schlafräumen und einer großen Halle.
  • Administrative: Ort, von dem aus Grundeigentum verwaltet, Abgaben eingezogen und Recht gesprochen wurden.
  • Symbolische: Sichtbares Zeichen von Macht und Besitz in einer Region – ein Statussymbol für lokale Herrscher und Adelige.
  • Schutzraum: Bei Fehden oder Überfällen bot das Turmhaus Bevölkerung und Vieh zeitweise Zuflucht.

Regionale Varianten und Beispiele

Turmhäuser sind in vielen Gebirgs- und Grenzregionen Europas und darüber hinaus verbreitet. Bekannte Typen und Orte sind:

  • Italien – Städte wie San Gimignano in der Toskana sind berühmt für ihre mittelalterlichen Stadttürme, die Wohn- und Verteidigungsaufgaben kombinierten.
  • Georgien (Svanetien) – in Regionen wie Ushguli stehen charakteristische steinerne Wohn-Wehrtürme; einige Dörfer der Svaneti sind Teil des UNESCO-Welterbes.
  • Schottland und Irland – die sogenannten Tower Houses und Peel Towers dienten als befestigte Wohnsitze der lokalen Schotten- und irischen Clans.
  • Balkan und Kaukasus – zahlreiche ähnliche Bauten, die sich an raues Terrain und clanorientierte Gesellschaftsformen anpassten.

Entwicklung und Niedergang

Im Hoch- und Spätmittelalter waren Turmhäuser wegen ihrer Kombination aus Wohnkomfort und Verteidigungsfähigkeit sehr verbreitet. Mit dem Vormarsch von Feuerwaffen und Artillerie in der Frühen Neuzeit (ab dem 15.–16. Jahrhundert) verloren viele Turmbauten jedoch ihre militärische Wirksamkeit. Manche wurden zu repräsentativen Wohnbauten umgebaut, andere verfielen oder wurden in Burgen und Herrensitze integriert.

Erhalt, Forschung und heutige Nutzung

Heute sind viele Turmhäuser denkmalgeschützt, dienen als Museen, private Wohngebäude oder touristische Attraktionen. Restaurierungen versuchen, historische Substanz zu bewahren und zugleich moderne Nutzungsanforderungen zu erfüllen (z. B. Einbau von Heizung, Elektrik und sanitären Anlagen). Archäologische und bauhistorische Forschungen liefern Erkenntnisse über Bauphasen, Nutzung und die soziale Bedeutung dieser Bauten in ihrer Region.

Zusammenfassung

Turmhäuser sind vielschichtige Bauwerke: Sie vereinen Wehrtechnik, Wohnfunktionen und Herrschaftssymbolik in einem kompakten, oft imposanten Baukörper. Vor allem in Bergregionen und Grenzgebieten spielten sie eine zentrale Rolle für Sicherheit, Verwaltung und soziale Ordnung vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.

Turmhaus der Burg Eltville, 14. JahrhundertZoom
Turmhaus der Burg Eltville, 14. Jahrhundert

Skizze eines Turmhauses, wie sie in Großbritannien üblich warenZoom
Skizze eines Turmhauses, wie sie in Großbritannien üblich waren



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