Der Islamische Staat Irak und die Levante (ISIL) bzw. der Islamische Staat im Irak und in Syrien (ISIS) — kürzer auch Islamischer Staat (IS) genannt — ist eine dschihadistisch-salafistische Miliz, die im Arabischen häufig als „Daesh“ bezeichnet wird. Historisch agierte sie besonders in Teilen des Iraks und Syrien und hat über lokale Ableger oder Verbündete auch Aktivitäten in Ländern wie Libyen oder Nigeria entfaltet. Ideologisch ist die Gruppe in der Tradition radikalpietistischer Strömungen des sunnitischen Spektrums verortet; Elemente des Wahhabismus und des Salafismus prägen ihre Doktrin, ergänzt durch eine gewaltbefürwortende, exklusivistische Interpretation religiöser Vorschriften.
Geschichte und Entwicklung
Die Wurzeln der Organisation reichen in die frühen Jahre des Irak-Kriegs zurück. Aus der Gruppe von Abu Musab al-Zarqawi entstand Mitte der 2000er Jahre die Bewegung, die sich 2004 formell der Al-Qaida anschloss. Nach mehreren Umbenennungen und Zusammenschlüssen entstand 2006 zeitweilig der sogenannte „Islamische Staat im Irak“ (ISI). Die Ausweitung des syrischen Bürgerkriegs ab 2011 bot der Organisation die Möglichkeit, grenzüberschreitend zu agieren; in Syrien entstanden Zweige und Alliierte (u. a. lokale Rebellenformationen).
Ab 2013/2014 spitzten sich die internen Spannungen mit Al-Qaida zu; im Februar 2014 brach Al-Qaida alle Verbindungen zum ISIL. Im Juni 2014 proklamierte die Gruppe ein „Kalifat“ und nannte sich fortan schlicht „Islamischer Staat“ (IS), wobei Abu Bakr al-Baghdadi zum „Kalifen“ ausgerufen wurde. In dieser Phase kontrollierte der IS weite Gebiete in beiden Ländern, darunter Großstädte wie Mossul im Irak.
Ideologie und Ziele
Der IS verfolgt eine extremistisch-salafistische Weltanschauung, die eine buchstäbliche, rückschrittliche Auslegung religiöser Normen anstrebt und jeden ablehnt, der dieser Auslegung nicht entspricht. Charakteristisch sind:
- das Ziel, ein transnationales Kalifat zu errichten,
- eine apokalyptische bzw. millenaristische Erwartungsperspektive, die historische Umbrüche und Endzeitvorstellungen betont,
- ein fundamentalistischer Antagonismus gegen Angehörige anderer Glaubensrichtungen und muslimischer Gruppen, insbesondere gegen den Schiismus, den die Gruppe vielfach als „Abfall vom wahren Glauben“ brandmarkt.
Gewalt, Verbrechen und Propaganda
Der IS ist verantwortlich für schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen, darunter Massenhinrichtungen, Entführungen, Folter, Zwangsumsiedlungen und gezielte Verfolgung religiöser und ethnischer Minderheiten. Insbesondere die Verfolgung und systematische Vergewaltigung sowie Versklavung yezidischer Frauen löste weltweite Empörung aus; internationale Institutionen und Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Die Gruppe nutzte auch moderne Medien und soziale Netzwerke intensiv für Propaganda, Rekrutierung und Radikalisierung — mit aufwändig produzierten Videos, Magazinen und Online-Plattformen. Zur Gewinnung von Kämpfern und Unterstützern wurden neben religiösen Narrativen auch materielle Anreize, Statusversprechen oder arrangierte Ehen angeführt.
Ausbreitung, Rückgang und aktuelle Lage
Zwischen 2014 und 2015 erreichte der IS seine territoriale Hochphase mit umfangreichen Gebietseroberungen in Syrien und im Irak. International bildeten sich gleichzeitig lokale Ableger (z. B. in Nordafrika, in der Sahelzone, in der Sinai-Halbinsel, in Afghanistan — IS-Khorasan sowie verschiedene Gruppen in Westafrika, darunter Teile von Boko Haram). Seit 2016/2017 setzte eine militärische Gegenkampagne von Staaten und lokalen Kräften (u. a. der von den USA geführten Koalition, den irakischen Sicherheitskräften, kurdischen Milizen, sowie russischer Unterstützung für das syrische Regime) ein, durch die der IS bis 2019 die Kontrolle über nahezu alle urbanen Kerngebiete verlor.
Nach dem Verlust umfangreicher Territorien ist der IS seither vor allem als dezentrale Untergrundorganisation und über regionale Ableger aktiv. Er führt Guerillataktiken, Anschläge und Selbstmordattentate durch und versucht, weiterhin Netzwerke für Rekrutierung, Finanzierung und Terroraktionen aufrechtzuerhalten.
Internationale Reaktionen und juristische Verfolgung
Der IS wird von zahlreichen Staaten und internationalen Organisationen als terroristische Vereinigung eingestuft. Die internationale Reaktion umfasste militärische Operationen, Sanktionen, nationale Gesetzesinitiativen zur Strafverfolgung, Programme zur Deradikalisierung sowie Anstrengungen zur Betreuung von Rückkehrern und Opfern. Zahlreiche Kämpfer, Anführer und Komplizen wurden vor Gericht gebracht; gleichzeitig stellt die juristische Aufarbeitung der Verbrechen, die Sicherung von Beweisen und die rechtliche Verantwortung vieler Akteure weiterhin eine große Herausforderung dar.
Folgen und Herausforderungen
Die Herrschaft und die Gewalt des IS haben erhebliche humanitäre, politische und gesellschaftliche Schäden hinterlassen: Millionen Binnenvertriebene und Flüchtlinge, zerstörte Infrastruktur, soziale Spaltungen und anhaltende Sicherheitsprobleme in den betroffenen Regionen. Die Bekämpfung von Extremismus erfordert neben militärischen Maßnahmen langfristige Strategien zur Stabilisierung, zum Wiederaufbau, zur Rehabilitierung von Rückkehrern sowie zur Prävention von Radikalisierung durch Bildung, wirtschaftliche Perspektiven und rechtstaatliche Maßnahmen.
Wichtig ist eine klare Trennung zwischen sachlicher Information über extremistische Gruppen — wie sie dieser Artikel bietet — und jeder Form von Rechtfertigung, Verherrlichung oder Anleitung zu Gewalt. Der IS bleibt ein Beispiel für die Gefahr politisch-religiösen Extremismus’, die international koordiniertes Handeln erfordert.

