Ein Gynoeceum (von altgriechisch gyne, "Frau") bezeichnet die weiblichen reproduktiven Teile einer Blüte. Die männlichen Teile werden Androeceum genannt. Manche Blüten sind zwittrig (haben sowohl weibliche als auch männliche Teile), andere sind einhäusig oder diözisch (nur eine Geschlechtsform pro Blüte oder pro Pflanze).
Aufbau: Karpelle, Stempel und Fruchtblätter
Ein weiterer zentraler Begriff ist das Karpell. Karpelle sind die Bausteine eines Stempels. Das Gynoeceum kann aus einem oder mehreren Stempeln bestehen. Ein Stempel kann aus einem einzelnen Karpell aufgebaut sein oder aus mehreren miteinander verwachsenen (fusionierten) Karpellen bestehen. Jeder Karpell oder jede Vereinigung von Karpellen bildet ein Fruchtblatt.
Fruchtblätter und Stempel haben üblicherweise drei Grundteile:
- eine Narbe an der Spitze, auf der der Pollen landet,
- einen Stil als Verbindungselement, und
- einen Fruchtknoten (Ovar) an der Basis, der die Samenanlagen enthält.
Fruchtknoten, Samenanlagen und Plazentation
Die pflanzlichen Eierstöcke sind die Teile des Gynoeceums, die (ähnlich wie tierische Eierstöcke) Eizellen bzw. Samenanlagen beherbergen. Der Fruchtknoten kann einkammerig (unilokulär) oder mehrkammerig (multilokulär) sein, je nachdem wie die Karpelle angeordnet und verwachsen sind. Die Lage der Samenanlagen innerhalb des Fruchtknotens bezeichnet man als Plazentation; häufige Plazentationstypen sind:
- parietal (Samenanlagen an der Fruchtwand),
- axial/axile (Samenanlagen an einem zentralen Auto- oder Gewebswulst bei mehrkammerigen Ovarien),
- frei-zentral (Samenanlagen an einem freien Zentralwulst),
- marginal (typisch bei eingekammerten Fruchtblättern bei Hülsenfrüchtlern),
- basal (Samenanlage an der Fruchtbasis).
Narbe, Stil und ihre Funktion
Der Stil ist in der Regel stielartig und verbindet Fruchtknoten und Narbe. Bei manchen Pflanzen fehlt der Stil vollständig oder ist stark reduziert; dann liegt die Narbe direkt am Fruchtknoten. Die Narbe ist der Pollenrezeptor; sie kann eine einzelne, deutlich abgegrenzte Struktur sein oder aus mehreren Narben bestehen, die zu einer stigmatischen Region verschmolzen sind. Narben zeigen oft spezielle Oberflächenstrukturen oder sekretorisches Gewebe, das Pollen aufnehmen, hydratisieren und die Keimung sowie das Wachstum des Pollenschlauchs unterstützen kann.
Variation und Blütenlage
Wichtige Merkmale des Gynoeceums sind außerdem:
- Apokarpie vs. Syncarpie: Bei apokarpen Gynoezien sind die Karpelle frei (mehrere einzelne Fruchtblätter), bei syncarpen Gynoezien sind sie verwachsen (ein zusammengesetzter Fruchtknoten).
- Lage des Fruchtknotens: superior (oberständig, oberhalb der Androeceums-Basis), inferior (unterständig, unterhalb des Androeceums) oder halb-inferior. Diese Lage beeinflusst die Blütenform und die Fruchtentwicklung und ist ein wichtiges Merkmal in der Systematik.
- Anzahl der Fruchtblätter und die Zahl der Kammern (Lokalitäten) im Fruchtknoten sind arten- oder familiencharakteristisch.
Funktion: Bestäubung, Befruchtung und Fruchtbildung
Das Gynoeceum ist zentral für die sexuelle Fortpflanzung von Blütenpflanzen. Die Narbe empfängt Pollen, der Pollenschlauch wächst durch den Stil zum Fruchtknoten und befruchtet die Eizelle in der Samenanlage. Nach erfolgreicher Befruchtung entwickelt sich der Fruchtknoten zum Samen tragenden Fruchtkörper (Frucht), die Samenanlagen zu Samen. Aufbau und Lage des Gynoeceums beeinflussen damit direkt Fruchttyp, Samenverbreitungsmechanismen und Fortpflanzungserfolg.
Bedeutung in Ökologie und Systematik
Merkmale des Gynoeceums (z. B. freie vs. verwachsene Karpelle, Plazentation, Lage des Ovars, Form der Narbe) werden in der Pflanzenbestimmung und Systematik häufig verwendet, weil sie konservative, artspezifische Eigenschaften sind. Gleichzeitig sind sie an die Bestäuberinteraktionen und ökologische Nischen angepasst: Narbe- und Stilangaben beeinflussen, welche Bestäuber effizient Pollen übertragen, und der Fruchtknotenbau bestimmt spätere Frucht- und Samenbildungsstrategien.
Zusammengefasst ist das Gynoeceum das komplexe und vielgestaltige Organ der weiblichen Fortpflanzung in Blütenpflanzen, dessen Aufbau und Funktion für Bestäubung, Befruchtung und Fruchtbildung entscheidend sind.





