Oberstes Gericht: Definition, Aufgaben und internationale Unterschiede
Oberstes Gericht: Funktionen, Zuständigkeiten und internationale Unterschiede einfach erklärt — Vergleiche von Supreme Court, High Courts und mehr für Juristen & Interessierte.
Der Oberste Gerichtshof ist im Allgemeinen das höchste Gericht eines Landes. Das bedeutet, dass er in vielen Staaten die letzte Instanz bildet und Entscheidungen anderer Gerichte aufheben oder bestätigen kann. Urteile der unteren Berufungsgerichte können hier überprüft und ggf. außer Kraft gesetzt werden. Dennoch tragen nicht alle obersten Gerichte denselben Namen und nicht überall ist ein einziges Gericht als alleinige Spitze des Systems vorhanden. Länder des Zivilrechts kennen häufig mehrere oberste Gerichte für unterschiedliche Rechtsgebiete (z. B. Zivil-/Strafsachen, Arbeitsrecht, Verwaltungsrecht oder Verfassungsrecht). Darüber hinaus wird das höchste Gericht in einigen Gerichtsbarkeiten nicht als "Oberster Gerichtshof" bezeichnet; zum Beispiel heißt es in Australien Hoher Gerichtshof von Australien.
Aufgaben und Befugnisse
Oberste Gerichte haben mehrere zentrale Funktionen:
- Revisions- und Kassationsfunktion: Sie prüfen Entscheidungen unterer Instanzen auf Rechtsfehler und können diese aufheben, abändern oder zur Neuverhandlung zurückverweisen.
- Rechtsfortbildung und Präzedenzwirkung: In common-law-Systemen schaffen Entscheidungen oberer Gerichte verbindliche Präzedenzfälle (stare decisis). In zivilrechtlichen Systemen haben oberste Gerichte oft weniger formell bindende Wirkung, beeinflussen die Auslegung jedoch stark.
- Verfassungsprüfung: Manche Höchstgerichte (oder gesonderte Verfassungsgerichte) prüfen Gesetze auf Vereinbarkeit mit der Verfassung und können sie für nichtig erklären.
- Einheitlichkeit des Rechts: Sie sorgen dafür, dass die Rechtsprechung innerhalb des Landes einheitlich bleibt, indem sie widersprüchliche Entscheidungen klären.
- Beratung und besondere Verfahren: In einigen Staaten dürfen oberste Gerichte Regierungen oder Behörden rechtlich beraten oder Gutachten erstellen; in anderen ist dies ausgeschlossen.
Organisation, Besetzung und Verfahren
Oberste Gerichte unterscheiden sich in ihrer internen Organisation und den Verfahrensregeln:
- Besetzung: Es gibt Einzelrichter, Senate oder Große Senate/Plena, je nach Bedeutung des Falles. Manche Verfassungsfragen werden von größeren Senaten entschieden.
- Ernennung: Richter werden je nach Staat durch Wahl, Ernennung durch die Exekutive mit oder ohne Zustimmung des Parlaments, oder durch Mischverfahren berufen. Die Amtszeit kann befristet, auf Lebenszeit oder bis zu einer Altersgrenze begrenzt sein.
- Zulassungsverfahren: Manche Höchstgerichte entscheiden nur über ausgewählte Revisionen (z. B. durch Zulassungsanträge), andere nehmen automatisch Berufungen an.
- Publizität und Begründung: Entscheidungen werden meist schriftlich begründet und veröffentlicht, damit sie transparent und nachvollziehbar sind.
Internationale Unterschiede und typische Modelle
Die Struktur und Rolle eines obersten Gerichts hängt stark vom Rechtssystem ab:
- Common Law: In Ländern wie dem Vereinigten Königreich, den USA oder Australien (siehe Hohe Gerichtshof von Australien) bildet ein einziges oberstes Gericht häufig die oberste Instanz. Entscheidungen sind präzedenzbildend (binding precedent).
- Zivilrecht: Viele kontinentaleuropäische Länder trennen oft die oberste Gerichtsbarkeit in verschiedene Spitzeninstanzen (z. B. ein oberstes Zivil- und Strafgericht und ein separates Verfassungsgericht). Deshalb existiert nicht immer nur ein "oberstes Gericht".
- Begriffsabweichungen: In manchen Staaten heißt ein Gericht zwar "Supreme Court", ist aber nicht die höchste Instanz im gesamten Staatsgebiet — ein bekanntes Beispiel ist der Oberste Gerichtshof von New York (der dort oft erstinstanzlich wirkt). Ebenso sind Supreme Courts auf Provinz- oder Landesebene, etwa in mehreren Provinzen und Territorien Kanadas, nicht mit dem höchsten nationalen Gericht gleichzusetzen. Historisch gab es auch Unterschiede, etwa der frühere Oberste Gerichtshof von England und Wales, dessen Stellung im Laufe der Reformen verändert wurde.
