Bruno Latour – Philosophie, Akteur-Netzwerk-Theorie und Einfluss

Bruno Latour: Wegweisende Philosophie und Akteur‑Netzwerk‑Theorie — Einblick in sein Leben, Werke und nachhaltigen Einfluss auf Wissenschafts- und Technikforschung.

Autor: Leandro Alegsa

Bruno Latour (geboren am 22. Juni 1947, gestorben am 9. Oktober 2022) ist ein französischer Philosoph und Soziologe der Wissenschaften. Latour ist vor allem für seine empirisch fundierten Beiträge zur Wissenschafts- und Technikforschung (Science and Technology Studies, STS) bekannt. Er lehrte an mehreren Institutionen, darunter der École des Mines de Paris, der Sciences Po und der London School of Economics. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen Laboratory Life (1979, mit Steve Woolgar), Science in Action (1987) und We Have Never Been Modern (1991). Im Jahr 2007 gehörte er zu den am häufigsten zitierten Autorinnen und Autoren in den Sozialwissenschaften; sein Werk hat weitreichenden Einfluss auf Soziologie, Anthropologie, Philosophie und Umweltpolitik gehabt.

Leben und akademischer Werdegang

Latour studierte Sozialwissenschaften und begann seine Karriere mit empirischen Studien in naturwissenschaftlichen Laboren. Die Feldforschung, etwa die ethnographische Untersuchung von Forschungslaboren, prägte seine Methode: er beobachtete, wie wissenschaftliche Fakten hergestellt, stabilisiert und in Technik und Gesellschaft eingebettet werden. Latour arbeitete international als Professor, Forscher und öffentlicher Intellektueller; 2013 wurde er mit dem renommierten Holberg-Preis ausgezeichnet.

Zentrale Konzepte und Theorien

  • Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT): Gemeinsam mit Forschern wie Michel Callon und John Law entwickelte Latour die Akteur-Netzwerk-Theorie. ANT betrachtet sowohl Menschen als auch Nicht-Menschen (Maschinen, Instrumente, Texte, Naturphänomene) als relevante Akteure oder „Actants“, die in Netzwerken miteinander verbunden sind. Diese Perspektive hebt die Symmetrie zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Handlungsträgern hervor und analysiert, wie Netzwerke aufgebaut, stabilisiert und verändert werden.
  • Translation und Enrollment: zentrale Prozesse in ANT sind Übersetzung (translation), Einschreibung und Rekrutierung (enrolment). Latour beschreibt, wie Ideen, Geräte oder Fakten durch Verhandlungen, Stabilisierungsschritte und technische Artefakte in Netzwerken verankert werden.
  • Black Boxing: Ein „Black Box“ ist ein einmal stabilisiertes technisches oder wissenschaftliches Gebilde, dessen innere Komplexität für Nutzer oder andere Akteure unsichtbar geworden ist. Latour analysierte, wie solche Black Boxes entstehen und welche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse sie verbergen.
  • Hybride und das Ende der strikten Natur/Kultur-Trennung: In We Have Never Been Modern argumentiert Latour, moderne Gesellschaften produzierten zahlreiche „Hybride“ oder „Quasi-Objekte“, die Natur und Kultur verbinden. Er kritisierte die Vorstellung einer klaren Trennung zwischen Natur und Gesellschaft und plädierte für neue politische Formen, die diese Vermischungen anerkennen (z. B. die Idee eines „Parlaments der Dinge“ in Politics of Nature).
  • Methode: „Follow the actors“: Latour forderte, die Akteure, Kontroversen und praktischen Prozesse zu verfolgen, die zur Herstellung von Fakten führen. Dies bedeutet empirische Genauigkeit und das Beschreiben von Übersetzungsprozessen statt vorschneller theoretischer Zuschreibungen.

Wichtige Werke (Auswahl)

  • Laboratory Life (1979, mit Steve Woolgar) – Ethnographie eines Forschungslabors.
  • Science in Action (1987) – Untersuchung wissenschaftlicher Praxis und der Entstehung technischer Fakten.
  • We Have Never Been Modern (1991) – Kritik der Trennung von Natur und Gesellschaft; Konzept der Hybride.
  • Politics of Nature: How to Bring the Sciences into Democracy (1999) – Politische Folgen der Einbeziehung nicht-menschlicher Akteure.
  • Reassembling the Social: An Introduction to Actor-Network-Theory (2005) – Systematische Darstellung der ANT-Methodik.
  • An Inquiry into Modes of Existence (2013) – Pluriversale Ansätze und unterschiedliche „Modi des Seins“ für die Hervorbringung von Wahrheiten.
  • Facing Gaia (2017) und Down to Earth (2018) – Auseinandersetzung mit Klima, Politik und der Beziehung zur Erde.

Einfluss, Anwendungen und Rezeption

Latours Arbeiten haben zahlreiche Disziplinen beeinflusst: STS, Soziologie, Anthropologie, Philosophie, Architektur, Designforschung, Umweltwissenschaften und Museologie. Seine Konzepte werden genutzt, um technische Infrastruktur, wissenschaftliche Kontroversen, Umweltpolitik und die Rolle digitaler Medien zu analysieren. Politisch wirkten seine Ideen in Debatten darüber mit, wie nicht-menschliche Interessen (z. B. Ökosysteme oder technische Systeme) in demokratischen Prozessen berücksichtigt werden können.

Kritik und offene Debatten

Latour wurde sowohl gefeiert als auch kritisiert. Hauptvorwürfe waren:

  • Relativismusvorwürfe: Kritiker warfen ihm vor, wissenschaftliche Wahrheit zu relativieren, weil er soziale Aspekte der Wissensproduktion betont. Latour selbst widersprach diesem Missverständnis wiederholt: Er wollte zeigen, wie Wahrheiten hergestellt werden, nicht behaupten, dass alles beliebig sei.
  • Vernachlässigung von Machtanalysen: Manche Kommentatoren bemängelten, dass ANT Machtverhältnisse oder strukturelle Ungleichheiten nicht immer ausreichend in den Blick nimmt.
  • Methodische Herausforderungen: Die empirische Genauigkeit von „follow the actors“ ist aufwendig; zudem wird diskutiert, wie generalisierbar ANT-Analysen sind.

Vermächtnis

Bruno Latour hinterlässt ein umfangreiches theoretisches und methodisches Erbe. Seine Betonung auf empirischer Detailarbeit, die Anerkennung nicht-menschlicher Akteure und die Analyse technischer sowie ökologischer Vernetzungen bleiben zentral für gegenwärtige Debatten über Wissenschaft, Technologie und Umwelt. Seine Texte fordern Forscherinnen und Forscher dazu heraus, die Herstellung von Wissen und die politischen Konsequenzen technischer Kulturen genau nachzuzeichnen und neue Formen kollektiver Entscheidungsfindung zu denken.

Biographie

Latour hat an der Université de Tours in Theologie promoviert. Er begann sich für Anthropologie zu interessieren und ging an die Elfenbeinküste, um Feldforschung für eine Arbeit über Rasse und Kolonien zu betreiben.

1982 begann Latour an der École des Mines de Paris zu unterrichten. Im Jahr 2005 übernahm er den Spinoza-Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Amsterdam. Im Jahr 2006 beendete er seine Lehrtätigkeit an der École des Mines de Paris, um wissenschaftlicher Direktor bei Sciences Po zu werden. Im Jahr 2017 zog er sich von den meisten Universitätsaktivitäten zurück.



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