Adapiformen – Ausgestorbene frühe Primaten (Eozän–Miozän, Strepsirrhini)

Adapiformen: Ausgestorbene frühe Primaten (Eozän–Miozän). Fossilien, Strepsirrhini‑Verwandtschaft und Darwinius‑Debatten – spannende Einblicke in die Evolution der Lemurenverwandten.

Autor: Leandro Alegsa

Die Adapiformen sind eine ausgestorbene Gruppe früher Primaten. Sie traten in großer Vielfalt vor allem im Eozän auf und reichten in vereinzelten Linien bis ins Miozän. Fossilien von Adapiformen wurden auf weiten Teilen der nördlichen Kontinentalmasse gefunden – in Nordamerika, Europa und Asien – und reichen bis in den Süden des nördlichen Afrikas sowie in tropische Regionen Asiens. Einige Adapiformen erinnerten in Aussehen und Lebensweise an heutige Lemuren, andere unterschieden sich deutlich.

Zeitraum und Verbreitung

Adapiforme sind vor allem aus dem Eozän (etwa 56–34 Millionen Jahre vor heute) bekannt; verschiedene Gruppen starben im Verlauf des späten Eozän oder Oligozän zurück, während einige Linien bis ins Miozän (bis etwa 5–15 Millionen Jahre vor heute) überdauerten. Die weite Verbreitung spiegelt die warme, weitgehend waldbedeckte Phase des Eozän wider, in der sich frühe Primaten über große Teile der nördlichen Hemisphäre ausbreiten konnten.

Morphologie und Lebensweise

  • Größe: Adapiformen reichten von sehr kleinen Formen bis zu Tieren in der Größe heutiger mittelgroßer Lemuren.
  • Schädel und Gebiss: Viele Funde bestehen aus Zähnen und Kiefern; die Zahnformel entspricht oft der eines frühen Primate-Musters (z. B. 2.1.4.3). Adapiformen zeigen oft spezialisierte Backenzähne, die auf frugivore bis folivore Ernährung hindeuten.
  • Sinne und Verhalten: Manche Arten besitzen große Augenhöhlen, was auf nachtaktive Lebensweise schließen lässt, andere waren tagaktiv. Der Gesichtsschädel war meist länglich (Munggesicht), und das Gehirnvolumen war kleiner als bei späteren Halboranguten.
  • Bewegung: Skelettmerkmale deuten auf ein überwiegend baumbewohnendes Leben hin – quadrupedale Fortbewegung auf Ästen, mit zum Teil guter Sprungfähigkeit. Hände und Füße waren greiffähig, viele Merkmale sprechen für Nägel statt kompletter Krallen.

Systematik und Verwandtschaft

Adapiforme sind ausschließlich durch Fossilien bekannt; ihre genaue Stellung im Stammbaum der Primaten ist Gegenstand intensiver Forschung. Es ist nicht komplett geklärt, ob die Gruppe monophyletisch (alle Angehörigen stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab und bilden eine natürliche Gruppe) oder paraphyletisch (eine Stammgruppe, aus der andere Primatenlinien hervorgingen) ist. Wenn man Adapiformen als verwandtschaftlich zu den Feuchtnasen-Primaten rechnend interpretiert, werden sie meist unter dem Taxon Strepsirrhini eingeordnet. In diesem Fall lägen sie näher bei den Lemuren als bei den "trockennasigen" Haplorhini, zu denen unter anderem Affen und Menschenaffen gehören.

Ein entscheidendes Merkmal moderner Strepsirrhini ist der sogenannte Zahnkamm (toothcomb) im Unterkiefer – ein bürstenartiges Gebilde aus verlängerten Schneidezähnen. Viele Adapiformen besitzen keinen ausgeprägten Zahnkamm, was die Rekonstruktion ihrer Stellung als Stammgruppe oder als echte Vorformen der heutigen Strepsirrhinen kompliziert macht.

Wichtige Fossilien und die Debatte um Darwinius

Bekannte Gattungen sind z. B. Adapis (Europa) und mehrere nordamerikanische Gattungen wie Notharctus und Cantius. Skelettreste sind häufig fragmentarisch (Zähne, Kiefer, einzelne Knochen), doch es gibt auch außergewöhnlich gut erhaltene Funde, die umfangreiche Einblicke ermöglichen.

