Zum Inhalt springen
Deutsch Startseite

Placebo und Placebo‑Effekt: Wirkung, Geschichte und Bedeutung in Forschung und Therapie

Übersicht über Placebos: Definition, Mechanismen des Placebo‑Effekts, historische Entwicklung, Einsatz in klinischen Studien, ethische Fragen und Unterschiede zum Nocebo.

Ein Placebo ist eine absichtlich unwirksame oder scheinbar medizinische Maßnahme, die verabreicht wird, ohne eine spezifische pharmakologische Wirkung auf die behandelte Krankheit zu haben. Placebos können beispielsweise Zuckerpillen, Scheininjektionen oder gefälschte Therapien sein. Sie werden häufig verwendet, um die Rolle von Erwartung, Kontext und therapeutischer Beziehung bei der Verbesserung von Symptomen zu untersuchen. In allgemeiner Form beziehen sich Placebo‑Studien auf Vergleiche mit einer Referenzbehandlung bei einer Krankheit oder einem Zustand; manchmal betrifft die Untersuchung auch Verhalten wie Ernährungsumstellungen oder Diät.

Bildergalerie

3 Bilder

Was ist der Placebo‑Effekt?

Der Placebo‑Effekt beschreibt die beobachtete Verbesserung (oder Verschlechterung) von Symptomen, die allein durch die Erwartungen der Person, die Behandlungsumstände oder andere nicht‑spezifische Faktoren ausgelöst wird, nicht durch eine pharmakologische Substanz. Obwohl der Begriff in der modernen Forschung seit dem frühen 20. Jahrhundert gebräuchlich ist, beruhen Konzepte wie Erwartung und Konditionierung auf älteren Beobachtungen.

Mechanismen und Erklärungsansätze

Mehrere Faktoren tragen zum Placebo‑Effekt bei. Zu den wichtigsten gehören:

  • Erwartung: Glaube an eine Besserung kann subjektive Symptome abschwächen.
  • Konditionierung: Vorherige positive Behandlungserfahrungen können eine automatische Reaktion auslösen.
  • Kontext und Ritual: Arzt‑Patient‑Interaktion, äußere Umstände und die Form der Verabreichung beeinflussen das Ergebnis.
  • Neurobiologische Veränderungen: Bildgebung und biochemische Studien zeigen, dass Erwartungen neuronale Netzwerke, Neurotransmitter (z. B. Dopamin, endogene Opioide) und Schmerzverarbeitung modulieren können.

Anwendungsbereiche und Beispiele

Placeboeffekte werden am deutlichsten bei Symptomen wie Schmerz, Übelkeit, Müdigkeit oder depressiver Stimmung beschrieben. In der klinischen Forschung dienen Placebo‑Kontrollgruppen als Standard, um die spezifische Wirkung eines neuen Medikaments zu prüfen. In der Praxis ist die Situation komplexer: Placebos heilen in der Regel keine zugrundeliegenden Erkrankungen, können aber die Lebensqualität verbessern und Symptome lindern.

Ethische Fragen und moderne Ansätze

Der Einsatz von Placebos berührt ethische Aspekte, insbesondere weil klassische Placeboanwendungen mit Täuschung einhergehen können. Deshalb gelten in der Forschung strenge Regeln für informierte Einwilligung und die Anwendung von Placebo‑Kontrollen nur unter bestimmten Bedingungen. Neuere Studien haben zudem offene Placebos untersucht: Patienten wissen, dass sie ein Placebo erhalten, berichten jedoch mitunter trotzdem von Verbesserungen.

Wichtige Unterscheidungen und Nocebo

Wesentlich ist die Unterscheidung zwischen Placebo‑Effekt (positive Veränderung) und Nocebo‑Effekt (negative Reaktion durch negative Erwartungen). Außerdem ist zwischen der Placebo‑Reaktion als psychobiologischem Phänomen und der tatsächlichen pharmakologischen Wirkung eines Medikaments zu unterscheiden. Beide können im klinischen Alltag parallel auftreten und sich gegenseitig verstärken oder abschwächen.

