Kommensurabilität ist ein zentraler Begriff der Wissenschaftstheorie. Zwei wissenschaftliche Theorien gelten als kommensurabel, wenn es sinnvolle, vergleichbare Maßstäbe gibt, mit denen man entscheiden kann, welche Theorie besser oder genauer ist. Wenn es solche gemeinsamen Maßstäbe nicht gibt, spricht man von inkommensurabel. Inkommensurabilität bedeutet also, dass Theorien oder ganze wissenschaftliche Traditionen so unterschiedliche Begriffe, Methoden oder Bewertungsmaßstäbe verwenden, dass ein direkter Vergleich schwer oder unmöglich wird.
Was genau meint Kuhn mit Inkommensurabilität?
Der Begriff wurde besonders durch Thomas Kuhn bekannt, der in "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" die Idee von Paradigmen prägte. Für Kuhn sind Paradigmen mehr als Theorien: sie enthalten gemeinsame Probleme, Methoden, Exemplare und die Sprache, mit der Wissenschaft betrieben wird. Er schrieb pointiert: Wenn Paradigmen sich ändern, ändert sich die Welt mit ihnen. Damit meinte er, dass sich nicht nur theoretische Aussagen, sondern auch die Art und Weise, wie Wissenschaftler Phänomene wahrnehmen und beschreiben, verändert.
Kuhn unterschied nicht immer deutlich zwischen verschiedenen Formen der Inkommensurabilität, spätere Interpretationen haben jedoch gängige Unterscheidungen herausgearbeitet:
- Semantische Inkommensurabilität: zentrale Begriffe sind nicht direkt übersetzbar (z. B. weil sich die Referenz eines Begriffs ändert).
- Methodologische/epistemische Inkommensurabilität: unterschiedliche Kriterien dessen, was als gute Erklärung gilt (z. B. Gewichtung von Einfachheit, Genauigkeit, Fruchtbarkeit).
- Observationale Inkommensurabilität: verschiedene Paradigmen haben unterschiedliche Auffassungen davon, welche Beobachtungen relevant oder wie Beobachtungen interpretiert werden sollen.
Starke vs. schwache Lesart
Philosophen unterscheiden oft zwischen einer starken und einer schwachen Lesart der Inkommensurabilität:
- In der starken Lesart ist ein rationaler Vergleich praktisch unmöglich — man kann nicht sinnvoll sagen, welche Theorie "wahrer" ist.
- In der schwachen Lesart sind Vergleiche schwierig, fehleranfällig oder indirekt, aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Beispiele
Historische Fälle, die oft als Beispiele herangezogen werden, sind:
- Das geozentrische Ptolemäische System vs. das heliozentrische Kopernikanische System — unterschiedliche Begriffe, Berechnungsweisen und Beispiele führten zu unterschiedlichen Auffassungen darüber, was eine befriedigende Erklärung ist.
- Die Phlogistonlehre vs. die Sauerstofftheorie (Lavoisier) in der Chemie — begriffliche Umorientierung und neue experimentelle Deutungen machten den direkten Vergleich schwierig.
- Klassische Mechanik vs. Quantenmechanik — verschiedene Auffassungen über Kausalität, Determiniertheit und Messbarkeit verändern, was als fachlich sinnvoll gilt.
Feyerabend und die Kritik an universellen Regeln
Paul Feyerabend vertrat eine radikale, pluralistische Sicht und betonte, dass Inkommensurabilität zeigt: es gibt keine allgemein gültige Methode, die immer zur besten Theorie führt. Er argumentierte, wissenschaftlicher Fortschritt sei oft anarchisch und forderte epistemischen Liberalismus ("anything goes"). Feyerabend wollte damit gegen feste Methodenvorstellungen opponieren und darauf hinweisen, dass heterodoxe Ansätze manchmal fruchtbar sind.
Gegenpositionen und Folgen
Gegen Kuhn und Feyerabend richteten sich Kritiker wie Karl Popper, der an objektiven Kriterien wie Falsifizierbarkeit festhielt. Andere Philosophen wie Imre Lakatos oder Willard Van Orman Quine versuchten, Kompromisse zu finden: etwa durch die Idee von Forschungsprogrammen (Lakatos) oder durch Betonung, dass Übersetzung und rationale Argumente oft doch möglich sind.
Wichtig ist: Inkommensurabilität bedeutet nicht zwingend totalen Relativismus. Viele Philosophen sehen sie eher als Hinweis auf kommunikative und methodische Schwierigkeiten bei Paradigmenwechseln. Kriterien für Theorieentscheidung (Empirie, Vorhersagekraft, Kohärenz, Einfachheit, Erklärungstiefe, Fruchtbarkeit) bleiben relevant, auch wenn ihre Gewichtung und Interpretation zwischen Paradigmen variiert.
Warum ist das relevant?
Die Debatte über Inkommensurabilität hat praktische und theoretische Auswirkungen:
- Sie macht sichtbar, wie sehr Wissenschaft von Sprache, Praxis und konzeptuellen Rahmen abhängt.
- Sie erklärt historische Wissenschaftswechsel und die Schwierigkeiten bei interdisziplinärer Kommunikation.
- Sie fordert Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspraxis dazu auf, kritische Reflexion über Methoden und Begriffe zu pflegen statt rein technischen Fortschritt vorauszusetzen.
Zusammenfassend bezeichnet Inkommensurabilität eine Situation, in der Theorien oder Paradigmen so unterschiedliche Begriffe, Methoden und Bewertungsmaßstäbe nutzen, dass ein direkter Vergleich erschwert oder problematisch wird. Ob diese Unvergleichbarkeit absolut ist oder nur heuristisch relevant, bleibt in der Philosophie kontrovers — die Debatte hat aber die Art, wie wir über wissenschaftlichen Fortschritt, Rationalität und Theorieentscheidung nachdenken, nachhaltig beeinflusst.