Das Erdbeben von Aleppo 1138 traf die Region am 11. Oktober 1138 und richtete schwere Schäden in der Umgebung der Stadt Aleppo im Norden Syriens an. In vielen modernen Übersichten erscheint das Ereignis mit sehr hohen Opferzahlen: Der Geologische Dienst der Vereinigten Staaten (USGS) führt es mit 230.000 Toten und ordnet es damit unter die verheerendsten Erdbeben der Geschichte ein. Diese Zahl ist jedoch umstritten, weil sie vermutlich mehrere zeitlich nahe beieinanderliegende Erdbeben und unterschiedlich interpretierte historische Berichte zusammenfasst.
Verlauf
Nach den mittelalterlichen Chroniken ereignete sich das Hauptbeben am 11. Oktober 1138 und löste lokal schwere Zerstörungen aus. Historische Berichte nennen Schäden in weiten Teilen Nordsyriens; in manchen Quellen wird die Wirkung auch über die Jazira-Ebene und bis in angrenzende Regionen berichtet. Durch die Nähe von weiteren starken Erdbeben – etwa in der Jazira im November 1137 und einem großen Erdbeben am 30. September 1139 in Ganja (im heutigen Aserbaidschan) – ist die genaue Zuordnung mancher Schadens- und Opferangaben schwierig. Moderne Forscher betonen daher, dass einzelne Nummern in den Überlieferungen leicht zwischen Ereignissen vermischt worden sein können.
Opferzahlen und ihre Probleme
Die häufig zitierte Zahl von 230.000 Toten geht in der direkten Überlieferung nicht eindeutig auf zeitgenössische Augenzeugen zurück. Vielmehr erscheint diese hohe Summe in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Chroniken, wobei die früheste Nennung dieser konkreten Gesamtzahl oft dem ägyptisch-kairoischen Historiker Ibn Taghribirdi (15. Jahrhundert) zugeschrieben wird. Spätere Kopisten und Chronisten übernahmen und verbreiteten solche Angaben weiter.
Moderne Historiker und Erdbebenkataloge sind vorsichtiger: sie weisen darauf hin, dass Opferzahlen im Mittelalter häufig überhöht wurden, dass mehrere Beben zusammengezählt wurden und dass sekundäre Todesursachen (Seuchen, Hungersnöte nach der Zerstörung) in manchen Quellen in die Bebenopfer eingerechnet wurden. Schätzungen für die tatsächliche Zahl der direkten Erdbebentoten variieren stark; belastbare, einheitliche Angaben gibt es nicht. Viele Fachleute sehen die USGS-Angabe als Obergrenze oder als Ergebnis der Zusammenfassung mehrerer Ereignisse und nicht als verifizierte Zahl für ein einzelnes Beben.
Historische Quellen
- Zeitgenössische und nahzeitige Chroniken: Zu den wichtigen mittelalterlichen Zeugnissen zählen Beiträge von syrischen und arabischen Chronisten (z. B. Ibn al-Qalanisi, Ibn al-Athir, Michael der Syrer), die regionale Erdbeben und ihre Folgen beschrieben haben. Diese Berichte sind meist knapp, schildern aber Zerstörungen und soziale Folgen.
- Spätere Überlieferungen: Chronisten wie Ibn Taghribirdi (15. Jh.) fassten ältere Nachrichten zusammen und nannten teils sehr hohe Opferzahlen. Solche späteren Sammlungen sind für die Quantifizierung problematisch, weil sie verschiedene Meldungen zusammenführen können.
- Moderne Kataloge und Forschung: Wissenschaftler und Kataloge (z. B. USGS, historische Erdbebenkataloge von Fachleuten wie Guidoboni, Ambraseys u. a.) werten die mittelalterlichen Quellen kritisch aus und vergleichen sie mit geologischen und archäologischen Befunden. Diese Arbeiten betonen die Unsicherheiten in den Zahlenangaben und versuchen, Beben to Ereigniszuordnungen zu klären.
Geologischer Hintergrund
Die Region um Aleppo liegt in einer tektonisch aktiven Zone, an der sich die arabische Platte gegen die eurasische Platte bewegt. Wichtige Verwerfungssysteme in der weiteren Region sind der sogenannte Totes-Meer-Transform (Dead Sea Transform) und das östliche anatolische Verwerfungsnetz; an solchen Strukturen treten im historischen und heutigen Zeitraum wiederholt schwere Erdbeben auf. Aufgrund dieser tektonischen Lage sind starke Beben in Nordsyriens Geschichte mehrfach dokumentiert.
Bewertung und Fazit
Das Erdbeben von Aleppo 1138 war zweifellos ein schweres, zerstörerisches Ereignis mit erheblichen lokalen Folgen. Die heute oft zitierte Zahl von 230.000 Toten ist historisch jedoch fragwürdig: Sie beruht wahrscheinlich auf der Zusammenfassung mehrerer Beben und auf späteren, nicht immer zuverlässigen Überlieferungen. Moderne Forschung empfiehlt daher, mit solchen großen Summen vorsichtig umzugehen und sie nicht ohne weitere Kontextualisierung als gesichertes Faktum darzustellen.
Wer sich vertiefend informieren möchte, findet in den historischen Erdbebenkatalogen und in kritischen Arbeiten zur mittelalterlichen Chronistik weiterführende Diskussionen zur Quellenlage, zu möglichen Magnitudenparametern und zur Interpretation der überlieferten Opferzahlen.