Inge Lehmann stellte die bis dahin gängige Vorstellung in Frage, dass der metallische Kern unseres Planeten vollständig flüssig sei. Mit Hilfe mathematischer Analysen untersuchte sie, wie die von Erdbeben freigesetzte Energie als seismische Wellen durch die Erde wandert. Aus ihren Messungen und Auswertungen folgerte sie, dass der Erdkern nicht homogen flüssig ist, sondern aus einem festen inneren Kern und einem flüssigen äußeren Kern besteht. Diese bahnbrechende Entdeckung machte sie 1936 bekannt und veränderte nachhaltig das Verständnis des inneren Aufbaus unseres Planeten. Lehmann selbst wurde am 13. Mai 1888 geboren und starb am 21. Februar 1993 – sie erreichte damit ein Alter von 104 Jahren und gehörte zu den langlebigsten Wissenschaftlerinnen der Geschichte.
Wie sie arbeitete
Lehmann analysierte Ankunftszeiten und Laufwege von P‑ und S‑Wellen aus entfernten Erdbeben. Auffällige Abweichungen in den gemessenen Laufzeiten deuteten auf zusätzliche Grenzflächen im Inneren der Erde hin. Durch sorgfältige mathematische Modellierung und den Vergleich mit Beobachtungsdaten zeigte sie, dass eine harte, dichte Region im Zentrum der Erde die beobachteten Wellenmuster am besten erklärt. Ihre Arbeit verband präzise Beobachtung mit theoretischer Auswertung und legte damit Grundlagen für die moderne Seismologie.
Jugend und Ausbildung
Ihr Vater, Alfred Georg Ludvik Lehmann, und ihre Mutter, Ida Sophie Torsleff, stammten aus angesehenen Familien. Inge war ein zurückhaltendes, schüchternes Mädchen und fühlte sich nicht wohl im Rampenlicht – diese Zurückhaltung begleitete sie auch in ihrem späteren Leben. Sie besuchte die private, koedukative Schule Fællesskolen (wörtlich „geteilte Schule“), die von Hanna Adler gegründet worden war und für ihre fortschrittliche, gleichberechtigte Behandlung von Jungen und Mädchen bekannt war. Dort gefiel ihr das Schulklima, allerdings langweilte sie sich manchmal, weil sie sich nicht ausreichend gefordert fühlte.
1906 bestand sie im Alter von 18 Jahren die Aufnahmeprüfung für die Universität Kopenhagen mit sehr guten Leistungen. Im Jahr 1907 begann sie ihr Studium in Universität Kopenhagen mit den Fächern Mathematik, Chemie und Physik. Ihr Studium schloss sie schließlich 1920 ab. Anschließend wandte sie sich zunehmend der Geophysik und speziell der Seismologie zu.
Beruflicher Werdegang und Wirkung
Nach ihrem Studium arbeitete Lehmann an seismologischen Messungen und Auswertungen, entwickelte verbesserte Laufzeitmodelle und beschäftigte sich mit der Interpretation von seismischen Daten. Ihre Entdeckung des inneren Erdkerns wurde international beachtet und beeinflusste die Entwicklung theoretischer Modelle über den inneren Aufbau der Erde, die Dynamik des Erdkerns und die Entstehung des Erdmagnetfeldes.
Lehmann blieb ihr Leben lang wissenschaftlich aktiv, veröffentlichte zahlreiche Arbeiten und wurde für ihre Leistungen international anerkannt. Ihr präziser, mathematisch fundierter Zugang zur Seismologie machte sie zu einer Schlüsselfigur in der Geophysik des 20. Jahrhunderts.
Vermächtnis
Inge Lehmans Entdeckung des festen inneren Kerns zählt zu den wichtigsten Beiträgen der Seismologie. Sie zeigte eindrücklich, wie aus der Analyse von Wellen, die vom Erdboden aus gemessen werden, Rückschlüsse auf Abläufe und Strukturen tief im Erdinneren gezogen werden können. Ihr Leben steht außerdem für die Rolle von Frauen in der Wissenschaft; als zurückhaltende, aber wissenschaftlich äußerst präzise Forscherin bahnte sie den Weg für spätere Generationen von Geowissenschaftlerinnen und Geowissenschaftlern.