90482 Orcus – Zwergplanet (Plutino) des Kuipergürtels in 3:2-Resonanz
90482 Orcus – Zwergplanet & Plutino des Kuipergürtels: 2004 entdeckt, in 3:2-Resonanz mit Neptun, auf Pluto gegenüberliegender Bahn; Forschung von Brown, Trujillo & Rabinowitz.
90482 Orcus, ursprünglich bekannt unter der vorläufigen Bezeichnung 2004 DW, ist ein Objekt des Kuipergürtels (KBO) und wird als Zwergplanet bzw. Zwergplanetenkandidat geführt. Er wurde am 17. Februar 2004 von Michael Brown, Tschad Trujillo und David Rabinowitz entdeckt. Auf älteren Himmelsaufnahmen ist das Objekt bereits am 8. November 1951 zu erkennen. Wie Pluto steht Orcus in orbitaler Resonanz mit Neptun (3:2-Resonanz), bewegt sich aber meist auf der der Sonne gegenüberliegenden Seite gegenüber Pluto, weshalb Orcus manchmal als „Anti-Pluto“ bezeichnet wird.
Entdeckung und Benennung
Die Entdeckung erfolgte 2004 während systematischer Durchmusterungen nach entfernten Transneptun-Objekten. Dank archivierter Aufnahmen konnte das Objekt bis in die 1950er Jahre zurückverfolgt (precovery) werden, wodurch die Bahn deutlich genauer bestimmt werden konnte. Die offizielle Nummer 90482 wurde dem Objekt zugewiesen; der Name „Orcus“ leitet sich aus der römischen Mythologie (Gott der Unterwelt) ab und wurde später vom Internationalen Astronomischen Union (IAU) bestätigt.
Bahndaten und Resonanz
Orcus ist ein sogenannter Plutino: ein Körper in 3:2-Resonanz mit Neptun. Das bedeutet, dass Orcus in der Zeit, in der Neptun drei Umläufe vollendet, zwei Umläufe um die Sonne vollzieht. Seine große Halbachse liegt bei etwa 39 Astronomischen Einheiten (AU), die Umlaufzeit beträgt nahe 247–248 Jahre. Die Bahn hat eine mäßige Exzentrizität und eine Neigung gegenüber der Ekliptik von rund 20°, was dem Objekt eine stabile, aber leicht geneigte resonante Bahn verleiht. Wichtig ist, dass Orcus in seiner Resonanz so phasenverschoben ist, dass er sich häufig auf der der Sonne gegenüberliegenden Seite von Pluto befindet, wodurch enge Begegnungen mit Pluto vermieden werden.
Physikalische Eigenschaften
Orcus zählt zu den größeren bekannten Kuipergürtel-Objekten und wird wegen seiner Größe und Form oft als Zwergplanetenkandidat betrachtet. Direkte Messungen von Durchmesser und Albedo variieren je nach Methode (optische Beobachtungen, Infrarot-Thermometrie mit Raumteleskopen). Der Durchmesser wird in mehreren Studien grob im Bereich von einigen hundert bis knapp über tausend Kilometern geschätzt (typische Werte liegen im Bereich ~800–1000 km), die Bond- bzw. geometrische Albedo ist moderat und liegt deutlich über sehr dunklen Kometen aber unter sehr hellen Eiskörpern.
Spektrale Untersuchungen zeigen Absorptionsmerkmale, die auf Wasser-Eis auf der Oberfläche hinweisen; organische, rötliche Komponenten sind vorhanden, jedoch ist Orcus in der Regel weniger rot gefärbt als viele andere transneptunische Objekte. Aus Bahnbewegung und den Eigenschaften seines Begleiters (s.u.) konnten Schätzungen zur Masse und mittleren Dichte vorgenommen werden, die auf eine Mischung aus Gestein und Eis hindeuten.
Mond Vanth
Orcus besitzt einen auffälligen Begleiter, den Mond Vanth, der einige Jahre nach der Hauptentdeckung durch hochauflösende Aufnahmen (u. a. mit dem Hubble Space Telescope) identifiziert wurde. Vanth ist vergleichsweise groß im Verhältnis zu Orcus, sodass das System häufig als Doppel-System betrachtet wird. Die Beobachtungen des Satelliten ermöglichten es, die Gesamtmasse des Systems zu bestimmen und damit Aussagen zur Dichte des Hauptkörpers zu treffen. Die Oberfläche von Vanth erscheint in den Spektren tendenziell rötlicher als die von Orcus, was auf unterschiedliche Zusammensetzung oder Oberflächenalter hindeuten kann.
Bedeutung und Forschung
Orcus ist sowohl wegen seiner Größe als auch wegen seines großen Satelliten wissenschaftlich interessant: das System liefert Hinweise auf die Entstehung und Entwicklung transneptunischer Objekte, Kollisionen und mögliche Akkretionsprozesse im äußeren Sonnensystem. Beobachtungen im sichtbaren und infraroten Bereich sowie Bahnmessungen des Mondes erlauben, Masse, Dichte und Oberflächeneigenschaften genauer einzugrenzen. Künftige Beobachtungen – z. B. mit großen bodengebundenen Teleskopen und Weltrauminstrumenten – sollen die Parameter weiter präzisieren und klären, ob Orcus den hydrostatischen Gleichgewichtszustand erreicht und damit formal als Zwergplanet anzusehen ist.
Hinweis: Viele physikalische Werte (Durchmesser, Masse, Dichte, Albedo) unterliegen Unsicherheiten, da sie aus indirekten Messungen abgeleitet werden. Neue Messungen und Auswertung archivierter Daten führen immer wieder zu Anpassungen dieser Zahlen.
Mond
Am 22. Februar 2007 wurde ein Mond des Orcus gefunden.
Der Satellit wurde bei 0,25 Bogensekunden von Orcus aus mit einem Größenunterschied von 2,7 gefunden. Geht man von einer Albedo aus, die der des Primärtrabanten ähnlich ist, lässt die Magnitude auf einen Durchmesser von etwa 220 km schließen. Es wird angenommen, dass es sich um eine kleinere KBO handelt, die eingefangen wurde.
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