Nagorno-Karabach (auch Berg-Karabach, armenisch: Artsakh) ist eine gebirgige Region im Südkaukasus. Die verschiedenen Namen der Region lassen sich alle mit „gebirgiges Karabach“ oder „gebirgiger schwarzer Garten“ übersetzen: Das russische Wort „nagorno“ bedeutet „gebirgig/auf dem Berg“, „kara“ kommt aus dem Türkischen und heißt „schwarz“, und „bakh“ bedeutet „Garten“ auf Aserbaidschanisch.
- Armenisch: Լեռնային Ղարաբաղ, transliteriert Lernayin Gharabagh
- Aserbaidschanisch: Dağlıq Qarabağ, oder Yuxarı Qarabağ (bedeutet "Oberes Karabach" oder "gebirgiges Karabach")
- Russisch: Нагорный Карабах, transliteriert Bergornyj Karabach
Region und Geographie
Nagorno-Karabach liegt im südlichen Kaukasus und ist überwiegend bergig, mit Höhenlagen, Tälern und dicht bewachsenen Berghängen. Das Gebiet umfasst historische Städte und Dörfer, darunter die Stadt Stepanakert (armenisch) bzw. Khankendi (aserbaidschanisch) als wichtigste Siedlung sowie die kulturell bedeutende Stadt Schuscha (armenisch: Shushi). Klima und Bodenverhältnisse ermöglichen Landwirtschaft (vor allem Weinanbau, Obstbau und Viehzucht) in den tieferen Lagen, während die höheren Gebiete bewaldet und weniger dicht besiedelt sind.
Bevölkerung und Sprache
Historisch lebten in Nagorno-Karabach verschiedene Bevölkerungsgruppen; in den vergangenen Jahrzehnten bildeten ethnische Armenier jedoch die Mehrheit in der Region. Die am weitesten verbreitete Sprache ist Armenisch; Aserbaidschanisch wurde traditionell in den umliegenden Regionen gesprochen. Russisch dient als überregionale Verkehrssprache, insbesondere in diplomatischen und multilateralen Zusammenhängen. Kriege und Vertreibungen haben die Bevölkerungszusammensetzung mehrfach stark verändert.
Kurzer historischer Überblick
Die Geschichte der Region reicht weit zurück: Im Mittelalter gehörten Teile zu armenischen Fürstentümern, später wechselten die Herrschaften zwischen persischen, osmanischen und russischen Reichen. Nach dem Ende des Zarenreichs und später im Zuge der Sowjetisierung wurde 1923 die Nagorno-Karabakh Autonomous Oblast (NKAO) innerhalb der Aserbaidschanischen SSR eingerichtet. Diese administrative Lösung ließ jedoch grundlegende nationale und politische Spannungen bestehen, die sich gegen Ende der Sowjetzeit offen zeigten.
Konflikte seit 1988
Ende der 1980er Jahre eskalierte der Konflikt zwischen der armenischen Bevölkerung von Berg-Karabach und Aserbaidschan, was 1988–1994 in einen offenen Krieg mündete. Nach schweren Kämpfen trat 1994 ein Waffenstillstand in Kraft; seither existierte de facto eine von Armeniern kontrollierte Verwaltung (die selbsternannte Republik Karabach bzw. Artsakh), die international jedoch nicht anerkannt wurde. Die Vereinten Nationen und andere internationale Akteure betrachteten das Gebiet weiterhin als Teil Aserbaidschans und forderten wiederholt Rückzüge bzw. Verhandlungen.
Weitere Entwicklungen:
- 2016 kam es zu schweren Gefechten (sogenannte April-Kämpfe), die Kurzfristige Eskalationen zeigten.
- Im September–November 2020 gab es einen neuen groß angelegten Krieg (der „44-Tage-Krieg“). Aserbaidschan eroberte dabei große Teile der vormals von ethnischen Armeniern kontrollierten Gebiete sowie strategisch wichtige Orte, darunter die Stadt Schuscha/Shushi. Ein von Russland vermittelter Waffenstillstand vom 10. November 2020 beendete die Kampfhandlungen; russische Friedenstruppen wurden in den damals vereinbarten Bereichen stationiert.
- In den Jahren danach blieben Spannungen, es gab Blockaden von Versorgungswegen, wiederkehrende Zwischenfälle und Probleme mit humanitärer Versorgung, Minenräumung und Rückkehr von Flüchtlingen.
- Im September 2023 startete Aserbaidschan eine groß angelegte Militäroperation, die zur raschen Übernahme der verbliebenen Gebiete unter armenischer Kontrolle führte. In der Folge flohen viele ethnische Armenier nach Armenien; die De-facto-Behörden von Artsakh kündigten an, ihre Institutionen aufzulösen (geplante Auflösung bis Anfang 2024), und die Kontrolle der Gebiete fiel weitgehend an Baku.
Aktueller Stand und Humanitäre Lage
Der Konflikt hat zu großen humanitären Herausforderungen geführt: Tausende Menschen wurden getötet oder verletzt, Hunderttausende sind vertrieben worden, es gibt Berichte über Vermisste und Kriegsverbrechen, außerdem sind große Landflächen vermint. Nach den Kämpfen wurden Rückkehr, Eigentumsfragen, der Schutz kulturellen Erbes und die Gewährleistung von Minderheitenrechten zu zentralen Problemen. Hilfsorganisationen und Nachbarstaaten sind in die Versorgung und Evakuierung involviert; internationale Beobachter fordern Schutzmaßnahmen für Zivilpersonen und kulturelle Stätten.
Internationale Perspektive und Recht
Die internationale Gemeinschaft ist in ihrer Bewertung geteilt, aber ein Großteil der internationalen Organisationen betrachtet Nagorno-Karabach als Teil der internationalen Grenzen Aserbaidschans. Die Vereinten Nationen und andere Gremien haben wiederholt zu Verhandlungen, Respekt vor dem Völkerrecht und zum Schutz der Zivilbevölkerung aufgerufen. Vermittlungsbemühungen, etwa durch die OSZE-Minsk-Gruppe (Russland, USA, Frankreich), hatten bislang nur begrenzten Erfolg bei einer nachhaltigen Lösung.
Kultur und Denkmäler
Die Region besitzt ein reiches kulturelles Erbe mit mittelalterlichen Klöstern, Kirchen und historischen Stätten (z. B. Gandzasar, Dadivank, die Altstadt von Schuscha/Shushi), die für Armenier und Aserbaidschaner kulturell bedeutsam sind. Der Schutz dieses Erbes ist international beachtet worden, da Zerstörung oder Vernachlässigung von Kulturstätten die Spannungen vertiefen und das kulturelle Gedächtnis beider Seiten betreffen kann.
Ausblick
Nagorno-Karabach/Artsakh bleibt ein komplexes und sensibles Thema mit tief verwurzelten historischen, ethnischen und politischen Dimensionen. Eine dauerhafte Lösung erfordert verlässliche Sicherheitsgarantien, humanitäre Maßnahmen für Vertriebenen, Mechanismen für Rückkehr und Eigentumsfragen sowie multilaterale diplomatische Anstrengungen, die die Rechte aller betroffenen Bevölkerungsgruppen berücksichtigen.







