Wiglaf in Beowulf: Loyaler Held, Drachentöter und Königsnachfolger
Wiglaf in Beowulf: loyaler Gefährte, tapferer Drachentöter und ernannter König — Mut, Treue und Erbe einer nordischen Heldensaga.
Wiglaf ist eine der wichtigsten Nebenfiguren im altenglischen Epos Beowulf. Im Gedicht tritt er als junger Krieger und treuer Gefolgsmann des titulären Helden auf. Er wird als verwaister Sohn eines Kriegerfürsten vorgestellt, der in den Dienst Beowulfs tritt, nachdem Beowulf König der Geten geworden ist. Wiglaf bleibt Beowulfs loyalster Gefolgsmann bis zum Ende: Als ein Drache das Reich bedroht und Beowulf im Kampf schwer verwundet wird, eilt Wiglaf zu Hilfe, während die übrigen Gefolgsleute fliehen. Gemeinsam mit dem sterbenden König tötet er das Untier schließlich durch einen Stich in die Kehle. Beowulf, schwer verwundet, verlangt noch, den Drachenschatz gezeigt zu bekommen, und setzt mit seinen letzten Worten Wiglaf als Nachfolger ein, da er keine eigenen Nachkommen hat. Nach dem Tod Beowulfs wird der Leichnam nach nordischem Brauch verbrannt und ein Grabhügel errichtet; Wiglaf übernimmt die Herrschaft über das Volk.
Herkunft und Stellung im Gedicht
Im Epos wird Wiglaf als Sohn des Weohstan (im Altenglischen Wēohstān) und als Angehöriger des Wægmunding-Clans beschrieben. Das Gedicht deutet eine verwandtschaftliche oder clan-basierte Verbindung zwischen Wiglaf und Beowulf an, was seine Rolle als würdiger Erbe und treuer Gefolgsmann unterstreicht. Seine Jugend, sein Mut und seine Familienherkunft machen ihn zugleich zu einem typischen Vertreter der heroischen Gesellschaft, in der Treue gegenüber dem Fürsten (comitatus) und die Fortführung von Ehre und Besitz zentral sind.
Der Kampf gegen den Drachen und Wiglafs Tat
Der entscheidende Auftritt Wiglafs erfolgt in der letzten Episode des Epos, dem Kampf gegen den Drachen. Nachdem Beowulf verwundet worden ist, stellen die meisten seiner Gefolgsleute die Waffen und fliehen; nur Wiglaf bleibt standhaft. Er tadelt die anderen Krieger für ihren Verrat, eilt dem König zur Hilfe und kämpft zusammen mit ihm gegen das Ungeheuer. Durch einen gezielten Stich in die Kehle des Drachen gelingt es letztlich, das Tier zu töten. Wiglafs Mut rettet nicht nur Beowulf das Leben für die letzten Augenblicke, sondern bringt auch den Schatz des Drachen ans Licht, den Beowulf noch sehen möchte.
Bedeutung und symbolischer Gehalt
- Treue und comitatus: Wiglaf verkörpert das Ideal des treuen Gefolgsmanns, das im Heldenepos zentral ist. Seine Tat steht im schroffen Gegensatz zur Feigheit der übrigen Krieger.
- Übergang und Kontinuität: Mit der Einsetzung Wiglafs als Nachfolger symbolisiert das Gedicht sowohl Kontinuität als auch den schmerzlichen Übergang in eine unsichere Zukunft. Die Taten Wiglafs reichen, um die Ehre des Königs zu wahren, doch die Flucht der anderen lässt eine bedrohte Gemeinschaft zurück.
- Ende einer Epoche: Viele Interpreten sehen in Wiglafs Rolle auch ein Spiegelbild des Wandels vom altgermanischen Heldenideal zu neuen politischen und sozialen Ordnungen.
Literarische Wirkung und Interpretationen
Wiglafs Figur wird in der Forschung vielfach diskutiert: Er kann als vorbildhafter Thane, als legitimer Erbe Beowulfs oder als symbolischer Träger der noch vorhandenen Tugenden der Heldengesellschaft gelesen werden. Seine eindringliche Standhaftigkeit gegen den Drachen macht ihn zu einem moralischen Gegenpol zu den fliehenden Kriegern und liefert dem Epos eine dramatische letzte Geste von Tapferkeit und Loyalität. Gleichzeitig werfen sein späteres Schicksal und die Klagen über die Zukunft des Volkes Fragen nach dem Fortbestand dieses Heldenzeitalters auf.
Name und Bedeutung
Der Name Wiglaf (altengl. Wiġlāf) setzt sich vermutlich aus Elementen zusammen, die mit Kampf (wiġ) und Überrest/Erbe (laf) zu tun haben. Damit passt der Name zur Rolle des jungen Kriegers, der das Erbe seines Herrn und die Werte des Gefolgschaftsverhältnisses bewahrt.
Fazit
Wiglaf ist mehr als nur ein Nebencharakter: Er ist das moralische Herzstück der Schlussepisode von Beowulf, ein Symbol für Loyalität und die komplizierte Übergabe von Herrschaft in einer von Ehre und Tapferkeit geprägten Welt. Seine Tat rettet Beowulfs Ruf und sichert vorerst die Fortexistenz des Reiches, doch zugleich macht sie die Verwundbarkeit einer Gemeinschaft deutlich, die ohne einheitliche Treue in eine unsichere Zukunft geht.
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