Yeshe Tsogyal – Nyingma-Dakini, Gefährtin Padmasambhavas und Erleuchtete

Yeshe Tsogyal – Nyingma-Dakini, Gefährtin Padmasambhavas und Erleuchtete: Leben, Lehren, Termas, Reinkarnation und spirituelle Bedeutung der großen tibetischen Meisterin.

Autor: Leandro Alegsa

Yeshe Tsogyal (IPA: [jɛ-ˈʃɛɪ-ˌʦo-cɛl], die Aussprache etwa wie "Yeshe Tsogyel") ist in der Nyingma-Tradition des tibetischen Buddhismus als die Große Glückseligkeitskönigin berühmt. Sie ist zugleich historische Gestalt, verehrte weibliche Gottheit und Dakini – eine Verkörperung von Weisheit und Befreiung.

Leben und historische Einordnung

Yeshe Tsogyal lebte traditionell von 757 bis 817. In den Quellen wird sie als eine der Königinnengemahlinnen von Trisong Detsen (740 – ca. 798) genannt. Später wurde sie zur spirituellen Gefährtin von Guru Padmasambhava, nachdem der König sie ihm auf Bitten übergab. Nach den Überlieferungen wurde sie im Alter von sechzehn Jahren von Padmasambhava in den Buddhismus eingeweiht und widmete ihr Leben dem Studium und der Praxis der tantrischen Lehren.

Rolle in der Nyingma-Tradition

Yeshe Tsogyal nimmt in der Nyingma-Linie eine zentrale Stellung ein. Sie gilt als direkte Schülerin und Hauptgefährtin Padmasambhavas, unter anderem weil sie zahlreiche Unterweisungen von ihm empfangen, bewahrt und weitergegeben hat. Ihr werden folgende Aufgaben und Verdienste zugeschrieben:

  • Sammeln und Niederschreiben: Sie soll viele Belehrungen Padmasambhavas gesammelt und in Form von Lebensgeschichten und Lehrreden weitergegeben haben.
  • Terma-Tradition: Der Überlieferung nach ist sie auch an der Offenbarung und Bewahrung von Termas (versteckten Schätzen / Lehren) beteiligt gewesen.
  • Vorbild weiblicher Praxis: Als erleuchtete Frau und Dakini ist sie Vorbild für weibliche Praxis und spirituelle Autorität.
  • Buddha-Emanation: In der tibetischen Sichtweise gilt sie als eine Emanation eines Buddha oder als erleuchtetes Wesen, das in Menschenform erschien, um andere zu lehren.

Lehre, Praxis und Erleuchtung

Die Überlieferung berichtet, dass Yeshe Tsogyal nach intensivem Studium und Praxis die volle Befreiung verwirklichte. Sie wird als eine Verkörperung von Weisheit (Tib. ye shes) betrachtet. Viele Nyingma-Praktiken – besonders jene, die mit Padmasambhava und der dakiniischen Praxis verbunden sind – führen sie als inspirierende Quelle an. Ihre Lebensgeschichte und Lehrreden dienen als Vorbild für Meditation, rituelle Praxis und die subtile tantrische Yoga-Tradition.

Mythische Geburt und Namensbedeutung

Der Legende nach wurde Yeshe Tsogyal auf wundersame Weise geboren – ähnlich wie in manchen Buddha-Erzählungen – und schon ihre Geburt war von Zeichen und Wundern begleitet. Ihr Name wird erklärt als "Ursprüngliche (ye) Weisheit (shes) Königin (rgyal mo) des Sees (tso)" und soll sich auf eine Episode beziehen, bei der sich die Größe eines nahegelegenen Sees verdoppelte. In den Quellen heißt es, sie sei eine Reinkarnation von Buddhas eigener Mutter.

Aus dem Mund eines Lotus wurde geboren

Die schnelle Göttin, heroische Befreierin

Wer in menschlicher Gestalt hinausgegangen ist

Inmitten der schneebedeckten Berge Tibets.

Ikonographie und Identifikationen

Yeshe Tsogyal wird in religiösen Bildern und Skulpturen häufig in der Haltung einer Dakini dargestellt – manchmal in weiblicher, kraftvoller Form, teils auch in Verbindung mit der Form von Vajravarahi (Dorje Phagmo). In tibetischen Quellen wird sie zudem als Manifestation von Sarasvati angesehen und gelegentlich mit dem Bodhisattva Tara identifiziert. Solche Identifikationen zeigen, wie sie als Brücke zwischen indischen und tibetischen Heilsfiguren verstanden wird.

