Stagflation: Was ist das? Definition, Ursachen & wirtschaftliche Folgen

Stagflation erklärt: Definition, Ursachen & Folgen – warum hohe Inflation bei stagnierendem Wachstum und steigender Arbeitslosigkeit entsteht und welche Politik hilft.

Autor: Leandro Alegsa

In der Wirtschaftswissenschaft versteht man unter Stagflation einen Zustand, in dem es kaum noch Produktionswachstum gibt, die Inflation jedoch hoch ist und die Arbeitslosigkeit gleichzeitig hoch bleibt. Ein solcher Zustand widersprach lange den Vorhersagen der klassischen keynesianischen Ökonomie, nach der Inflation und Rezession in der Regel als Gegensätze betrachtet wurden.

Begriff und Bedeutung
Stagflation ist ein Kofferwort aus Stagnation und Inflation. Es beschreibt eine wirtschaftliche Lage, in der die Inflationsrate hoch ist, das Wirtschaftswachstum schwach oder negativ ist und die Arbeitslosigkeit erhöht bleibt. Für die Wirtschaftspolitik stellt Stagflation ein besonderes Dilemma dar: Maßnahmen zur Bekämpfung der Inflation (z. B. Zinserhöhungen) können die Arbeitslosigkeit verschärfen, während stimulierende Maßnahmen zur Ankurbelung von Wachstum und Beschäftigung die Inflation weiter anheizen können.

Ursprünge des Begriffs
Der Begriff wird oft einem britischen Politiker zugeschrieben, Iain Macleod, der 1970 Schatzkanzler war und den Ausdruck 1965 in einer Rede vor dem Parlament prägte. Obwohl John Maynard Keynes selbst den Begriff nicht verwendete, behandeln einige seiner Arbeiten Bedingungen, die heute als Stagflation erkannt würden.

Warum galt Stagflation als überraschend?
In der in den Nachkriegsjahrzehnten bis in die 1970er Jahre vorherrschenden Variante der keynesianischen makroökonomischen Theorie wurden Inflation und Rezession häufig als gegenseitig ausschließend angesehen. Die Beziehung wurde durch die Phillips-Kurve beschrieben, die kurzfristig einen Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit nahelegte. Die Stagflation der 1970er Jahre brach diese Vorstellung auf und führte zu einer Neubewertung makroökonomischer Modelle.

Ursachen und Mechanismen

Stagflation entsteht in der Regel durch eine Kombination folgender Faktoren:

  • Negative Angebotsschocks (sogenannte supply shocks): Ein schlagartiger Anstieg der Produktionskosten — etwa durch stark gestiegene Rohstoffpreise (z. B. Ölpreisschocks) — verringert das gesamtwirtschaftliche Angebot. Die Folge sind gleichzeitig höhere Preise und geringere Produktion.
  • Cost-push-Inflation: Steigende Kosten (Löhne, Energie, Vorprodukte) treiben die Preise nach oben, ohne dass die Nachfrage steigt.
  • Erwartungen: Wenn Unternehmen und Haushalte steigende Inflation erwarten, verfestigen sich Preiserhöhungen und Lohnforderungen, was die Inflation weiter antreiben kann.
  • Fehlgeleitete Wirtschaftspolitik: Expansive Geld- und Fiskalpolitik in Verbindung mit schwacher Angebotsstruktur können Inflation anheizen, ohne Wachstum nachhaltig zu fördern.
  • Strukturelle Probleme: Unflexible Arbeitsmärkte, mangelnde Produktivität oder langfristig sinkende Investitionen können das Wachstum dämpfen und die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft vermindern.

Wirtschaftliche Folgen

Stagflation ist besonders schmerzhaft, weil sie mehrere Dimensionen zugleich belastet:

  • Sinkende Reallöhne und Kaufkraftverlust: Bei hoher Inflation steigen nominale Preise schneller als Einkommen, wodurch reale Einkommen schrumpfen.
  • Höhere Arbeitslosigkeit: Schwaches Wachstum führt zu weniger Beschäftigung; Unternehmen sparen Kosten durch Personalabbau.
  • Geringere Investitionen: Unsicherheit und schlechtere Rentabilität dämpfen Investitionsbereitschaft und langfristiges Wachstum.
  • Politische und soziale Spannungen: Kaufkraftverluste, steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Perspektiven können zu Unzufriedenheit führen.

Messung

Ein einfaches politisches Maß ist der sogenannte Elendsindex: Man addiert die Inflationsrate zur Arbeitslosenquote. Obwohl dieser Index nur grob ist, veranschaulicht er die gleichzeitige Belastung durch steigende Preise und hohe Arbeitslosigkeit.

Historische Beispiele

Das bekannteste Beispiel ist die Stagflation der 1970er Jahre in vielen Industrieländern, ausgelöst unter anderem durch die Ölkrisen 1973 und 1979. Die Kombination aus stark gestiegenen Energiekosten, Lohn-Preis-Spiralen und teils unpassender Politik führte zu anhaltend hoher Inflation bei gleichzeitig schwachem Wachstum. Diese Erfahrungen förderten wirtschaftstheoretische Weiterentwicklungen (z. B. Arbeiten von Milton Friedman und Edmund Phelps zur Rolle von Erwartungen und der natürlichen Arbeitslosenquote).