- Supranationale Kontrolle: In einigen Fällen können Entscheidungen eines nationalen obersten Gerichts durch internationale Gerichte oder Instanzen beeinflusst oder überprüft werden — z. B. durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) bei Menschenrechtsfragen oder den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) bei EU-Recht.
Beispiele und praktische Auswirkungen
Ob ein Gericht die "höchste" Instanz ist, hat praktische Folgen: Es bestimmt, welche Rechtsfragen endgültig geklärt werden, wie einheitlich die Rechtsprechung ist und wie stark Gesetze durch Gerichte geprüft werden können. Nationale Besonderheiten — wie getrennte Verfassungsgerichte, föderale Organisationsformen oder unterschiedliche Benennungen — beeinflussen, wie Bürgerinnen und Bürger Rechtsmittel einlegen und welche Wege offenstehen, um Rechtsstreitigkeiten bis zur letzten Instanz zu verfolgen.
Insgesamt sind oberste Gerichte zentrale Säulen der Rechtsordnung: Sie sichern die Rechtsfortbildung, wahren die Verfassung (wo zutreffend) und stellen sicher, dass die Rechtsprechung innerhalb eines Staates kohärent bleibt.
Verfassungsrechtliche Fragen
Einige Länder haben ein separates "Verfassungs"-"Gericht". Dabei handelt es sich um ein Oberstes Gericht, das sich mit Fragen der Verfassung des jeweiligen Landes befasst. In anderen Ländern gibt es keine separaten Verfassungsgerichte. Verfassungsfragen werden von ihrem obersten Gericht entschieden. Dennoch werden solche Gerichte manchmal auch als "Verfassungsgerichte" bezeichnet. Einige haben zum Beispiel den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten als "das älteste Verfassungsgericht der Welt" bezeichnet, weil es das erste Gericht der Welt war, das ein Gesetz als verfassungswidrig erklärte. Der Fall war Marbury gegen Madison, 5 U.S. 137 (1803). Marbury v. Madison richtete auch den Obersten Gerichtshof der USA als gleichberechtigten Zweig der Regierung der Vereinigten Staaten ein, zusammen mit der Exekutive und der Legislative. Der Oberste Gerichtshof der USA ist technisch gesehen kein Verfassungsgericht, so wie der Europäische Gerichtshof ebenfalls kein Verfassungsgericht ist. Beide Gerichte befassen sich jedoch in hohem Maße mit der Verfassungsprüfung. Das bedeutet, dass sie wie ein Verfassungsgericht funktionieren, aber nicht als Verfassungsgerichte bezeichnet werden.
Politische Fragen
Viele, wie der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, befassen sich bisweilen mit politischen Fragen. Dazu gehören die Obersten Gerichtshöfe von Ägypten, Pakistan, Israel, Indien und Kuwait. Eine der umstrittensten politischen Entscheidungen war Bush gegen Gore, 531 U.S. 98 (2000). Dies war die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, mit der der Streit um die Präsidentschaftswahlen 2000 beigelegt wurde. Es gab viele Kontroversen darüber, dass der Europäische Gerichtshof Entscheidungen der Regierungen der Mitgliedsstaaten überprüft. Der Präsident des Obersten Gerichtshofs von Israel, Aharon Barak, wurde kritisiert, weil er zusammen mit anderen die israelische Regierung dominiert.
Fragen und Antworten
F: Was ist ein oberstes Gericht?
A: Ein Oberster Gerichtshof ist in der Regel das höchste Gericht eines Landes und hat mehr Macht als andere Gerichte.
F: Können Entscheidungen unterer Berufungsgerichte vom Obersten Gericht aufgehoben werden?
A: Ja, Entscheidungen unterer Berufungsgerichte können vom Obersten Gerichtshof aufgehoben werden.
F: Gibt es in allen Ländern nur ein einziges oberstes Gericht, den "Supreme Court"?
A: Nein, in Ländern des Zivilrechts gibt es in der Regel nicht nur ein oberstes Gericht, und in einigen Ländern trägt das oberste Gericht nicht den Namen "Oberster Gerichtshof".
F: Kann der New York Supreme Court Entscheidungen höherer Berufungsgerichte außer Kraft setzen?
A: Nein, die Entscheidungen des New Yorker Supreme Court unterliegen den höheren Berufungsgerichten.
F: Ist der High Court of Australia ein Beispiel für ein oberstes Gericht?
A: Ja, der High Court of Australia ist ein Beispiel für ein oberstes Gericht.
F: Sind die Entscheidungen der Obersten Gerichte der verschiedenen Provinzen und Territorien Kanadas immer endgültig?
A: Nein, die Entscheidungen der Obersten Gerichtshöfe mehrerer Provinzen und Territorien Kanadas unterliegen höheren Berufungsgerichten.
F: War der frühere Supreme Court of Judicature von England und Wales immer das höchste Gericht?
A: Nein, der frühere Supreme Court of Judicature of England and Wales war nicht immer das höchste Gericht und die dort getroffenen Entscheidungen unterlagen höheren Berufungsgerichten.
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