Genom: Gesamte Erbinformation – Definition, Aufbau und Bedeutung

Genom: Verständliche Definition, Aufbau und Bedeutung der gesamten Erbinformation – von Kern- bis Mitochondrien-DNA. Erfahren Sie Vielfalt, Funktion und historische Hintergründe.

Autor: Leandro Alegsa

Das Genom eines Organismus ist die Gesamtheit seiner Erbinformation, die in seiner DNA (oder, bei einigen Viren, in der RNA) kodiert ist. Dazu gehören sowohl die Gene als auch die nicht-kodierenden Sequenzen der DNA. Professor Hans Winkler prägte den Begriff 1920.

Winklers Definition, in Übersetzung, läuft:

"Ich schlage den Ausdruck Genom für den haploiden Chromosomensatz vor, der zusammen mit dem dazugehörigen Protoplasma die materiellen Grundlagen der Spezies spezifiziert"....p165

Kein einzelner haploider Chromosomensatz definiert jedoch auch nur die DNA einer Art. Aufgrund der großen Vielfalt an Allelen, die von einer Population getragen werden, ist jedes Individuum genetisch anders. Selbst ein diploides Individuum trägt genetische Vielfalt. Aus diesem Grund bevorzugte Dobzhansky den "Chromosomensatz", und die Definition muss nun weiter gefasst sein als die Definition von Winklers. Das Genom eines haploiden Chromosomensatzes ist lediglich eine Probe der gesamten genetischen Vielfalt einer Art.

Der Begriff "Genom" kann spezifisch für den vollständigen Satz der Kern-DNA (das "Kerngenom") verwendet werden, aber auch für Organellen, die ihre eigene DNA enthalten, wie das mitochondriale Genom oder das Chloroplastengenom.

Aufbau und Bestandteile des Genoms

Ein Genom besteht nicht nur aus Genen, die Proteine kodieren, sondern aus einer Vielzahl verschiedener Sequenztypen:

  • Protein-kodierende Gene: Abschnitte, die in Proteine übersetzt werden (Exons, flankiert von Introns bei Eukaryoten).
  • Nicht-kodierende funktionelle Elemente: Promotoren, Enhancer, Silencer, Untranslated Regions (UTRs) und verschiedene regulatorische RNA-Gene (z. B. rRNA, tRNA, miRNA).
  • Repetitive Elemente: Transposons, Satelliten-DNA und andere wiederkehrende Sequenzen, die einen großen Anteil vieler Genome ausmachen.
  • Intergenische Regionen: Abschnitte zwischen Genen mit teils unbekannter Funktion, teils regulatorisch wichtig.
  • Epigenetische Markierungen: Chemische Modifikationen (z. B. DNA-Methylierung, Histonmodifikationen), die die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die Basensequenz zu ändern.

Haploid, diploid, Allele und genetische Variation

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem haploiden Genom (ein Chromosomensatz, etwa Gameten) und dem diploiden Zustand (zwei Chromosomensätze, wie in den meisten Körperzellen vieler Eukaryoten). Die Vielfalt innerhalb einer Art entsteht durch unterschiedliche Allele desselben Gens, durch Punktmutationen, strukturelle Varianten (Deletionen, Duplikationen, Inversionen) und durch genetische Rekombination.

Moderne Konzepte wie das Pangenom fassen die gesamte genetische Vielfalt einer Art zusammen und gehen über die Idee eines einzelnen Referenzgenoms hinaus. Deshalb ist das "Genom" eines Individuums immer nur ein Ausschnitt der gesamten Artvariabilität.

Unterschiede zwischen Prokaryoten, Eukaryoten und Viren

  • Prokaryoten (Bakterien, Archaeen): meist ein zirkuläres Chromosom; oft kompaktere Genome mit wenigen nicht-kodierenden Bereichen.
  • Eukaryoten: mehrere lineare Chromosomen, deutlich mehr nicht-kodierende DNA, Introns und komplexe Regulation.
  • Viren: Genome aus DNA oder RNA, ein- oder doppelsträngig, sehr unterschiedliche Größen und Organisationsformen.

Genomgrößen (Beispiele)

Die Größe von Genomen variiert stark:

  • Viren: einige Kilobasen (kb) bis wenige hundert kb.
  • Bakterien: typischerweise 0,5–10 Megabasen (Mb).
  • Einzellige Eukaryoten: oft einige Mb bis hunderte Mb.
  • Pflanzen und Tiere: von einigen zehn Mb bis zu mehreren zehn oder hundert Gigabasen (Gb); z. B. das humane haploide Genom umfasst etwa 3,2 Gbp (Milliarden Basenpaare).
  • Organellen: mitochondriale Genome sind bei Tieren meist sehr klein (~16 kb beim Menschen), Chloroplastengenome liegen typischerweise bei 120–160 kb.

Genomsequenzierung und -analyse

Die Bestimmung eines Genoms erfolgt durch Sequenzierung. Historisch begann man mit der Sanger-Sequenzierung; heute dominieren Hochdurchsatzmethoden (Next-Generation Sequencing) und Langlese-Technologien (z. B. PacBio, Oxford Nanopore). Wichtige Schritte der Analyse sind:

  • Reads Assemblierung zu Kontig- und Chromosomen-ähnlichen Sequenzen.
  • Annotation: Erkennen von Genen und funktionellen Elementen.
  • Vergleichende Genomik: Analyse von Unterschieden zwischen Individuen und Arten.

