Das Pogrom von Istanbul war ein Pogrom, das sich am 6. und 7. September 1955 in erster Linie gegen die griechische Minderheit in Istanbul richtete. Auch Juden und Armenier, die in der Stadt lebten, und ihre Geschäfte waren Ziel des Pogroms, das nach Ansicht einiger Kreise von der türkischen Regierung orchestriert wurde.
Hintergrund
In den Jahren vor 1955 gab es in der Türkei zunehmende Spannungen gegenüber nicht-muslimischen Minderheiten, verstärkt durch nationalistische und wirtschaftliche Faktoren. Ein unmittelbarer Auslöser des Pogroms war ein in der türkischen Presse verbreiteter Bericht, dem zufolge das Geburtshaus Mustafa Kemal Atatürks in Thessaloniki beschädigt worden sei. Dieser Bericht stellte sich später als falsch oder zumindest irreführend heraus und diente als Vorwand, um die Unruhen in Istanbul zu entfachen.
Ablauf der Gewalt
Ein türkischer Mob, der größtenteils im Vorfeld mit Lastwagen in die Stadt gebracht worden war, griff die griechische Gemeinde Istanbuls neun Stunden lang an. Demonstrationen und organisierte Angriffe richteten sich gezielt gegen griechische Wohnviertel, Geschäfte und religiöse Einrichtungen. Obwohl die Anführer des Pogroms nicht ausdrücklich die Tötung von Griechen forderten, starben zwischen 13 und 16 Griechen (darunter zwei orthodoxe Kleriker) und mindestens ein Armenier während oder nach dem Pogrom an den Folgen von Schlägen und Brandstiftung.
Opfer, Zerstörung und Gewaltformen
Die Gewalt richtete sich gegen Menschen, Hab und Gut: Zweiunddreißig Griechen wurden schwer verwundet. Darüber hinaus wurden Dutzende griechische Frauen vergewaltigt, und eine Reihe von Männern wurde vom Mob gewaltsam beschnitten. 4.348 in griechischem Besitz befindliche Unternehmen, 110 Hotels, 27 Apotheken, 23 Schulen, 21 Fabriken, 73 Kirchen und über tausend in griechischem Besitz befindliche Häuser wurden schwer beschädigt oder zerstört. Die Täter zündeten Geschäfte an, plünderten Wohnungen und Geschäfte und richteten sich gezielt gegen Symbole der griechischen Gemeinschaft.
Wirtschaftlicher Schaden
Die Schätzungen der wirtschaftlichen Kosten des Schadens schwanken zwischen der Schätzung der türkischen Regierung in Höhe von 24,8 Millionen US$, der Schätzung des britischen Diplomaten in Höhe von 100 Millionen GBP (etwa 200 Millionen US$), der Schätzung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Höhe von 150 Millionen US$ und der Schätzung der griechischen Regierung in Höhe von 500 Millionen US$. Neben den direkten Sachschäden entstanden langfristige wirtschaftliche Folgen für die Betroffenen und den Handel in der Stadt.
Verantwortlichkeit und Reaktionen
Untersuchungen und Berichte aus dieser Zeit legen nahe, dass das Pogrom zumindest teilweise geplant oder geduldet wurde. Zeitgenössische Beobachter, ausländische Diplomaten und spätere Historiker weisen auf Verstrickungen von einzelnen Mitgliedern der Regierung, lokalen Behörden und Sicherheitskräften hin. Es gab wenige strafrechtliche Verfolgungen; viele Verantwortliche wurden nicht zur Rechenschaft gezogen, was in der Folge zu Kritik von Menschenrechts- und Minderheitenorganisationen sowie von ausländischen Regierungen führte.
Folgen für die griechische Gemeinschaft
Das Pogrom beschleunigte die Auswanderung ethnischer Griechen aus der Region Istanbul erheblich, so dass die 200.000 Mann starke griechische Minderheit 1924 auf nur 2.500 im Jahr 2006 zurückging. Neben der physischen Gewalt führten Angst, wirtschaftliche Entwurzelung und staatlicher Druck viele Angehörige der Gemeinde zur Abwanderung. Die kulturelle Präsenz und das kirchliche Leben der Griechen in Istanbul wurden dadurch nachhaltig geschwächt.
Internationale und langfristige Folgen
Das Pogrom verschlechterte die Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland und beeinflusste die Wahrnehmung der Türkei in der internationalen Öffentlichkeit. Langfristig bleibt das Ereignis ein sensibler Punkt in der Erinnerungskultur: Opferverbände, Historiker und Angehörige fordern Aufklärung, Anerkennung und Entschädigung, während politische Debatten in der Türkei und darüber hinaus regelmäßig neu aufflammen.
Erinnerung und Forschung
Die Aufarbeitung des 6.–7. September 1955 hat in den folgenden Jahrzehnten unterschiedliche Formen angenommen: Zeitzeugenberichte, wissenschaftliche Studien, journalistische Recherchen und kulturelle Erinnerungsarbeit. Trotz einiger Untersuchungen bestehen weiterhin offene Fragen zur genauen Organisation des Pogroms und zur Rolle staatlicher Stellen. Die historische Forschung betont die Bedeutung der Ereignisse für Minderheitenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg.
Hinweis: Die hier genannten Zahlen und Bewertungen beruhen auf Zeitzeugenberichten, staatlichen Angaben und Schätzungen verschiedener Institutionen; sie variieren je nach Quelle.