Ein Nervenimpuls ist die Art und Weise, wie Nervenzellen (Neuronen) miteinander kommunizieren. Nervenimpulse sind meist elektrische Signale entlang der Dendriten und Axone, die informationstragende Veränderungen der Membranspannung hervorrufen und so ein Aktionspotential weiterleiten können.
Das Aktionspotential ist das Ergebnis der Bewegung von Ionen in die Zelle hinein und aus ihr heraus. Konkret sind vor allem Kalium- (K+) und Natriumionen (Na+) beteiligt. Diese Ionen passieren die Membran durch spezifische Ionenkanäle (vor allem spannungsabhängige Natrium- und Kaliumkanäle) und werden langfristig durch die Natrium-Kalium-Pumpe wieder in die Ausgangsverteilung gebracht.
Entstehung des Aktionspotentials — kurz gefasst
- Ruhepotenzial: Die Innenseite der Membran ist bei vielen Nervenzellen typisch etwa −60 bis −80 mV gegenüber der Außenseite (häufig ~ −70 mV).
- Reiz und Schwellenwert: Ein depolarisierender Reiz (z. B. durch synaptische Eingänge) hebt das Membranpotenzial an. Wird ein bestimmter Schwellenwert erreicht (meist um −55 mV), öffnen sich spannungsabhängige Natriumkanäle.
- Depolarisation: Schnell einströmende Na+-Ionen führen zu einer raschen Aufwärtsphase des Aktionspotentials (Richtung positiv, oft bis ≈ +30 bis +60 mV).
- Repolarisation: Anschließend inaktivieren die Natriumkanäle und spannungsabhängige Kaliumkanäle öffnen sich → K+ strömt aus, das Membranpotenzial sinkt wieder.
- Hyperpolarisation und Rückstellung: Durch verzögertes Schließen der K+-Kanäle kann es kurzzeitig zu einer Hyperpolarisation kommen. Die Natrium-Kalium-Pumpe (3 Na+ hinaus, 2 K+ hinein) sowie weitere Transporter stellen langfristig die Ionengradienten wieder her.
Wichtige Phasen und Begriffe
- Schwellenwert: Der Punkt, ab dem ein vollständiges Aktionspotential ausgelöst wird (Alles-oder-Nichts-Prinzip).
- Absolute Refraktärzeit: Zeitraum direkt nach dem Auslösen, in dem kein neues Aktionspotential möglich ist (wegen inaktivierter Na+-Kanäle).
- Relative Refraktärzeit: In dieser Phase ist ein neues Aktionspotential nur durch einen stärkeren Reiz möglich.
- Gleichgewichtspotenzial (Nernst): Für Na+ liegt es typischerweise bei ≈ +60 mV, für K+ bei ≈ −90 mV; das tatsächliche Membranpotenzial ergibt sich aus dem Zusammenspiel aller Permeabilitäten.
Weiterleitung entlang des Axons
Das Aktionspotential wird entlang des Axons fortgeleitet. Zwei Faktoren bestimmen die Geschwindigkeit:
- Axondurchmesser: Größere Durchmesser verringern den Innenwiderstand und erhöhen die Leitungsgeschwindigkeit.
- Myelinisierung: Bei myelinisierten Axonen erfolgt die Erregungsleitung saltatorisch — das Signal „springt“ von einem Ranvier’schen Schnürring zum nächsten und ist deutlich schneller als kontinuierliche Leitung.
Rolle der Ionenkanäle und der Natrium‑Kalium‑Pumpe
- Spannungsabhängige Natriumkanäle: Verantwortlich für die schnelle Depolarisation; ihre Aktivierung und anschließende Inaktivierung bestimmen die Auf‑ und Abwärtsphase.
- Spannungsabhängige Kaliumkanäle: Sorgen für die Repolarisation und Hyperpolarisation durch K+-Ausstrom.
- Natrium‑Kalium‑Pumpe (Na+/K+-ATPase): Erhält langfristig die Konzentrationsgradienten (pumpt 3 Na+ aus der Zelle und 2 K+ in die Zelle) — energetisch auf ATP angewiesen.
Physiologische und klinische Bedeutung
- Synaptische Verarbeitung: Aktionspotentiale kodieren Informationen in Frequenz und Muster; an Synapsen führen sie zur Neurotransmitterfreisetzung.
- Medikamente und Toxine: Lokalanästhetika blockieren Na+-Kanäle und verhindern so die Erregungsweiterleitung; Tetrodotoxin (TTX) blockiert Na+-Kanäle, während bestimmte Gifte Kaliumkanäle beeinflussen.
- Erkrankungen: Bei demyelinisierenden Erkrankungen wie Multipler Sklerose kann die saltatorische Leitung gestört sein, was zu neurologischen Ausfällen führt.
Messung und Anwendung
- Elektrophysiologie: Mit Techniken wie Patch‑Clamp oder Intrazelluläre Mikroelektroden lassen sich Aktionspotentiale direkt messen.
- Netzwerkmessungen: EEG, EMG oder Ableitungen von Nerven zeigen die elektrische Aktivität als Summe vieler Aktionspotentiale.
- Technische Nutzung: Kenntnisse über Aktionspotentiale sind Grundlage für Neurostimulation (z. B. Schmerztherapie), neuromuskuläre Blockade und viele diagnostische Verfahren.
Zusammengefasst ist das Aktionspotential ein kurzzeitiger, sich selbst fortpflanzender Spannungsumschlag an der Zellmembran, der durch die koordinierte Aktivität von Natrium‑ und Kaliumkanälen sowie durch die Aufrechterhaltung von Ionenkonzentrationen durch die Natrium‑Kalium‑Pumpe ermöglicht wird. Es bildet die Grundlage für schnelle Informationsübertragung im Nervensystem.




