Die Zyklostome (oder Zyklostomata) umfassen die Neunaugen und die Schleimaale. Sie sind die beiden einzigen heute lebenden kieferlosen Fische (Agnatha) und weisen damit eine sehr ursprüngliche Körperbauweise unter den Wirbeltieren auf.
Wichtige Merkmale
- Kein Kiefer: Der Name Cyclostomata bedeutet „runde Münder“. Mangels Kiefer können sie ihren Mund nicht wie kiefertragende Fische schließen und müssen deshalb kontinuierlich Wasser einströmen lassen oder eine Saugfunktion nutzen.
- Körperbau: schlank, aalähnlich; Schleimaale besitzen eine schleimproduzierende Hautdrüse, Neunaugen haben einen saugnapfähnlichen Mund mit einer raspelartigen Zunge.
- Skelett und Kopf: Beide Gruppen besitzen einen knorpeligen Schädel (Cranium), doch echte Wirbelkörper sind bei Schleimaal‑Formen oft reduziert oder fehlen; sie gelten dennoch in erweitertem Sinn als Wirbeltiere (Craniata).
- Sinnesorgane: Gut entwickelte Chemorezeption und Tast‑/Geruchssinn; viele Arten haben einfache Augen und zusätzliche Rezeptoren für Strömung und Vibrationen.
Lebensweise und Ökologie
- Habitat: Schleimaale leben überwiegend im Meer, häufig in tiefen oder schlammigen Bereichen; viele Neunaugen leben im Süß‑ oder Brackwasser, einige sind an Meeresbedingungen angepasst und wandern zwischen Süß‑ und Salzwasser.
- Nahrungsweise: Neunaugen sind oft blutsaugende oder räuberische Aufsatzfresser (bei manchen Arten parasitisch am Fischkörper), andere fressen kleine wirbellose Tiere. Schleimaale sind vorwiegend Aasfresser und nutzen ihren raspelnden Mund und das Binden‑in‑Knoten zur Nahrungsaufnahme.
- Verteidigung: Schleimaale produzieren große Mengen schleimiger Sekrete, die Räuber abwehren und Kiemen verstopfen können; sie knoteten sich auch, um Schleim zu entfernen oder Zugkraft beim Fressen zu erzeugen.
Fortpflanzung und Entwicklung
- Viele Neunaugen durchlaufen eine markante Larvenphase (Ammocoeten), die als Sediment‑Filterfresser mehrere Jahre dauern kann, bevor eine Metamorphose zum erwachsenen Tier erfolgt.
- Fortpflanzungsstrategien variieren: Einige Neunaugen sind parasitisch im Erwachsenenstadium, andere nicht; Schleimaale zeigen weniger ausgeprägte Larvenstadien und sind meist marine Laicher.
Evolution und Systematik
Neuere molekulare Daten, etwa aus rRNA‑Sequenzen und mtDNA, unterstützen die Ansicht, dass die heute lebenden Agnathen monophyletisch sind – sie bilden demnach eine gemeinsame natürliche Verwandtschaftsgruppe, die Cyclostomata. Diese molekularen Befunde halfen, ältere Debatten zu klären, in denen Schleimaale und Neunaugen teils unterschiedlich eingeordnet wurden.
Fossile Befunde zeigen, dass kieferlose Wirbeltiere bereits im frühen Paläozoikum vorhanden waren; die Cyclostomata repräsentieren dabei ein sehr ursprüngliches Bauprinzip der Wirbeltierentwicklung.
Arten und Verbreitung
Weltweit gibt es insgesamt etwa 100 Arten der Zyklostome, die sich auf die beiden Ordnungen verteilen. Schleimaale sind überwiegend mariner Verbreitung, Neunaugen finden sich in küstennahen, brackigen und vielen Binnengewässern. Innerhalb der Ordnungen gibt es sowohl weit verbreitete als auch lokal gefährdete Arten.
Bedeutung für Ökosysteme und Menschen
- Ökologisch spielen Zyklostome als Aasverwerter, Parasiten und Nahrungsquelle für andere Tiere eine Rolle.
- Menschliche Einflüsse: Manche Neunaugen, etwa die Seeneunauge, sind in bestimmten Regionen invasiv und verursachten historische Probleme (z. B. in den Großen Seen Nordamerikas), während andere Arten lokal bedroht sind durch Habitatverlust, Gewässerverschmutzung und Durchlässigkeit von Flussläufen.
- Wirtschaftlich werden Schleimaale in manchen Regionen gefangen und verarbeitet; gleichzeitig bestehen Tierschutz‑ und Nachhaltigkeitsfragen.
Bemerkung zu Wirbelsäulenverlust
Obwohl Schleimaale als Wirbeltiere im weiten Sinn gelten, besitzen sie häufig keine ausgebildeten Wirbelkörper. Es wird angenommen, dass sie ihre Wirbel während der Evolution sekundär reduziert oder verloren haben, um sich ihrer spezialisierten Lebensweise anzupassen (Anpassung).
Weiterführende Hinweise
Die Zyklostome sind ein spannendes Forschungsfeld in Entwicklungsbiologie, Paläontologie und Genetik, weil sie Einblicke in frühe Schritte der Wirbeltierentwicklung und in die Evolution von Kiefern, Sinnesorganen und Skeletten geben.