Der Begriff Blankvers bedeutet Poesie, die keinen Reim verwendet. Blankverse sind also unreimende Verse; ihre poetische Form entsteht nicht durch Endreim, sondern durch ein regelmäßiges Metermaß der Zeilen.

Jambischer Pentameter: das gebräuchlichste Maß

Im Englischen ist der Blankvers meist der jambische Pentameter. Das heißt: eine Zeile besteht aus fünf jambischen Füßen (jeweils eine unbetonte Silbe gefolgt von einer betonten), also insgesamt ungefähr zehn Silben. Man schreibt das Muster oft als: x / x / x / x / x /. Ein bekanntes Beispiel aus dem Drama ist die berühmte Zeile von Shakespeare: „To be, or not to be: that is the question.“ Beim metrischen Scan erkennt man dort fünf rhythmische Hebungen, auch wenn natürliche Betonungen und Satzmelodie das Schema variieren können.

Merkmale und typische Variationen

  • Enjambment (Zeilensprung): Viele Blankverse nutzen den fließenden Satz über mehrere Zeilen hinweg, statt nach jeder Zeile eine Pause zu setzen. Das erzeugt Klangfluss und natürlichere Sprache.
  • Feminine Endings (weiche Endungen): Manche Zeilen haben eine zusätzliche unbetonte Silbe am Ende (elf Silben). Das ist eine verbreitete Variation im Blankvers.
  • Substitutionen: Dichter ersetzen gelegentlich einen Jambus durch einen Trochäus (betont–unbetont) am Versanfang oder an anderen Stellen, um rhyth-mische Variation zu erreichen.
  • Kaesuren und innere Pausen: eine kurze Atempause innerhalb der Zeile, die das Metrum strukturieren kann.
  • Elisionen: Auslassungen oder Zusammenziehen von Silben, um das Metrum zu wahren.

Beispiel (Wordsworth) und wie es wirkt

Der Blankvers beruht auf dem Metermaß der Zeilen im Gedicht, um Struktur zu geben und im Vergleich zur Prosa das Gefühl von Poesie zu erzeugen. Ein Beispiel aus William Wordsworths Gedicht Michael zeigt den Mangel an Reim und das strenge Metrum in Blankversen - jede Zeile hält sich ziemlich genau an das Muster des jambischen Pentameters:

Auf der Waldseite von Grasmere Vale

Dort wohnte ein Hirte, sein Name war Michael;

Ein alter Mann, kräftig im Herzen und stark in den Gliedern.

Sein Körperbau war von Jugend an

Von einer ungewöhnlichen Stärke: Sein Geist war scharf,

Intensiv und sparsam, geeignet für alle Angelegenheiten,

Und bei der Berufung seines Hirten war er prompt

Und wachsamer als gewöhnliche Männer.

In dieser Passage sieht man, wie der Blankvers natürliche Erzählweise mit formaler Disziplin verbindet: die Zeilen bleiben metrisch ausgerichtet, doch durch Enjambement und leichte metrische Abweichungen klingt die Sprache nicht „zwanghaft“ gereimt.

Geschichte und bekannte Beispiele

Viele Kritiker halten Blankverse für besser als Reime für ernste Themen, und viele Dichter haben Blankverse für ihre wichtigsten Werke verwendet. Shakespeare verwendete den Reim in seinen frühen Stücken, aber in seinen reiferen Werken wie Hamlet bevorzugte er Blankversen. John Milton schrieb "Paradise Lost" in Blankversen, einschließlich einer Notiz am Anfang des Gedichts, die besagt, dass das Reimen von Gedichten verwendet wurde, um schlecht geschriebene Gedichte zu verschleiern, Lord Tennyson verwendete es für "Idylles of the King" und Wordsworth für "The Prelude" und "The Excursion". John Keats verwendete den Reim in seinem Endymion, seinem ersten Versuch bei einem großen Gedicht; für seinen zweiten Versuch, Hyperion, wechselte er zu Blankversen. Die längsten Gedichte der englischen Literatur sind in Blankversen geschrieben, zum Beispiel The Fall of Nineveh von Edwin Atherstone oder King Alfred von John Fitchett. Letzteres ist etwa 130 000 Zeilen lang.

Wie man einen Blankvers scannt (kurze Anleitung)

  1. Sprich die Zeile laut oder innerlich und markiere betonte und unbetonte Silben.
  2. Zähle die Füße: Beim jambischen Pentameter sollten fünf Füße erkennbar sein (anstelle von fünf betonten Silben zählt man Paare unbetont–betont).
  3. Suche nach häufigen Abweichungen: Anfangsinversionen (betont–unbetont an Stelle des ersten Jambus), feminine Endungen (zusätzliche unbetonte Silbe) oder Elisionen.
  4. Beachte Enjambements: Ende der Zeile bedeutet nicht automatisch Satzende.

Blankvers in anderen Sprachen und in der Moderne

Der Blankvers ist besonders typisch für die englische Literatur, doch Formen des unreimenden, metrisch geregelten Verses existieren auch in anderen Sprachen. In Sprachen mit anderen Betonungsmustern (z. B. Deutsch) wird der Blankvers seltener und klingt anders; dennoch wurden unreimende metrische Formen in der deutschen Dichtung und dramatischen Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts genutzt.

Im 20. Jahrhundert gaben viele Dichter sowohl den Reim als auch das strenge Metrum des Blankverses zugunsten des freien Verses auf. Trotzdem bleibt der Blankvers ein zentrales Mittel klassischer und neoklassischer Dichtkunst und ein wichtiges Werkzeug für dramatische Sprache und epische Projekte.

Zusammenfassung

Blankvers = unreimter, meist metrisch geordneter Vers (häufig jambischer Pentameter im Englischen). Er verbindet formale Strenge mit sprachlicher Natürlichkeit, erlaubt Variationen (z. B. feminine Endungen, Enjambement) und wurde von vielen bedeutenden Dichtern (unter anderem Shakespeare und John Milton) zur Darstellung ernster, epischer und dramatischer Themen verwendet.