Nicola Pisano (auch Niccolò Pisano und Nicola de Apulia genannt) (ca. 1220/1225 - ca. 1284) war ein italienischer Bildhauer, der vor allem durch seine Werke für die Kathedrale von Pisa und weitere sakrale Aufträge in Mittelitalien bekannt ist. Zu einer Zeit, als die meisten Künstler überwiegend im gotischen Stil arbeiteten, ließ sich Nicola von der antiken römischen Skulptur beeinflussen, die er in und um Pisa sah, und übernahm Elemente dieser klassischen Bildsprache in sein eigenes Werk. Aus diesem Grund wird Nicola Pisano oft als einer der Begründer der modernen Skulptur in Italien bezeichnet.

Leben und Werk

Vermutlich in Apulien geboren, wirkte Nicola hauptsächlich in Pisa, Siena und Pistoia. Seine Ausbildung ist nicht genau dokumentiert; seine Werke zeigen jedoch ein umfangreiches Wissen um antike Formensprachen und die Fähigkeit, diese mit zeitgenössischen, gotischen Elementen zu verbinden. Er leitete eine Werkstatt mit mehreren Gehilfen, zu denen auch sein Sohn Giovanni Pisano gehörte, der später selbst zu einem bedeutenden Bildhauer wurde und den Stil seines Vaters weiterentwickelte.

Stilmerkmale und Bedeutung

Nicola Pisano zeichnete sich durch eine starke Hinwendung zur Naturbeobachtung und zur Körperplastizität aus: seine Figuren wirken körperhaft, mit klaren Proportionen und drapierter Kleidung, die an antike Vorbilder erinnert. Er übernahm

  • die monumentale Körperauffassung und gestufte Raumwirkung antiker Sarkophagreliefs,
  • einen ernsthaften Ausdruck in Gesichtstypen und Gesten,
  • und eine Komposition, die Szenen dicht und narrativ auf Relieffeldern anordnet.

Durch diese Synthese aus klassischer Formensprache und mittelalterlicher Ikonographie schuf Nicola einen neuen Realismus in der Skulptur, der den Weg zur Renaissance mitprägte.

Wichtige Werke

  • Predella / Kanzel im Baptisterium von Pisa (ca. 1255–1260): Sein frühes Großwerk, bekannt für reliefartige Bildgeschichten und klassische Einflüsse in Figurenaufbau und Draperie.
  • Kanzel im Dom von Siena (1265–1268): Eines der bekanntesten Werke, das in mehreren plastischen Tafeln Episoden aus dem Leben Christi darstellt und Nicola als führenden Bildhauer seiner Zeit etablierte.
  • Arbeiten in Pistoia und weitere Aufträge: Nicola und seine Werkstatt übernahmen auch Arbeiten für andere Kirchen in der Toskana, darunter weitere Kanzeln und Figurenprogramme.

Viele seiner Skulpturen sind heute noch an den Originalorten zu sehen oder in den zugehörigen Museen erhalten.

Nachwirkung

Nicola Pisano beeinflusste zahlreiche Künstler der nachfolgenden Generationen: Sein Sohn Giovanni entwickelte die Formsprache weiter in eine expressivere, stärker gotisch geprägte Richtung, andere Bildhauer griffen die naturalistischen Ansätze Nicola Pisanos auf. Kunsthistorisch gilt Nicola als zentrale Figur der Übergangszeit von der romanisch-gotischen Plastik zur frührenaissancistischen Auffassung menschlicher Körperlichkeit.

Fazit: Nicola Pisano verband antike Vorbilder mit mittelalterlicher Erzähltradition und schuf damit eine neue, naturalistische Skulpturauffassung, die ihm den Ruf als Wegbereiter der modernen italienischen Skulptur einbrachte.