Anachoret (Ankerit/Ankerin): Definition, Leben und Geschichte der Einsiedler

Anachoret (Ankerit/Ankerin): Definition, Leben & Geschichte der christlichen Einsiedler — asketische Praxis, klösterliche Regeln und faszinierende Biografien vom Mittelalter bis heute.

Autor: Leandro Alegsa

Ein Ankerit (weiblich: Ankerin) — vom griechischen Wort anachōrētēs, „der Zurückgezogene“ — ist eine Person, die sich aus religiösen Gründen dauerhaft aus der weltlichen Gemeinschaft zurückzieht, um ein intensives, asketisches und gebetsorientiertes Leben zu führen. Im Unterschied zu freien Einsiedlern (Hermiten), die an wechselnden Orten leben konnten, legten Ankeriten oft ein Gelübde ab, an einem festen Ort zu verbleiben: der sogenannten Ankerzelle oder Anchorhold. Diese Zelle war häufig an eine Ortskirche angebaut oder lag in einer Wand der Kirche.

Leben und Alltag

Das Leben einer Ankerin oder eines Ankeriten war durch strenge Routine und Kontemplation geprägt. Typische Merkmale und Tätigkeiten waren:

  • Gebet und Gottesdienst: Teilnahme am Stundengebet, häufiges persönliches Gebet und Meditation über biblische Texte.
  • Liturgische Verbindung zur Kirche: Durch ein Fenster zur Kirche (manchmal ein sog. squint oder „Schielfenster“) konnte die Ankerin an der Messe teilnehmen und die Kommunion empfangen.
  • Beschränkter Kontakt mit der Außenwelt: Ein weiteres Fenster zur Straße oder zum Kirchvorplatz ermöglichte den Empfang von Besuchern, das Geben geistlicher Ratschläge und das Empfangen von Almosen, ohne die physische Abschottung zu brechen.
  • Askese und einfache Lebensführung: Beschränkte Nahrung, spärlicher Besitz und oft tägliche Handarbeiten (z. B. Weben, Nähen), um den Lebensunterhalt zu ergänzen.
  • Geistliche Arbeit: Viele Ankeriten schrieben geistliche Texte, Briefe oder Berichte über Visionen; einige wurden als spirituelle Beraterinnen und Berater gesucht.

Ritual der Einschließung und Rechtliches

Der Eintritt in das anchoritische Leben war meist formalisiert: ein Bischof oder ein kirchlicher Würdenträger vollzog das Ritual der Einschließung, bei dem die betreffende Person symbolisch „begraben“ und in die Getreue der Kirche aufgenommen wurde. Das Gelübde umfasste häufig lebenslange Stabilität am Ort (stabilitas loci) und Gehorsam gegenüber kirchlicher Leitung. Die Gemeinde trug oft Verantwortung für Versorgung und Schutz der Ankerzelle.

Geschichte und Verbreitung

Das anchoritische Leben gehört zu den frühesten Formen des christlichen Mönchtums und entwickelte sich bereits in der Spätantike parallel zur asketischen Bewegung der Wüstenväter und -mütter. Vom 12. bis zum 16. Jahrhundert gab es besonders in England und auf dem europäischen Kontinent zahlreiche Ankerzellen. In diesen Jahrhunderten waren weibliche Ankeriten häufiger als männliche: manchmal bis zu vier zu eins (im 13. Jahrhundert) und schließlich etwa zwei zu eins (im 15. Jahrhundert). Allerdings sind die Quellen lückenhaft, und das Geschlecht einer großen Zahl von Ankeriten wird für viele Zeiträume nicht erfasst.

Bedeutung und gesellschaftliche Rolle

Ankeriten spielten eine wichtige Rolle im religiösen Leben des Mittelalters. Sie galten als besonders fromm und erfahrungsnah im spirituellen Bereich, wurden um Rat gefragt und konnten durch ihre Isolation eine Autorität in Fragen der Buße, der Seelsorge und mystischer Erfahrung werden. Ihre Präsenz war zugleich ein geistliches Zeugnis für die Gemeinde und häufig Gegenstand lokaler Verehrung.

Rückgang und Nachwirkungen

Mit der Reformation und den sozialen sowie kirchenpolitischen Umbrüchen der Neuzeit ging die anchoritische Tradition in vielen Regionen zurück. Viele Ankerzellen wurden aufgegeben oder baulich verändert. Dennoch sind an einigen Orten mittelalterliche Ankerzellen erhalten oder archäologisch nachweisbar, und einzelne Texte und Berichte von Ankeriten, etwa die Schriften der bekannten Ankerin Julian von Norwich, leben in der theologischen Literatur weiter. In einigen modernen christlichen Gemeinschaften gab es im 19. und 20. Jahrhundert zeitweise Versuche, Aspekte der anchoritischen Lebensweise wieder aufzugreifen.

Bekannte Ankeriten

  • Julian von Norwich (14. Jh.) – englische Ankerin, Verfasserin der mystischen Schrift „Revelations of Divine Love“.
  • Weitere namentlich überlieferte Ankeriten und Ankerinnen sind in lokalen Kirchengeschichten und Klosterchroniken zu finden; viele blieben jedoch anonym.

Zusammenfassend ist die anchoritische Lebensform eine besondere Ausprägung christlicher Askese und Kontemplation: geprägt von Räumlicher Begrenzung, tiefer Gebetsorientierung und oft einer engen, wenn auch eingeschränkten Verbindung zur Gemeinde.

Die Zelle von Anchorite in Skipton.Zoom
Die Zelle von Anchorite in Skipton.

Namhafte Personen

  • Julian von Norwich

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Fragen und Antworten

F: Was ist ein Ancestry-Anhänger?


A: Ein Anchorite ist jemand, der sich aus religiösen Gründen aus der weltlichen Gesellschaft zurückzieht, um ein intensives, vom Gebet erfülltes, asketisches Leben zu führen.

F: Wie unterscheiden sich die Anchoriten von den Eremiten?


A: Anchoriten mussten Gott versprechen, an einem Ort zu bleiben, und zwar in einem sehr kleinen Raum, während Eremiten diese Bedingung nicht erfüllen mussten.

F: Was ist das ankeritische Leben?


A: Das ankeritische Leben ist eine der frühesten Formen des christlichen Mönchtums, bei dem sich eine Person aus der weltlichen Gesellschaft zurückzieht, um ein hochreligiöses und asketisches Leben zu führen.

F: Wie ist das Geschlechterverhältnis zwischen weiblichen und männlichen Anchorites vom 12. bis zum 16.
A: In dieser Zeit waren die weiblichen Anchorites durchweg in der Überzahl, manchmal sogar vier zu eins (im 13. Jahrhundert), und fielen schließlich auf zwei zu eins (im 15. Jahrhundert).

F: Ist das Geschlecht jedes Anchoriten in dieser Zeitspanne aufgezeichnet?


A: Nein, das Geschlecht einer großen Anzahl von Anchorites ist für diese Zeiträume nicht aufgezeichnet.

F: Wo lebten die Anchoriten gewöhnlich?


A: Verankerte lebten in einem sehr kleinen Raum, der entweder an eine örtliche Kirche angebaut war oder sich in den Mauern befand.

F: Was war die religiöse Motivation für den Beitritt zu den Anchoriten?


A: Die Motivation für den Beitritt zu den Anchoriten war der Wunsch, aus religiösen Gründen ein intensives, betendes und asketisches Leben zu führen.


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