Im Jahr 2009 beschrieben Franzen und Kollegen die neu entdeckte Gattung Darwinius anhand eines nahezu vollständig erhaltenen Skeletts aus der Messel-Grube und bezeichneten das Fossil in populären Medien als mögliches "fehlendes Bindeglied" zwischen Strepsirrhini und Haplorhini. Diese Interpretation wurde in der Fachwelt kontrovers aufgenommen. Spätere Arbeiten, unter anderem von Erik Seiffert und Kollegen, wiesen darauf hin, dass die anatomischen Merkmale von Darwinius und anderen Adapiformen besser mit einer Einordnung bei den Strepsirrhini bzw. als stammesgeschichtliche Schwestergruppe der späteren Strepsirrhinen vereinbar sind und lehnten die Darstellung als direkter Vorfahr der Haplorhinen ab.

Ursachen des Rückgangs und Aussterbens

Der Rückgang der Vielfalt von Adapiformen lässt sich mit klimatischen Umwälzungen (insbesondere der Abkühlung und Austrocknung am Eozän–Oligozän-Grenze) sowie mit Veränderungen der Vegetation erklären. Der Verlust geeigneter waldbewohnender Lebensräume reduzierte Nahrungs- und Lebensraummöglichkeiten. Zudem könnten neuere Primatenlinien und andere Säugetiergruppen in Konkurrenz zu einigen Nischen getreten sein. Einige Linien hielten sich regional noch länger und verschwanden erst im weiteren Verlauf des Tertiärs.

Bedeutung für die Forschung

Adapiforme liefern wertvolle Informationen über frühe Anpassungen der Primaten an ein baumbewohnendes Leben und über die frühe Diversifikation der Primaten. Ihre Fossilien helfen, Merkmale wie Zahn- und Skelettbau, Ernährungsstrategien und ursprüngliche Lebensweisen von Primaten zu rekonstruieren und die evolutionären Beziehungen der heutigen Gruppen besser zu verstehen.

Fossiler Rekord

Der fossile Nachweis der Adapiformes ist recht beachtlich. Die Fossilien wurden erstmals im frühesten Eozän, vor 55 Millionen Jahren (mya), gefunden. Sie lebten auf vier Kontinenten (Nordamerika, Afrika, Europa und Asien). Das Eozän war eine Periode, in der die Erde viel wärmer war als heute, mit sehr ausgedehnten tropischen Wäldern, weit mehr als heute. Die weit verbreiteten Überreste bedeuten einen viel früheren Ursprung, und die Daten der molekularen Uhr deuten darauf hin, dass sich die Primaten mehr als 80-90 mya entwickelt haben, also fast 40 Millionen Jahre, bevor sie in den Fossilienfunden auftauchen.

Fragen und Antworten

F: Was sind Adapiformes?


A: Adapiformes sind eine ausgestorbene Gruppe von frühen Primaten.

F: Wo haben sich die Adapiformes ausgebreitet?


A: Adapiformes verbreiteten sich über einen Großteil der nördlichen Kontinentalmasse und reichten bis nach Nordafrika und ins tropische Asien.

F: In welchen Epochen lebten die Adapiformen?


A: Adapiformes lebten vom Eozän bis zum Miozän.

F: Sahen einige Adapiformes den lebenden Lemuren ähnlich?


A: Ja, einige Adapiformes sahen den lebenden Lemuren ähnlich.

F: Wie ist der unklare Status von Adapiformes?


A: Es ist unklar, ob die Adapiformes eine monophyletische oder paraphyletische Gruppe bilden.

Q: Wie sieht die vorgeschlagene Gruppierung der Adapiformes aus, wenn man sie als Klade betrachtet?


A: Wenn man davon ausgeht, dass es sich um eine Gruppe handelt, werden die Adapiformes in der Regel unter dem "nassnasigen" Taxon Strepsirrhini zusammengefasst, wodurch sie enger mit den Lemuren und weniger mit dem "trockennasigen" Taxon Haplorhini verwandt wären, das Affen und Menschenaffen umfasst.

F: Wie lautet die aktuelle Klassifizierung von Darwinius und anderen Adapiformes?


A: Aktuelle Arbeiten klassifizieren Darwinius und andere Adapiformes als Strepsirrhini.


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