Raymond Arthur Dart (4. Februar 1893 - 22. November 1988) war ein australischer Anatom und Anthropologe, der die meiste Zeit seines Lebens in Südafrika arbeitete.
1924 entdeckte er in Taung im Nordwesten Südafrikas (heute Botswana) das erste Fossil eines Australopithecins. Es handelte sich um Australopithecus africanus, einen ausgestorbenen Hominiden, der eng mit dem Menschen verwandt ist. Dies war ein großes Ereignis für das Studium der menschlichen Evolution.
Entdeckung und anatomische Bedeutung
Das als „Taung‑Kind“ bezeichnete Fossil ist ein relativ gut erhaltener Schädel eines jungen Individuums inklusive eines natürlichen Hirninnenabgusses (Endokast). Dart erkannte als einer der ersten, dass die Lage des Foramen magnum – die Öffnung, durch die das Rückenmark den Schädel verlässt – bei diesem Fund weiter vorn liegt als bei Affen. Daraus schloss er, dass bipedales (auf zwei Beinen gehendes) Verhalten bereits in dieser Form vor der starken Vergrößerung des Gehirns entwickelt war. Diese Erkenntnis veränderte die Vorstellung von der Reihenfolge wichtiger Merkmale in der menschlichen Evolution: Erst die Anpassung an den aufrechten Gang, dann das starke Hirnwachstum.
Wissenschaftliche Rezeption und Kontroversen
Die Publikation von Dart stieß zunächst auf Skepsis, vor allem in der britischen Fachwelt. Zu dieser Zeit dominierte die Vorstellung, dass ein großes Gehirn das kennzeichnende Frühstadium der Menschwerdung sei. Zudem wurde die Debatte durch den später als Fälschung entlarvten „Piltdown‑Menschen“ erschwert, dessen vermeintliche Kombination aus großem Gehirn und affenähnlichem Gebiss viele Forscher in die Irre führte.
Dart entwickelte zudem die sogenannte osteodontokeratische Hypothese, nach der Australopithecinen angeblich Knochen-, Zahn- und Hornwerkzeuge aktiv herstellten und ein aggressives Jagdverhalten zeigten. Diese Idee wurde später durch taphonomische Untersuchungen – insbesondere Arbeiten von C. K. Brain – weitgehend verworfen: Viele Knochenansammlungen an Fundstellen sind wahrscheinlich das Ergebnis von Raubtieraktivität und nicht von gezieltem Werkzeuggebrauch durch Australopithecinen.
Weitere bedeutende Funde in Südafrika, vor allem durch Robert Broom (u. a. das berühmte Exemplar „Mrs. Ples“), bestätigten jedoch die Existenz und Bedeutung der Australopithecinen und trugen zur allmählichen Anerkennung von Darts Interpretation bei.
Karriere und Vermächtnis
Dart verbrachte den Großteil seiner wissenschaftlichen Laufbahn in Südafrika, wo er als Anatomiestudent und später als Hochschullehrer wirkte. Seine Arbeit legte einen wichtigen Grundstein für die paläoanthropologische Forschung in Afrika. Das Taung‑Kind blieb und bleibt eines der Schlüsselfossilien für das Verständnis der frühen Homininen und wird am University of the Witwatersrand aufbewahrt und weiterhin untersucht.
Obwohl nicht alle von Darts Interpretationen dauerhaft Bestand hatten, gilt seine Entdeckung als Wendepunkt in der Erforschung der menschlichen Evolution: Sie verschob den Fokus auf Afrika und zeigte erstmals klar, dass die Entwicklung des aufrechten Ganges ein zentrales, früh auftretendes Merkmal der Homininen war.

