William Clito (1102–28. Juli 1128) war der Graf von Flandern (1127–1128) und ein bedeutender Anspruchsteller auf das Herzogtum Normandie, für das er den Titel des Titularherzogs der Normandie beanspruchte. Sein Beiname Clito stammt aus dem Lateinischen und entspricht dem angelsächsischen Wort "Aetheling" – beides bezeichnete einen Mann königlichen oder princlichen Blutes (vergleichbar mit dem modernen Begriff "Prinz").
Herkunft und Ansprüche
William war der Sohn von Robert Curthose, Herzog der Normandie und ältester Sohn Wilhelms des Eroberers, und dessen Frau Sybilla von Conversano. Nach der Niederlage und Gefangennahme Roberts durch seinen Bruder Heinrich I. von England (Schlacht von Tinchebray, 1106) wurde William zum natürlichen Anführer derer, die die Ansprüche Roberts und seiner Nachkommenschaft gegen Heinrich aufrechterhalten wollten. Als Neffe Wilhelms des Eroberers galt er in vielen Kreisen als rechtmäßiger Vertreter der älteren Linie der normannischen Herrscherfamilie.
Kampf um die Normandie
William Clito fungierte im frühen 12. Jahrhundert als Fokus für französische und englische Oppositionspolitik. Der französische König Ludwig VI. (Louis le Gros) unterstützte ihn gegen Heinrich I., um das machtpolitische Gleichgewicht in der Region zu seinen Gunsten zu verschieben. In den Jahren 1118–1119 kam es zu offenen Auseinandersetzungen um die Normandie; ein Wendepunkt war die Schlacht bei Brémule (20. August 1119), in der Heinrich I. die Truppen Ludwigs und seine Anhänger schlug. Damit wurden Williams unmittelbare Chancen, die Normandie zurückzugewinnen, deutlich reduziert.
Grafschaft Flandern und kurzes Regiment
Nach der Ermordung von Graf Karl dem Guten (Charles the Good) von Flandern im März 1127 wählten Teile des flämischen Adels William Clito zum neuen Grafen, teils unter dem Einfluss des französischen Königs. Mit wirtschaftlicher und politischer Unterstützung wurde William 1127 in Flandern eingesetzt, konnte seine Herrschaft dort aber nur kurz behaupten. Seine Machtposition wurde von konkurrierenden Kandidaten und dem aktiven Eingreifen Heinrichs I. unterminiert; Heinrich förderte rivalisierende Gruppen und suchte internationale Unterstützung gegen William.
Tod und Nachwirkung
William Clito starb am 28. Juli 1128 im Alter von etwa 26 Jahren. Sein früher Tod beendete die unmittelbaren Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der Herrschaft der Linie Roberts Curthose über die Normandie. In Flandern folgten weitere Machtkämpfe; letztlich setzte sich ein anderer Kandidat durch und die politische Landkarte Nordfrankreichs und Englands konsolidierte sich erneut unter Einfluss von Heinrich I. und seinen Alliierten.
Bedeutung
- William Clito steht symbolisch für den fortdauernden dynastischen Konflikt zwischen der älteren Linie (Robert Curthose) und der jüngeren Linie (Heinrich I.) der Nachkommen Wilhelms des Eroberers.
- Sein Einsatz als Gegenkandidat Ludwigs VI. zeigt, wie die französisch-englischen Rivalitäten im 12. Jahrhundert durch Personen mit dynastischen Ansprüchen befeuert wurden.
- Sein früher Tod trug maßgeblich dazu bei, dass die direkte Nachfolge Roberts Curthose in der Politik des europäischen Westens an Bedeutung verlor.
William Clitos Leben veranschaulicht die Verflechtung von Familienansprüchen, Feudalpolitik und königlicher Großmachtpolitik im Hochmittelalter; obwohl er persönlich nur kurze Zeit an der Spitze stand, hatte sein Dasein beträchtliche Auswirkungen auf die Politik in England, der Normandie und Flandern.

