Dendriten sind die verzweigten Fortsätze von Neuronen, deren Hauptaufgabe darin besteht, Signale von anderen Nervenzellen aufzunehmen und in den Zellkörper (das Soma) weiterzuleiten. Sie bilden zusammen mit dem Soma und dem Axon die typische Grundstruktur einer Nervenzelle. Während eine Zelle oft Hunderte von Dendriten besitzen kann, hat sie gewöhnlich nur ein einzelnes Axon.
Aufbau und Morphologie
Dendriten bilden einen baumartigen verzweigten Apparat, der als Dendritenbaum bezeichnet wird. Die Verzweigungstiefe, Länge und Anzahl der Dendriten variiert stark zwischen verschiedenen Zelltypen: Pyramidenzellen im Kortex, Purkinje-Zellen im Kleinhirn oder sensorische Neurone haben jeweils charakteristische Muster. Viele Dendriten tragen kleine Ausstülpungen, die sogenannten Dendritenstacheln (spines). Diese Spines sind die Hauptkontaktstellen für erregende synaptische Eingänge und können ihre Form und Anzahl als Reaktion auf Aktivität verändern.
Elektrische Eigenschaften und Signalübertragung
Dendriten empfangen synaptische Signale, die durch die Freisetzung von chemischen Botenstoffen — den Neurotransmittern — am Ende eines Axons ausgelöst werden. Diese Neurotransmitter aktivieren im Dendriten Rezeptoren, die entweder den Fluss von Ionen direkt steuern (ionotrope Rezeptoren) oder über zweite Botenstoffe indirekt wirken (metabotrope Rezeptoren). Die Bewegung geladener Ionen erzeugt elektrische Ströme, die sich im Dendriten ausbreiten und das Soma beeinflussen.
- Passive Leitung: Kürzere Distanzen und kleine Signale laufen passiv entlang des Dendriten ab und fallen mit der Entfernung ab.
- Aktive Eigenschaften: Viele Dendriten besitzen spannungsabhängige Ionenkanäle (z. B. Natrium-, Kalium- oder Calciumkanäle), die lokale Verstärkung, nichtlineare Integration oder sogar die Ausbreitung von Aktionspotenzialen nach hinten (backpropagating action potentials) erlauben.
Wenn ausreichend viele erregende Signale zusammenkommen oder inhibitorische Eingänge unterdrückt werden, kann die Summation der dendritischen Signale ein starkes elektrisches Ereignis im Soma auslösen — das sogenannte Aktionspotential. Dieses Aktionspotential wird entlang des Axons zur nächsten Synapse weitergeleitet und dient der schnellen Informationsweitergabe.
Synaptische Integration und Plastizität
Dendriten sind nicht nur passive Empfangsantenne, sondern Orte komplexer Signalverarbeitung. Sie führen räumliche und zeitliche Integration von Eingängen durch: Signale, die gleichzeitig oder nahe beieinander auf benachbarten Dendritenstellen eintreffen, können miteinander wechselwirken (z. B. durch Summation oder Abschwächung).
Plastizität: Synaptische Verbindungen am Dendriten sind veränderlich. Länger anhaltende Änderungen in der synaptischen Stärke, wie Langzeitpotenzierung (LTP) oder Langzeitdepression (LTD), unterliegen molekularen Mechanismen (z. B. Calcium‑abhängige Signalwege), die Lernen und Gedächtnis zugrunde liegen. Gleichzeitig verändert sich die Gestalt und Zahl der Dendritenstacheln in Abhängigkeit von neuronaler Aktivität.
Entwicklung, Regeneration und Lebensdauer
Während der Entwicklung bildet ein Neuron seinen charakteristischen Dendritenbaum aus durch wachstumsbedingte Verzweigung, Filopodienausbildung und synaptische Selektion. Vollständig differenzierte Neuronen teilen sich in der Regel nicht — wie im Artikel erwähnt: einmal entstandene Neuronen verbleiben meist ein Leben lang. Allerdings gibt es in bestimmten Hirnregionen adulte Stammzellen, die neue, funktionsfähige Neuronen erzeugen können (Neurogenese), zum Beispiel im Hippocampus. Diese neuen Zellen wachsen dann auch Dendriten aus und integrieren sich in bestehende Netzwerke.
Bedeutung für Gesundheit, Krankheit und Forschung
Veränderungen von Dendritenstruktur und -funktion sind mit vielen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen verknüpft. Beispiele sind:
- Alzheimer-Krankheit: Verlust von Dendriten, Reduktion von Dendritenstacheln und synaptischer Funktion geht mit kognitiven Defiziten einher.
- Autismus-Spektrum-Störungen und Schizophrenie: Abnorme Dendritenverzweigungen und veränderte Spine-Dichte werden beschrieben.
- Schädel-Hirn-Trauma und Schlaganfälle: Schädigung dendritischer Strukturen beeinträchtigt die neuronale Verarbeitung.
In der Forschung werden Dendriten mit Techniken wie Golgi-Färbung, Elektronenmikroskopie, Zwei-Photonen-Mikroskopie, Calcium-Bildgebung und elektrophysiologischen Methoden (z. B. Patch‑Clamp) untersucht, um Struktur, Funktion und dynamische Veränderungen sichtbar zu machen.
Zusammenfassung der Hauptfunktionen
- Empfang und Integration synaptischer Signale von anderen Neuronen.
- Raum-zeitliche Verarbeitung und Filtern von Eingängen vor der Auslösung eines Aktionspotenzials.
- Unterstützung synaptischer Plastizität durch Spines und lokale molekulare Mechanismen, wichtig für Lernen und Gedächtnis.
- Ort aktiver Signalverstärkung durch dendritische Ionenkanäle und lokale Translation von Proteinen.
Dendriten sind somit zentrale Komponenten neuronaler Informationsverarbeitung: sie verbinden strukturelle Vielfalt mit komplexen elektrophysiologischen und molekularen Funktionen – und sind daher ein Schlüsselthema in Neurowissenschaft und Medizin.