Politische Reaktionen und Maßnahmen

Die Bekämpfung von Stagflation ist schwierig, weil Standardinstrumente der Geld- und Fiskalpolitik gegensätzliche Effekte haben können. Mögliche Maßnahmen sind:

  • Strikte Geldpolitik: Zinsanhebungen können die Inflation dämpfen (Beispiel: die restriktive Geldpolitik unter Paul Volcker in den USA Anfang der 1980er), führen aber oft kurzfristig zu höherer Arbeitslosigkeit.
  • Strukturreformen: Maßnahmen zur Erhöhung der Angebotskapazitäten — z. B. Deregulierung, Verbesserung der Bildung, Förderung von Innovation und Infrastruktur — können langfristig Wachstum und Produktivität stärken.
  • Zielgerichtete Fiskalpolitik: Statt pauschaler Nachfrageanreize sind gezielte Investitionen in produktivitätssteigernde Bereiche sinnvoller.
  • Stärkung der geldpolitischen Glaubwürdigkeit: Klare Inflationsziele und unabhängige Zentralbanken können Erwartungen besser verankern und helfen, die Inflationserwartungen zu senken.

Fazit

Stagflation ist selten, aber besonders problematisch, weil sie Wachstumsschwäche, hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflation kombiniert. Typische Auslöser sind starke Angebotsschocks und eine schwache Angebotsseite der Wirtschaft, verstärkt durch ungünstige Erwartungen und unpassende Politik. Die Lösung erfordert in der Regel eine Kombination aus glaubwürdiger Geldpolitik zur Stabilisierung der Preise und langfristigen Strukturreformen, um das Produktionspotenzial zu erhöhen und die Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern.

Diese Situation beginnt oft damit, dass Dinge teurer werden, während weniger hergestellt wird. Weil weniger produziert wird, werden weniger Arbeitskräfte benötigt, was die Arbeitslosigkeit antreibt. Alle drei Faktoren zusammen verursachen Stagflation – Stagnation in Produktion und Beschäftigung sowie steigende Inflation. Häufig spielen dabei auch cost-push-Faktoren eine Rolle: Wenn die Herstellung eines Artikels teurer wird, steigt der Preis, Investitionen in das Unternehmen werden weniger wahrscheinlich, und letztlich führt dies zu höherer Arbeitslosigkeit.

Prozentuale Veränderung der Quelle des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber der Vorperiode : Büro für WirtschaftsanalyseZoom
Prozentuale Veränderung der Quelle des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber der Vorperiode : Büro für Wirtschaftsanalyse

Rezession der 1970er Jahre

Die Rezession der Jahre 1973-75 oder 1970 war in den 1970er Jahren in weiten Teilen der westlichen Welt eine Periode der wirtschaftlichen Stagnation und setzte dem allgemeinen Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende. Sie unterschied sich von vielen früheren Rezessionen als eine Stagflation, bei der hohe Arbeitslosigkeit mit hoher Inflation zusammenfiel.

Fragen und Antworten

F: Was ist Stagflation?


A: Stagflation ist ein wirtschaftlicher Begriff, der eine Situation beschreibt, in der es fast kein Produktionswachstum, aber eine hohe Inflation und Arbeitslosigkeit gibt.

F: Wer hat den Begriff 'Stagflation' geprägt?


A: Der Begriff 'Stagflation' wurde von dem britischen Politiker Iain Macleod geprägt, der 1970 Schatzkanzler wurde.

F: Welche Auswirkungen hat die Stagflation auf die Wirtschaftspolitik?


A: Die Stagflation stellt ein Dilemma für die Wirtschaftspolitik dar, da Maßnahmen zur Senkung der Inflation die Arbeitslosigkeit verschärfen können und umgekehrt.

F: Was sagt die keynesianische Wirtschaftslehre zur Stagflation?


A: In der keynesianischen Wirtschaftslehre wurden Inflation und Rezession als sich gegenseitig ausschließend betrachtet, wobei die Beziehung zwischen ihnen durch die Phillips-Kurve beschrieben wurde.

F: Wie kann eine Stagflation gestoppt werden, wenn sie einmal begonnen hat?


A: Eine Stagflation zu stoppen, wenn sie einmal begonnen hat, ist sehr kostspielig und schwierig. Sie erfordert politische Maßnahmen wie die Erhöhung der Investitionen in Unternehmen und die Senkung der Güterpreise.

F: Was sind die Ursachen der Stagflation?


A: Stagflation wird durch eine Kombination von Faktoren verursacht, darunter steigende Produktionskosten, die zu höheren Preisen führen, weniger hergestellte Produkte, für deren Herstellung weniger Menschen benötigt werden, und kostentreibende Faktoren wie höhere Löhne oder Steuern, die zu höheren Preisen für Waren führen.


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