Nihilismus kommt vom lateinischen nihil, oder nichts. Es ist der Glaube, dass Werte fälschlicherweise erfunden werden. Der Begriff "Nihilismus" kann auch verwendet werden, um die Idee zu beschreiben, dass das Leben oder die Welt keinen bestimmten Sinn oder Zweck hat. Nihilisten glauben, dass es keine wahre Moral gibt. Viele Menschen denken an den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, wenn sie an Nihilismus denken, weil er sagte, dass die Moral erfunden wurde. Aber in seinen Büchern sagte Nietzsche, dass die Menschen ihre eigene Moral schaffen müssten, um den Nihilismus zu überwinden.

Begriff und verschiedene Formen

Nihilismus ist kein einheitlicher Begriff; er wird in unterschiedlicher Weise benutzt. Wichtige Unterscheidungen sind:

  • Metaphysischer Nihilismus: die Auffassung, dass es keine übergeordnete, sinnstiftende Realität oder kein letztgültiges Sein gibt.
  • Moralischer Nihilismus: die These, dass es keine objektiven moralischen Wahrheiten gibt (ethischer Objektivismus wird abgelehnt).
  • Existentieller Nihilismus: die Einsicht oder Erfahrung, dass das eigene Leben keinen vorgegebenen Sinn besitzt; daraus kann Resignation oder – im Gegenteil – die Aufforderung zur Selbstbestimmung folgen.
  • Politischer Nihilismus: eine Form, die auf radikalen Bruch mit bestehenden Institutionen und oft auf destruktive oder revolutionäre Praxis zielt.

Geschichte und Entwicklung

Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert in Europa besonders prominent. In Russland gewann er kulturelle und politische Bedeutung: Mikhail Bakunins (1814-1876) Reaktion in Deutschland (1842) enthielt diesen Abschnitt: "Vertrauen wir also dem ewigen Geist, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil er die unergründliche und ewige Quelle allen Lebens ist. Die Leidenschaft für die Zerstörung ist auch eine schöpferische Leidenschaft!" Der Begriff wurde durch Iwan Turgenjews Roman Väter und Söhne (1862) populär gemacht. Basarow, der Held darin, war ein Nihilist.

Nihilismus in Russland und politische Folgen

Der Nihilismus war die Grundlage für einen Großteil des revolutionären Terrorismus. Er wurde von Sergej Nechaev aufgegriffen, einem Russen, der ein Pamphlet schrieb, das Lenin beeinflusste. Dostojewski war in seinen 20er Jahren Mitglied einer nihilistischen Gruppe. Er saß daraufhin zehn Jahre im Exil. Sein Roman Devils (oder The Possessed) handelt von Nechaev. Auch sein berühmter Roman Crime and Punishment befasst sich mit diesem Thema.

Die radikalen, teilweise terroristischen Strömungen innerhalb des Nihilismus führten zu gewaltsamen Aktionen. Die Ermordung des Zaren Alexander II. (13. März 1881) durch eine Reihe von Bomben war lange von Nihilisten geplant worden. Sie hatte die Zerschlagung der nihilistischen Bewegung zur Folge. In der Folgezeit wurden in Russland und anderswo Repressionen gegen revolutionäre Gruppierungen verstärkt.

Nietzsche und die Überwindung des Nihilismus

Friedrich Nietzsche, oft mit dem Thema verbunden, stellte nicht einfach Nihilismus fest, sondern beschrieb ihn als kulturelle Diagnose: die traditionelle religiöse und metaphysische Weltdeutung verliert ihre bindende Kraft ("Gott ist tot"). Nietzsche sah darin eine Krise, zugleich aber eine Chance: an die Stelle abgestorbener Werte müsse eine "Umwertung aller Werte" treten. Er forderte nicht blinden Pessimismus, sondern die aktive Schöpfung neuer Lebensbejahender Werte durch den Einzelnen.

Wirkung in Literatur, Philosophie und Kultur

Neben Dostojewski und den russischen Erfahrungen hat Nihilismus breite Spuren in Literatur, Philosophie und Kunst hinterlassen. Spätere Denker der Existenzphilosophie und des Existentialismus (etwa Søren Kierkegaard, später Jean-Paul Sartre, Albert Camus) setzten sich mit verwandten Fragen auseinander: Sie akzeptierten oft die Abwesenheit eines vorgegebenen Sinns, betonten aber Verantwortung, Freiheit und die Möglichkeit, trotz oder gerade wegen dieser Befreiung Sinn zu schaffen. In der populären Kultur erscheint Nihilismus wiederum als Motiv in Film, Theater, Musik und bildender Kunst.

Kritik und heutige Relevanz

Nihilismus wird vielfach kritisiert: Gegner weisen darauf hin, dass gesellschaftliche Normen, moralische Argumente und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht einfach "erfunden" sind, sondern auf Erfahrungen, praktischen Bedürfnissen und argumentativer Begründung beruhen. Andere betonen, dass ein behaupteter Wertverlust nicht zwangsläufig in Gewalt oder Resignation enden muss; viele moderne Philosophien und soziale Bewegungen suchen nach neuen Formen der Sinnstiftung und Ethik.

Heute ist der Begriff oft weiter gefasst und wird in Debatten über Sinn, Moral, politische Gewalt, Kulturpessimismus und die Folgen des Wertewandels verwendet. Wichtig ist, zwischen unterschiedlichem Gebrauch zu unterscheiden: philosophische Diagnose, literarisches Motiv und politisch-revolutionäre Praxis sind nicht identisch, obwohl sie historisch miteinander verwoben waren.

Zusammenfassung: Nihilismus bezeichnet die Ablehnung objektiver Werte oder eines vorgegebenen Lebenssinns. Historisch spielte er besonders im 19. Jahrhundert eine Rolle—in philosophischen Diagnosen (z. B. Nietzsche), in der russischen Kultur und Politik (Turgenjew, Bakunin, Nechaev, Dostojewski) sowie als Anlass für literarische und philosophische Auseinandersetzungen. Heute wird der Begriff weiterhin diskutiert, sowohl als Herausforderung als auch als Anstoß zur Neuformulierung von Sinn und Ethik.