Große Projekte wie das Human Genome Project lieferten Referenzgenome; neuere Initiativen erstellen Pangenome, um die Vielfalt ganzer Populationen besser abzubilden.

Bedeutung des Genoms

Das Verständnis von Genomen ist zentral für viele Bereiche:

  • Biologie und Evolution: Rekonstruktion von Stammbäumen, Erkennen adaptiver Veränderungen.
  • Medizin: Aufklärung genetischer Ursachen von Krankheiten, personalisierte Therapieansätze, Diagnostik von Infektionen.
  • Landwirtschaft: Züchtung, Resistenzforschung, Verbesserung von Kulturpflanzen und Nutztieren.
  • Naturschutz: Erhalt genetischer Vielfalt, Populationsstudien und Management gefährdeter Arten.
  • Forensik und Identifikation: Nutzung genetischer Marker zur Spurensicherung und Verwandtschaftsanalyse.
  • Synthetische Biologie: Design und Modifikation ganzer Genome für biotechnologische Anwendungen.

Kurzfazit

Das Genom ist die vollständige Erbinformation eines Organismus und umfasst weit mehr als nur die proteinkodierenden Gene. Es spiegelt die evolutionäre Geschichte, die individuelle Variation und die regulatorischen Mechanismen wider, die Leben ermöglichen. Technologische Fortschritte in der Sequenzierung und Analyse haben das Verständnis von Genomen stark erweitert und eröffnen zahlreiche Anwendungen in Forschung, Medizin und Technik.

Genom-Größen

Organismus

Genomgröße (Basenpaare)

Hinweis

Virus, Bakteriophage MS2

3569

Erstes sequenziertes RNA-Genom

Virus, SV40

5224

Virus, Phage Φ-X174

5386

Erstes sequenziertes DNA-Genom

Virus, Phage λ

5×104

Bakterium, Candidatus Carsonella ruddii

1.6×105

Kleinstes nicht-virales Genom, Feb 2007

Bakterium, Escherichia coli

4×106

Am besten erforschtes Bakterium.

Bakterium, Solibactoer usitatus

1×107

Größtes bekanntes bakterielles Genom

Protist, Amöbe dubia

6.7×1011

Größtes bekanntes Genom, aber umstritten.

Pflanze, Arabidopsis thaliana

1.57×108

Erstes Pflanzengenom sequenziert, Dezember 2000.

Pflanze, Genlisea margaretae

6.34×107

Kleinstes erfasstes Genom blühender Pflanzen, 2006.

Pflanze, Fritillaria assyrica

1.3×1011

Pflanze, Populus trichocarpa

4.8×108

Erstes Baumgenom, Sept. 2006

Hefe, Saccharomyces cerevisiae

2×107

Pilz, Aspergillus nidulans

3×107

Fadenwurm, Caenorhabditis elegans

9.8×107

Erstes multizelluläres Tiergenom, Dezember 1998.

Insekt, Drosophila melanogaster alias Fruchtfliege

1.3×108

Insekt, Bombyx mori alias Seidenspinner

5.30×108

Insekt, Apis mellifera alias Honigbiene

1.77×109

Fisch, Tetraodon nigroviridis, Kugelfischart

3.85×108

Kleinstes bekanntes Wirbeltier-Genom

Säugetier, Homo sapiens

3×109

Fisch, Protopterus aethiopicus aka marmorierter Lungenfisch

1.3×1011

Größtes bekanntes Wirbeltier-Genom

Hinweis: Die DNA aus einer einzelnen menschlichen Zelle hat eine Länge von ~1,8 m (aber bei einer Breite von ~2,4 Nanometern).

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Fragen und Antworten

F: Was ist ein Genom?


A: Ein Genom ist die Gesamtheit der Erbinformationen eines Organismus, die in seiner DNA (oder bei einigen Viren in seiner RNA) verschlüsselt sind. Dazu gehören sowohl die Gene als auch die nicht codierenden Sequenzen der DNA.

F: Wer hat den Begriff "Genom" geprägt?


A: Professor Hans Winkler prägte den Begriff "Genom" im Jahr 1920.

F: Was hat Winkler als Genom definiert?


A: Winkler definierte ein Genom als "den haploiden Chromosomensatz, der zusammen mit dem dazugehörigen Protoplasma die materiellen Grundlagen der Spezies festlegt."

F: Hat jedes Individuum eine genetische Vielfalt?


A: Ja, aufgrund der Allele, die eine Population trägt, ist jedes Individuum genetisch unterschiedlich. Selbst diploide Individuen haben eine genetische Vielfalt.

F: Was bedeutet es, wenn wir von 'Kerngenom' sprechen?


A: Wenn wir von 'Kerngenom' sprechen, ist damit der komplette Satz der Kern-DNA gemeint.

F: Gibt es neben dem Kerngenom noch andere Genome?


A: Ja, es gibt auch mitochondriale Genome und Chloroplastengenome, die ihre eigene DNA enthalten.


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