Das Königreich Sardinien (italienisch: Regno di Sardegna) war ein historischer Staat, der seine Wurzeln im Mittelalter hatte und sich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach wandelte. Die mittelalterliche Bildung eines Königreichs über die Inseln Korsika und Sardinien reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück (um 1324), doch die Gestalt und die Herrscher wechselten mehrfach. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit gerieten die Inseln unter den Einfluss der Krone von Aragon und später der spanischen Krone.

Herrschaftswechsel und das Haus Savoyen

Nach dem Ende der spanischen Habsburgerherrschaft infolge der Kriege des 18. Jahrhunderts wechselte Sardinien mehrfach den Besitzer: Es gelangte kurzzeitig unter die Kontrolle der Habsburger und wurde schließlich 1720 dem Haus Savoyen übertragen. Von da an entwickelte sich das Herrschaftsgebiet der Savoyer zu einem europäischen Vielterritorienstaat mit Schwerpunkt auf dem italienischen Festland. Die Dynastie regierte das Land bis 1861, dem Jahr der formellen Einigung Italiens, als der König von Sardinien zum König von Italien ausgerufen wurde.

Territorium, Verwaltung und Hauptstadt

Unter der Herrschaft des Hauses Savoyen war die Hauptstadt des Staates Turin. Neben der Insel Sardinien umfasste das Herrschaftsgebiet ab dem 18. und vor allem im 19. Jahrhundert größere Gebiete auf dem Festland, vor allem das Piemont (Piemont-Sardinien genannt) sowie nach den napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress weitere Gebiete, darunter die ehemalige Republik Genua, die 1815 dem Königreich angegliedert wurde. Die Bezeichnung Sardinien-Piemont oder Piemont-Sardinien wurde im Ausland und in diplomatischen Kontexten häufig verwendet, da die politische und administrative Macht stark in Turin und im Piemont konzentriert war.

Korsika, päpstliche Ansprüche und Verwaltung

Obwohl historisch beide Inseln — Korsika und Sardinien — in manchen Urkunden gemeinsam genannt wurden, verlief ihre tatsächliche Entwicklung unterschiedlich. In der Frühzeit gab es auch päpstliche Ansprüche und Investituren auf Teile der Inseln; die effektive Herrschaft lag jedoch vielfach bei lokalen Mächten, Pisa, Genua, der Krone von Aragon bzw. später Spanien. Korsika gelangte im 18. Jahrhundert zunehmend unter französischen Einfluss und wurde 1768 von Genua an Frankreich abgetreten, während Sardinien unter wechselnder europäischer Herrschaft blieb.

Rolle beim Risorgimento und Ende als eigenständiges Königreich

Das Königreich Sardinien spielte eine zentrale Rolle im Risorgimento, der Bewegung zur nationalen Einigung Italiens. Unter dem Königshaus Savoyen und mit Politikern wie Graf Camillo di Cavour als Ministerpräsident trieb der Staat die Einigung voran. 1861 wurde das Königreich Italien proklamiert, und der König von Sardinien wurde zum König von Italien erklärt; damit endete die eigenständige Existenz des Königreichs Sardinien als international anerkannter Nationalstaat, seine Institutionen und seine Dynastie gingen jedoch in die neue italienische Monarchie über.

Kurzfristige Chronologie

  • Um 1324: Frühe Bildung eines mittelalterlichen Königreichs über Sardinien (und Korsika) in Verbindung mit aragonesischen Ansprüchen.
  • Frühe Neuzeit: Kontrolle durch die Krone von Aragon und später Spanien.
  • 18. Jahrhundert: Herrschaftswechsel nach den europäischen Kriegen; kurzzeitige habsburgische Kontrolle, Übergabe an das Haus Savoyen (1720).
  • 1815: Eingliederung von Genua nach dem Wiener Kongress.
  • 1861: Proklamation des Königreichs Italien; Ende der eigenständigen Existenz des Königreichs Sardinien.

Das Königreich Sardinien ist damit ein Beispiel für die komplexe politische Landkarte Europas in der Frühen Neuzeit und für die Transformationsprozesse, durch die aus regionalen Herrschaftsgebilden schließlich Nationalstaaten wie das moderne Italien entstanden.