Alexandrine Petronella Francina Tinne (17. Oktober 1835 – 1. August 1869) war eine bekannte niederländische Forscherin und eine der wohlhabendsten Erbinnen ihrer Zeit. Sie nutzte ihr Vermögen, um Forschungsreisen nach Afrika zu finanzieren. Als Tochter einer reichen Kaufmannsfamilie wuchs sie mit privater Bildung auf: Sie sprach mehrere Sprachen, war belesen, sehr geschickt im Reiten und galt zeitgenössisch als schöne, mutige und standhafte Frau.

Ihre erste große Expedition begann 1863, als sie zusammen mit ihrer Mutter und mehreren Wissenschaftlern den Nil hinunterreiste. Auf dieser Reise sammelte Tinne zahlreiche wissenschaftliche Beobachtungen und Sammlungen (botanische, zoologische und ethnographische), fertigte Zeichnungen an und ließ sich fotografieren. Die Expedition war schwierig: Krankheiten und harte Bedingungen forderten Opfer, unter anderem starben Tinnes Mutter und zwei der mitreisenden Wissenschaftler.

Unerschrocken plante Alexandrine Tinne danach weitere Unternehmungen in die Wüste. 1869 brach sie zu einer Forschungsexpedition durch die Sahara auf. Sie nahm für die lange und trockene Reise zwei große eiserne Wassertanks mit, um die Wasserversorgung der Karawane zu sichern. Während eines Angriffs durch Mitglieder der lokalen Bevölkerung – von Zeitgenossen als muslimische Gruppen bezeichnet – kamen die Verletzungen zustande: Die Angreifer glaubten, in den Tanks Gold zu vermuten, griffen die Karawane an und verwundeten Tinne schwer. Berichten zufolge wurde ihr bei dem Überfall die Hand durch einen Schnitt so verletzt, dass sie ihre Waffe nicht mehr benutzen konnte; anschließend wurde sie zurückgelassen und verblutete in der Wüste. Sie starb allein während dieser Expedition.

Alexandrines Tod machte in Europa große Schlagzeilen und löste Diskussionen über die Gefahren der Erforschung sowie über den Umgang mit indigenen Bevölkerungen in kolonialen Zusammenhängen aus. Einige ihrer Sammlungen und Aufzeichnungen konnten geborgen und nach Europa gebracht werden; Teile davon wurden in Museen und Institutionen verwahrt und sind bis heute Forschungsgegenstand und Quelle für historische Studien.

Zu ihrem Andenken existieren in den Niederlanden biographische Darstellungen, wissenschaftliche Würdigungen und Erwähnungen in Ausstellungen. Die verbreitete Aussage, eine eigens zu ihren Ehren in Den Haag errichtete Kirche sei im ErstenWeltkrieg durch Bomben zerstört worden, ist historisch problematisch: Die Niederlande blieben im Ersten Weltkrieg neutral und größen‑ bzw. flächendeckende Bombenangriffe auf niederländisches Gebiet sind nicht belegt. Aussagen über konkrete Denkmäler oder Gebäude sollten daher jeweils anhand von Quellen geprüft werden.

Alexandrine Tinne bleibt in der Geschichte als eine außergewöhnliche Frau der Forschungszeit des 19. Jahrhunderts in Erinnerung: als Reisende, Sammlerin und Gesprächspartnerin zahlreicher zeitgenössischer Forscherinnen und Forscher. Ihre Aufzeichnungen, Fotografien und Sammlungen tragen weiterhin zum Verständnis der afrikanischen Regionen jener Zeit bei und werden in historischen Forschungen genutzt.