Ein Integron ist kein eigenständig "springendes" Element wie ein Transposon, sondern ein spezialisiertes genetisches System, das häufig in Transposons, Plasmiden oder direkt im Chromosom von Bakterien sitzt. Integrone ermöglichen das gezielte Einsammeln, Speichern und die Expression von einzelnen Genen, die in sogenannten Genkassetten vorliegen. Sie sind einer der wichtigsten Mechanismen, durch die sich Antibiotikaresistenzen schnell verbreiten können, weil sie mehrere Resistenzgene hintereinander anordnen und so Multiresistenzen begünstigen. Obwohl die erste entdeckte Funktion die Übertragung von Antibiotika-Resistenzgenen war, können Integrone auch andere Merkmale übertragen.

Vereinfacht besteht ein Integron aus zwei grundlegenden Teilen: einem Enzym, das Kassetten integrieren und entfernen kann, und einer Stelle im Genom, an der diese Kassetten eingefügt und abgelesen werden. Dabei gilt:

  • Integrase: Ein Gen (häufig intI genannt), das für ein Rekombinationsenzym kodiert. Dieses Enzym führt die spezifische Rekombination an definierten Erkennungsstellen durch und ermöglicht so Einfügen und Ausschneiden von Kassetten.
  • Rekombinationsstelle (attI): Die Zielstelle im Integron, an der Kassetten eingebaut werden.
  • Promotor (Pc): Ein Promotor, der die Expression der eingefügten Gene steuert. Genkassetten besitzen oft selbst keinen Promotor, deshalb bestimmt die Position innerhalb der Kassettenreihe (näher am Promotor = stärkere Expression) die Höhe der Genaktivität.
  • Genkassetten: Kleine, mobile Einheiten, meist mit nur einem Gen und einer spezifischen Rekombinationsstelle (häufig als attC- oder „59-be“-Stelle bezeichnet). Die meisten Kassetten kodieren Enzyme, die z. B. ein Antibiotikum inaktivieren.

Transposons und andere mobile Elemente spielen oft die Rolle von "Transportern": sie können ein Integron auf ein Plasmid schleusen oder in ein anderes Bakterienchromosom einbauen. Deshalb wird die Kombination aus Integron + Trägerelement besonders effektiv bei der Verbreitung von Resistenzgenen zwischen unterschiedlichen Bakterienarten.

Funktionsweise: Die Integrase erkennt die spezifischen Rekombinationsstellen der Kassetten und katalysiert deren Einbau an die attI-Stelle. Kassetten können in unterschiedlicher Reihenfolge angeordnet werden; sie können genauso wieder entfernt oder umsortiert werden. Bei Stress (z. B. durch Antibiotika) kann die Aktivität der Integrase erhöht werden, was die Rekombinationsrate und damit die Anpassungsfähigkeit der Bakterien steigert.

Klinische und ökologische Bedeutung
Integrone spielen eine zentrale Rolle bei der schnellen Entstehung und Verbreitung von Multiresistenzen in klinischen Umgebungen. Besonders bekannt sind die sogenannten Klasse-1-Integrone, die in vielen humanpathogenen Bakterien vorkommen und häufig mehrere Resistenzkassetten tragen. Es gibt außerdem Klasse-2-, Klasse-3-Integrone und große „Superintegrone“ (z. B. in manchen Vibrio-Arten), die sehr viele Kassetten enthalten können. Integrone kommen nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in der Umwelt, in Nutztierbeständen und in Abwässern vor – überall dort, wo Selektionsdruck durch Antibiotika besteht.

Folgen:

  • Schnelle Ausbildung von Multiresistenz; Therapieoptionen werden eingeschränkt.
  • Einfacher Transfer resistenter Gene zwischen verschiedenen Bakterienarten (horizontaler Gentransfer, HGT).
  • Umwelt als Reservoir: Integrone in natürlichen Lebensräumen tragen zur langfristigen Verbreitung von Resistenzgenen bei.

Erkennung und Kontrolle
Integrone werden meist durch molekulare Methoden nachgewiesen (z. B. PCR auf intI-Gene oder auf typische Kassetten). Maßnahmen zur Eindämmung ihrer Verbreitung umfassen:

  • rationale Antibiotikaanwendung und strengere Antibiotika‑Stewardship‑Programme, um Selektionsdruck zu reduzieren,
  • Hygiene- und Infektionskontrollmaßnahmen in Kliniken,
  • Überwachung von Abwässern, Nutztierbeständen und Umweltreservoiren auf resistanten Erreger,
  • Forschung an neuen Wirkstoffen und Strategien, die gezielt Mechanismen des Gentransfers verhindern könnten.

Zusammengefasst: Ein Integron ist ein flexibles genetisches System in Bakterien, das einzelne Gene in Form von Kassetten sammelt und exprimiert. Durch seine Beweglichkeit innerhalb von Transposons und Plasmiden trägt es entscheidend zur raschen Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen bei und ist deshalb ein zentrales Thema für öffentliche Gesundheit, klinische Mikrobiologie und Umweltschutz.