Wenn wir vom baltischen Heidentum sprechen, meinen wir eigentlich viele verschiedene Religionen und Mythologien, die die Menschen in den baltischen Ländern vor dem Christentum hatten und die manche Menschen immer noch haben. Alle diese Religionen haben ihre eigenen Merkmale, aber auch zwischen diesen Religionen sind viele Dinge ähnlich. Die baltischen Heiden glauben ebenso wie die skandinavischen und finnischen Heiden, dass der größte Gott ein männlicher Gott des Himmels und des Donners ist. Er hat einen Hammer oder eine Axt, die Blitze macht. Dieser Glaube ist sehr alt. Wir glauben, dass es bereits in der Steinzeit in der Kultur der Schnurkeramik diese Art von Gott gab und dass seine Waffe eine bootsförmige Steinaxt war. Die Kultur der Schnurkeramik lebte in einem großen Gebiet, und viele Merkmale der nordischen und baltischen Völker sind von ihr abgeleitet.
Götter und wichtige Gestalten
Das pantheon der baltischen Mythologie ist reich und teilweise gut in der Volksüberlieferung erhalten. Zu den wichtigsten Gestalten gehören:
- Perkūnas / Pērkons – der Donnergott, oft als mächtiger Krieger mit Axt oder Hammer dargestellt; er ist dem indoeuropäischen Donnergott verwandt und steht für Blitz, Gewitter und Recht.
- Dievas – der Himmelsgott oder Himmelsvater, vergleichbar mit anderen indoeuropäischen Sky-Father-Figuren.
- Saulė – die Sonnengöttin (lt. Saulė), eine zentrale weibliche Gestalt, die Leben, Wärme und Fruchtbarkeit bringt.
- Mėnuo / Mēness – Mondgestalten, oft mit eigenen Mythen über Liebe und Schicksal verbunden.
- Laima – Schicksalsgöttin, zuständig für Geburt, Lebensglück und Bestimmung.
- Velnias / Velns – eine Figur der Unterwelt oder des Verkehrs mit Toten; je nach Erzählung ambivalent zwischen Trickster, Richter und Dämon.
- Zemes Māte / Žemyna – Mutter Erde, Quelle allen Wachstums und Ziel von Ernteopfern.
Archaische Wurzeln und archäologische Hinweise
Archäologen und Kulturhistoriker sehen in der Schnurkeramik-Kultur (auch Corded Ware) archaische Wurzeln für viele religiöse Vorstellungen Nordeuropas. Charakteristische Funde wie bootsförmige Steinaxt-Nachbildungen und Kampfäxte werden als mögliche Kultobjekte interpretiert. Sprachwissenschaftliche Vergleiche verbinden Namen wie Perkūnas mit indoeuropäischen Wörtern für Donner und Eiche (vgl. Proto-Indogermanisch *Perkʷunos), was die Annahme unterstützt, dass Teile der baltischen Mythologie sehr alte, gemeinsame Ursprünge mit anderen indoeuropäischen Traditionen haben.
Rituale, Kultorte und Überlieferung
Die religiöse Praxis konzentrierte sich oft auf natürliche Orte: heilige Hain- und Baumplätze (z. B. alkas), Quellen, Hügel und bestimmte Bäume. Typische Rituale umfassten Opfergaben an Götter und Geister (Nahrung, Tiere, symbolische Gegenstände), Sprechgesang, Gebete und Festfeiern im Jahreskreis. Viele Bräuche haben sich im Volksglauben erhalten:
- Jahresfeste wie Mittsommer (Rasos / Jāņi) und Herbst- oder Erntefeste;
- Lieder und Volksdichtung (litauische Dainos, lettische Dainas), die Mythen, Motive und Namen bewahren;
- Oral überlieferte Märchen und Riten, die bis in die Neuzeit überlebt haben und anhand derer Forscher Rückschlüsse auf ältere Vorstellungen ziehen.
Christianisierung, Verlust und Erhaltung
Die Christianisierung veränderte religiöse Praktiken stark, besonders ab dem Mittelalter: Heilige Plätze wurden oft zu Kirchenstandorten, alte Bräuche wurden umgedeutet oder in Volkskult beibehalten. Dennoch blieben viele Namen, Festdaten und Mythen in der bäuerlichen Kultur erhalten. Ethnographische Sammlungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind heute wichtige Quellen für das Studium der baltischen Religionen.
Moderne Rezeption und Neubelebung
Seit dem 20. Jahrhundert gibt es in Litauen und Lettland Bewegungen, die alte heidnische Traditionen wiederbeleben oder neu interpretieren, etwa die litauische Romuva und die lettische Dievturība. Diese Gruppen stützen sich auf historische Forschungen, Volksüberlieferung und moderne spirituelle Praxis. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Erforschung weiterhin wichtig, um ursprüngliche Muster zu unterscheiden von späteren Anpassungen und modernen Ergänzungen.
Fazit
Die baltische Mythologie ist ein dichtes Geflecht aus alten Mythen, lokalen Traditionen und archäologischen Spuren. Ihre archaischen Wurzeln verbinden sie mit größeren indoeuropäischen Mustern, zugleich bleiben spezifisch baltische Figuren und Riten erhalten. Durch Volkslieder, Rituale und neuzeitliche Bewegungen lebt dieses Erbe bis heute fort und bietet Einblick in die religiösen Vorstellungen einer Region, die lange Zeit als kultureller Brückenkopf zwischen Nord- und Osteuropa fungierte.

