Das System der zusätzlichen Mitglieder ist ein Wahlsystem, das verwendet wird, um ein proportionaleres Ergebnis zu erzielen als die Pluralitätswahl, auch bekannt als First Past The Post. Es wird manchmal auch als gemischte Proportionalwahl bezeichnet, aber diese beiden Wahlsysteme haben unterschiedliche Arten der Zuteilung von Listenplätzen. Der Begriff System mit zusätzlichen Mitgliedern wird fast nur im Vereinigten Königreich verwendet, wurde jedoch von 1993 bis 2005 zur Beschreibung des italienischen Wahlsystems verwendet.

Wie funktioniert das System der zusätzlichen Mitglieder (AMS)?

  • Zwei Stimmen: Wählerinnen und Wähler geben in der Regel zwei Stimmen ab – eine für eine Kandidatin oder einen Kandidaten in einem Wahlkreis (Constituency) und eine zweite Stimme für eine Partei auf einer regionalen oder nationalen Liste.
  • Erstmandate: Die Wahlkreisabgeordneten werden meist nach dem Prinzip der einfachen Mehrheitswahl (First Past The Post) bestimmt: Wer in einem Wahlkreis die meisten Stimmen erhält, gewinnt das Mandat.
  • Ausgleichsmandate: Die übrigen Sitze werden aus Parteienlisten verteilt, um das Ergebnis proportionaler gegenüber der Gesamtstimmenzahl zu machen. Diese «Top-up»-Mandate sollen Diskrepanzen zwischen dem Anteil der Stimmen und dem Anteil der erhaltenen Direktmandate ausgleichen.
  • Zuteilungsmethode: Für die Verteilung der Listenmandate wird häufig das D'Hondt-Verfahren verwendet. Dabei werden die Stimmen jeder Partei durch die Zahl der bereits gewonnenen Sitze plus eins geteilt; das Mandat geht jeweils an die Partei mit dem höchsten quotienten.

Wesentliche Merkmale

  • Mix aus Direkt- und Listenmandaten: AMS verbindet die lokale Vertretung durch Direktabgeordnete mit der proportionalen Verteilung von Parteistimmen.
  • Varianten bei Listen: Listen können geschlossen (Partei bestimmt Reihenfolge) oder offen (Wähler können Kandidaten priorisieren) gestaltet sein. In vielen AMS-Anwendungen sind die Listen geschlossen.
  • Ausgleichsgrad: AMS ist in der Regel proportionaler als reines FPTP, erreicht aber nicht immer die gleiche Proportionalität wie vollständig kompensatorische Systeme (z. B. manche Formen des Mixed-Member Proportional, MMP), vor allem wenn nur wenige Aufstockungsmandate vergeben werden.
  • Wahlhürden und regionale Unterschiede: Die konkrete Wirkung hängt von Faktoren ab wie der Anzahl der Ausgleichsmandate, Regionalisierung der Listen, und möglichen Sperrklauseln (Thresholds).

Vorteile und Nachteile

  • Vorteile:
    • Verbessert die Proportionalität gegenüber reinen Mehrheitswahlsystemen.
    • Erhält die Verbindung zwischen Wählerinnen/Wählern und lokalen Abgeordneten.
    • Erleichtert den Einzug kleinerer Parteien ins Parlament und trägt zu ausgeglicheneren Mehrheitsverhältnissen bei.
  • Nachteile:
    • Kann zwei Klassen von Abgeordneten schaffen (Direktgewählte vs. Listenabgeordnete), was als Demokratisierungsdefizit wahrgenommen werden kann.
    • Komplexer für Wähler und Verwaltung als einfache Mehrheitswahl.
    • Proportionale Wirkung ist abhängig von den Parametern des Systems; bei zu wenigen Ausgleichsmandaten bleibt Verzerrung möglich.

Unterschiede zu anderen Mischsystemen

  • AMS vs. MMP: Beide kombinieren Direktmandate und Listenmandate, aber MMP (wie z. B. in Neuseeland oder Deutschland in ähnlicher Form) zielt meist stärker auf vollständige Ausgleichsproportionalität ab und kann die Gesamtzahl der Sitze flexibler gestalten, um Überhangmandate auszugleichen. AMS ist oft regional begrenzter und kann weniger komplett ausgleichend sein.
  • Unterschiedliche Berechnungsmethoden: Die konkrete Zuteilung (D'Hondt, Sainte-Laguë u. ä.) beeinflusst die Stärke des Ausgleichs und die Chancen kleiner Parteien.

Beispiele für Anwendung

  • Im Vereinigten Königreich wird der Begriff und das Modell besonders für Systeme in Schottland, Wales und der Londoner Assembly verwendet. Dort werden regionale Listenmandate genutzt, um das Gesamtverhältnis auszugleichen.
  • Der Begriff wurde historisch auch zeitweise im Zusammenhang mit dem italienischen Wahlsystem der Jahre 1993–2005 verwendet, obwohl die genaue Ausgestaltung von jener anderer AMS-Modelle abweichen kann.
  • Andere Länder verwenden verwandte Mischsysteme; die Details (Anzahl der Listenmandate, Art der Liste, Berechnungsverfahren) führen zu deutlichen Unterschieden in der praktischen Wirkung.

Fazit

Das System der zusätzlichen Mitglieder ist ein Kompromiss zwischen lokaler Repräsentation und proportionaler Wählerwille-Abbildung. Es bietet viele Vorteile gegenüber reinen Mehrheitswahlverfahren, bleibt aber in seiner Ausgleichswirkung abhängig von den konkreten Regelungen (Anteil der Listenmandate, Berechnungsverfahren, Listenart). Wer die Wirkung eines spezifischen AMS verstehen möchte, muss deshalb die genauen Regeln dieses Systems betrachten.