Zusammenfassend ist das Placebo‑Phänomen ein komplexes Zusammenspiel von Psyche, sozialem Kontext und biologischen Reaktionen. Es bleibt ein wichtiges Forschungsfeld, das hilft, Behandlungserfolge besser zu verstehen und Therapieformen menschlicher zu gestalten.

Ursprünge

John Haygarth testete im 18. Jahrhundert einen Placebo-Effekt. Er zeigte "in einem nie vermuteten Ausmaß, welch starker Einfluss auf Krankheiten durch bloße Phantasie erzeugt wird".

Émile Coué, ein französischer Apotheker, der zwischen 1882 und 1910 arbeitete, entdeckte das, was später als "Placebo-Effekt" bekannt wurde. Er beruhigte seine Kunden, indem er die Wirksamkeit jedes Medikaments lobte und bei jedem Medikament einen kleinen positiven Hinweis hinterließ. 1901 begann Coué mit Studien unter Hypnose. 1913 gründeten Coué und seine Frau La Société Lorraine de Psychologie appliquée. Sein Buch Self-mastery through conscious autosuggestion (Selbstbeherrschung durch bewusste Autosuggestion) wurde in England (1920) und in den Vereinigten Staaten (1922) veröffentlicht.

Placebos und Blindstudie

Placebos werden im Rahmen von Blindstudien eingesetzt. Blindversuche funktionieren so: Einige Personen erhalten das zu prüfende Medikament oder die zu prüfende Behandlung, andere erhalten das Placebo. Niemand weiß, wer die wirkliche Behandlung und wer das Scheinmedikament erhält. Sie sind "blind" für ihre Behandlung.

Wenn Forscher bemerken, dass sich die "Behandlungsgruppe" von der "Placebogruppe" unterscheidet, wissen sie, dass der Unterschied auf die Behandlung zurückzuführen ist. Ohne eine "Placebogruppe" können die Forscher nicht wissen, ob diese Veränderungen ohnehin eingetreten wären, unabhängig davon, welche Medikamente die Menschen eingenommen hätten.

Echte Wirkungen von Placebos

Placebos können reale Auswirkungen auf Patienten haben: das ist es, was "Placebo-Effekt" bedeutet. Seit einem Grundsatzpapier aus dem Jahr 1955 wurde der Placebo-Effekt von einigen anerkannt und akzeptiert, von anderen abgelehnt. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der Placebo-Effekt unter bestimmten Bedingungen tatsächlich existiert. Beispiele hierfür sind:

  • Linderung von Schmerzen. Studien zur Akupunktur sind positiv verlaufen. Der Placebo-Effekt wird durch "Top-down"-Prozesse aus Neokortex-Bereichen vermittelt, die die Erwartungen beeinflussen. "Krankheiten, bei denen eine wesentliche "top-down"- oder kortikal basierte Regulierung fehlt, sind möglicherweise weniger anfällig für plazebobezogene Verbesserungen".
  • Parkinson-Krankheit: Placebolinderung ist mit der Freisetzung von Dopamin im Gehirn verbunden.
  • Depression: Placebos, die Depressionen reduzieren, wirken sich auf viele derselben Bereiche aus, die durch Antidepressiva mit dem Zusatz des präfrontalen Kortex aktiviert werden
  • Koffein: Placebo-koffeinierter Kaffee bewirkt eine Erhöhung der bilateralen Dopaminfreisetzung im Thalamus.
  • Glukose: Die Erwartung einer intravenösen Injektion von Glukose erhöht die Dopaminfreisetzung in den Basalganglien von Männern (aber nicht von Frauen).
  • Methylphenidat: Die Erwartung einer intravenösen Injektion dieser Droge bei unerfahrenen Drogenkonsumenten erhöhte die Freisetzung von Dopamin im ventralen cingulären Gyrus cingulate und Nucleus accumbens, wobei diese Wirkung bei Personen ohne vorherige Erfahrung mit der Droge am größten war.

Verwandte Seiten

Quellen

Verwandte Artikel

Autor

AlegsaOnline.com Placebo und Placebo‑Effekt: Wirkung, Geschichte und Bedeutung in Forschung und Therapie

URL: https://de.alegsaonline.com/art/77191

Teilen