Die Criollos (Singular: Criollo) waren eine soziale Klasse im Kastensystem der von Spanien im 16. Jahrhundert gegründeten überseeischen Kolonien, insbesondere in Lateinamerika. Der Name bezeichnete ursprünglich Menschen von überwiegend oder rein spanischem Blut, die jedoch in der Kolonie geboren wurden.

Im hierarchischen System der spanischen Kolonien standen die Criollos in der Regel unter den Peninsulares—denjenigen, die in Spanien (auf der Iberischen Halbinsel) geboren waren—, jedoch über allen anderen Gruppen wie Mestizen, indigenen Völkern oder versklavten Afrikanern. Obwohl die Criollos oft große Ländereien, wirtschaftlichen Reichtum und kulturellen Einfluss besaßen, waren viele hochrangige Ämter in Verwaltung und Kirche formell oder faktisch den Peninsulares vorbehalten. Diese Beschränkungen trugen zu Spannungen zwischen beiden Gruppen bei.

Herkunft des Begriffs und sprachliche Hinweise

Der Ausdruck Criollo leitet sich aus dem Spanischen ab und bedeutete ursprünglich „einheimisch geboren (von europäischen Eltern)“. Im Englischen wird der Begriff häufig mit creole oder im Deutschen mit kreolisch übersetzt. Diese Übersetzungen sind jedoch nicht deckungsgleich: „kreolisch/creole“ bezeichnet in anderen Regionen und Zusammenhängen auch verschiedene ethnische Gruppen, Kulturformen oder auch Kreolsprachen, die keine direkte historische Verbindung zum spanischen Kolonialsystem haben.

Soziale Rolle, Wirtschaft und Kultur

Criollos bildeten oft die lokale Oberschicht: sie waren Großgrundbesitzer, Kaufleute, Angehörige der städtischen Elite oder höherer Militär- und geistlicher Schichten auf regionaler Ebene. Kulturell förderten viele Criollos Bildung, lokale Intellektuellenkreise und Verlagswesen; sie spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung aufklärerischer Ideen im 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Gleichzeitig gab es Unterschiede innerhalb der criollo-Schicht: reiche Landbesitzer konnten gegenüber einfachen Criollos deutliche Vorrechte genießen, und soziale Mobilität war möglich. Die Bourbonischen Reformen des 18. Jahrhunderts (administrative und wirtschaftliche Zentralisierungsmaßnahmen Spaniens) veränderten Besitzverhältnisse und Beamtenbesetzung und verstärkten vielerorts die Unzufriedenheit der Criollos, da sie den Einfluss der in Spanien geborenen Funktionäre erhöhten.

Politische Bedeutung und Unabhängigkeitsbewegungen

Die Kombination aus kulturellem Selbstbewusstsein, wirtschaftlichem Einfluss und politischer Ausschluss­erfahrung machte viele Criollos zu führenden Akteuren der Unabhängigkeitsbewegungen gegen die spanische Herrschaft Anfang des 19. Jahrhunderts. Bedeutende Führer der verschiedenen lateinamerikanischen Unabhängigkeitskriege waren Criollos, darunter:

  • Simón Bolívar (Venezuela/Gran Kolumbien)
  • José de San Martín (Argentinien/Chile/Peru)
  • Miguel Hidalgo y Costilla (Mexiko)
  • José María Morelos (Mexiko)
  • Bernardo O'Higgins (Chile)

In vielen Regionen führte der Unabhängigkeitsprozess jedoch nicht zu einer völligen Auflösung sozialer Ungleichheiten: Die neue politische Elite bestand häufig aus denselben criollo-nahen Familien, die nun politische Macht an Stelle der entfernten Kolonialmacht übernahmen.

Regionale Unterschiede und moderne Bedeutungen

Die konkrete Bedeutung und Stellung der Criollos variierte je nach Kolonie und Zeitraum. In Teilen des spanischen Amerika (z. B. Neuspanien/Mexiko, dem Vizekönigreich des Río de la Plata, dem Vizekönigreich von Perú) hatten Criollos unterschiedliche Grade an wirtschaftlicher Macht und kulturellem Einfluss. In anderen Kolonialräumen, etwa in der Karibik oder auf den Philippinen, traten verwandte soziale Kategorien mit eigenen Besonderheiten auf.

Heute wird das Wort criollo in vielen lateinamerikanischen Ländern auch in kultureller Hinsicht verwendet, z. B. für traditionelle Küche („comida criolla“), Musikstile oder lokale Bräuche — dann meist in der Bedeutung „heimisch“ oder „ursprünglich lokal“. Die historische Rolle der Criollos bleibt jedoch ein wichtiges Thema, um die koloniale Gesellschaftsordnung, die Entstehung nationaler Eliten und die Wege in die Unabhängigkeit zu verstehen.

Insgesamt beschreibt der Begriff eine vielschichtige soziale Kategorie: einerseits mit Privilegien und Macht, andererseits mit Einschränkungen gegenüber den in Europa Geborenen — und mit einem prägenden Einfluss auf die politischen und kulturellen Entwicklungen Lateinamerikas.