Historisches vs. hagiographisches Bild

Wie bei vielen bedeutenden religiösen Persönlichkeiten Tibets unterscheidet sich das historische Bild von Yeshe Tsogyal oft von der religiösen Hagiographie. Die rnam thar (spirituellen Biographien) schildern Wunder, Visionen und spirituelle Leistungen, die weniger als historische Chronik denn als bedeutsame Lehrstücke für die Praxis verstanden werden. Unabhängig davon hat ihre Figur erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Buddhismus in Tibet und speziell auf die Nyingma-Tradition ausgeübt.

Verehrung, Praxisorte und Einfluss

Yeshe Tsogyal wird in Klöstern, auf Thangkas und in Ritualen verehrt. Zahlreiche Orte im Himalaya und in Tibet gelten als mit ihr verbunden und sind Pilgerziele. Ihre Lebensgeschichte dient als Vorlage für spirituelle Praktiken, Inspirierende Schriften und die Praxis von Dakini-Formen. Für viele Praktizierende ist sie ein lebendiges Beispiel dafür, dass Erleuchtung nicht an ein Geschlecht gebunden ist, sondern durch entschiedene Praxis erreicht werden kann.

Quellen und Überlieferungen

Die wichtigsten Informationen über Yeshe Tsogyal stammen aus Nyingma-Überlieferungen, Biographien (rnam thar), Termaschriften und späteren Kommentaren. Diese Texte bilden die Grundlage für ihre Verehrung und die Weitergabe von Padmasambhavas Lehren durch Generationen von Nyingma-Meistern.

Zusammenfassend ist Yeshe Tsogyal eine Schlüsselfigur des tibetischen Buddhismus: zugleich historische Person, spirituelle Gefährtin Padmasambhavas, Bewahrerin von Lehren und Symbol für die verwirklichte Dakini-Weisheit. Ihre Geschichte verbindet historische Ereignisse mit spiritueller Deutung und hat bis heute großen Einfluss auf die Praxis und das Selbstverständnis der Nyingma-Tradition.

Als kurze Erinnerung: In traditionellen Texten heißt es metaphorisch auch:

Sie zeigt, welche Emanationsform auch immer sie zähmen wird

Jede beliebige [Person], so wie zum Beispiel der Vollmond am Himmel

Tritt als [verschiedene] Reflexionen in verschiedenen Wassergefäßen auf.

Fragen und Antworten

F: Wer ist Yeshe Tsogyel?


A: Yeshe Tsogyel ist eine weibliche Gottheit namens Dakini, die von 757 bis 817 lebte. Sie war die Frau von Kaiser Trisong Detsen und die Gemahlin von Guru Padmasambhava und ist in der Nyingma-Tradition des tibetischen Buddhismus als Große Glückskönigin bekannt.

F: Wie kam sie zur Welt?


A: Der Legende nach wurde sie auf die gleiche Weise wie der Buddha geboren, mit einem Sanskrit-Mantra, das erklang, während ihre Mutter schmerzlos gebar. Sie gilt als Reinkarnation von Buddhas eigener Mutter. Ihr Name rührt daher, dass sich durch ihre Geburt die Größe eines nahe gelegenen Sees verdoppelt hat.

F: Was hat Yeshey Tsogyal getan?


A: Im Alter von sechzehn Jahren wurde sie von Guru Padmasambhava in den Buddhismus eingeweiht und erlangte nach vielen Jahren des Studiums die Erleuchtung. Sie schrieb Padmasambhavas Lehren auf und sammelte die meisten seiner verborgenen Lehren, die Termas. Als Ehefrau von Tri-song-day-tsen und Gemahlin von Padmasambhava, die ihm auf ihre Bitte hin von König Trisong Detsen geschenkt wurde, steht sie historisch gesehen am Anfang der Verdunkelung des Buddhismus über Bön in Tibet.

F: Wie wirkt Yeshe Tsogyel auf die Menschen?


A: Die Tibeter sehen sie als einen Buddha, der die Gestalt einer gewöhnlichen Frau annimmt, damit der Durchschnittsmensch ihre Vajravarahi-Form als vollendete Gottheit sehen kann. Sie zeigt die Emanationsform, die den jeweiligen Menschen zähmt, so wie der Vollmond unterschiedlich erscheint, wenn er sich in verschiedenen Wassergefäßen spiegelt.

F: Gibt es noch andere Bedeutungen, die mit Yeshe Tsogyel verbunden sind?


A: Yeshe Tsogyel wird auch als Manifestation Sarasvatis betrachtet und manchmal mit dem Bodhisattva Tara identifiziert.

F: Was sind Termas?


A: Termas sind verborgene Lehren, die von Yeshey Tsogyal niedergeschrieben und von Guru Padmasambhava während seiner Zeit in Tibet offenbart wurden.


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