Nôm ist eine historisch in Vietnam verwendete Schriftsystemform, die chinesische Schriftzeichen nutzte, um das Vietnamesische wiederzugeben. Die älteste bekannte Nôm-Inschrift findet sich auf der Glocke von Van Ban (graviert 1076). Die frühesten erhaltenen literarischen Texte in Nôm stammen aus dem 13. Jahrhundert. Die Schrift blieb bis in die 1920er Jahre im Gebrauch, bevor sie weitgehend durch das vietnamesische Alphabet (chữ Quốc ngữ), eine Form des lateinischen Alphabets, verdrängt wurde.
Geschichtlicher Kontext
Für offizielle Urkunden, Verwaltung und klassische Bildung wurde über Jahrhunderte Klassisches Chinesisch verwendet. Der Literaturtempel in Hanoi (Văn Miếu) war das bekannteste Zentrum für das Studium dieser Sprache; Absolventen der Beamtenprüfungen konnten anschließend als Richter oder Beamte tätig werden. Konfuzianische Gelehrte betrachteten Chinesisch als die Sprache der Bildung und standen Nôm oft ablehnend gegenüber, während Nôm in der Bevölkerung weit verbreiteter war. Lesen und Schreiben blieb jedoch nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugänglich; in fast jedem Dorf gab es jedoch normalerweise mindestens eine Person, die Nôm lesen konnte.
Schreibweise und charakteristische Merkmale
Nôm verwendete zum einen traditionelle chinesische Schriftzeichen (chữ Hán) und zum anderen eigens gebildete Zeichen, um lautliche oder inhaltliche Entsprechungen für vietnamesische Wörter darzustellen. Ein vietnamesisches Wort konnte entweder mit einem chinesischen Zeichen geschrieben werden, das dieselbe oder eine ähnliche Bedeutung hatte, oder mit einem Zeichen, das ähnlich klang. Viele Nôm-Zeichen sind semantisch-phonetische Zusammensetzungen: ein Teil gibt die Bedeutung (Semantik), ein anderer die Aussprache (Phonetik) an. Jedes Zeichen repräsentiert dabei in der Regel eine Silbe bzw. eine Einheit des gesprochenen Vietnamesischen.
Weil das Vietnamesische, wie das Chinesische, eine tonale Sprache ist, spielten Tonunterschiede eine wichtige Rolle bei der Lautübertragung. Im Gegensatz dazu konnten Sprachen wie Japanisch oder Koreanisch, für die die Tonfrage keine vergleichbare Rolle spielt, eigene phonetische Schriftsysteme entwickeln, die auf diesen Aspekt nicht in gleicher Weise eingehen müssen.
Literatur und Kultur
Ein bedeutender Teil der vormodernen vietnamesischen Literatur wurde in Nôm verfasst. Zu den bekanntesten Werken gehören Klassiker wie Tale of Kieu (Truyện Kiều) von Nguyễn Du und die oft der Volkskultur zugerechnete Poesie von Ho Xuan Huong. Viele dieser Texte sind heute nur noch in Übersetzungen oder Transliterationen leicht zugänglich, weil nur noch wenige Spezialisten die originale Nôm-Schrift beherrschen.
Niedergang und moderne Wiederbelebung
Ab dem 17. Jahrhundert entwickelten europäische Missionare erste lateinbasierte Umschriftformen; im 19. und frühen 20. Jahrhundert setzte sich das Schriftsystem chữ Quốc ngữ (vietnamesisches Alphabet) zunehmend durch. Kolonialverwaltung, Bildungspolitik und die praktikable Schreibweise mit lateinischen Buchstaben führten schließlich zum Rückgang der Nôm-Schrift. Heute ist es in Vietnam nicht mehr verpflichtend, traditionelle Zeichen zu lernen, und im Alltag wird das lateinische Alphabet verwendet. Nach wie vor ist die kalligraphische Darstellung von Schriftzeichen als Dekoration und Glückssymbol beliebt.
Für Forschung und Erhalt des schriftlichen Erbes wurden Institutionen gegründet: Das 1970 gegründete Han-Nom-Institut (Viện Hán-Nôm) sammelt und untersucht relevante Manuskripte und Inschriften. Nôm-Zeichen wurden 2001 in den Unicode-Standard aufgenommen, was die digitale Verarbeitung historischer Texte erleichtert. Trotzdem wird geschätzt, dass weltweit nur noch wenige Dutzend bis weniger als 100 Spezialisten die Schrift fließend lesen können.
Bedeutung
- Nôm ist ein Schlüssel zur vormodernen vietnamesischen Kultur- und Literaturgeschichte.
- Die Schrift zeigt, wie eine Sprache durch Anpassung eines fremden Schriftsystems eigene Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln kann.
- Die aktuelle Forschung und Digitalisierung machen es zunehmend möglich, Nôm‑Texte zu edieren, zu übersetzen und wieder einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.


