Koordinaten: 69°23′46.39″N 30°36′31.20″E / 69.3962194°N 30.6086667°E / 69.3962194; 30.6086667

Das Superdeep-Bohrloch Kola (Russisch: Кольская сверхглубокая скважина, Kolskaya sverkhglubokaya skvazhina) war ein groß angelegtes geowissenschaftliches Projekt auf der Kola-Halbinsel in Nordwest-Russland. Ziel war es, durch direktes Bohren Erkenntnisse über den Aufbau und die Zusammensetzung der kontinentalen Kruste zu gewinnen. Die Arbeiten begannen am 24. Mai 1970; das fortgeschrittenste Teilbohrloch SG-3 erreichte 1989 eine Teufe von 12.261 Metern. Damit gilt es bis heute als das tiefste je gebohrte Bohrloch und als der tiefste von Menschenhand geschaffene Punkt der Erde. Die Bohrarbeiten liefen offiziell bis Anfang der 1990er Jahre (1992–1994); das Bohrgelände wurde bis 2005 offen gehalten und 2008 endgültig geschlossen und gesichert.

Projektverlauf und technische Eckdaten

  • Beginn: 24. Mai 1970; mehrere Teillöcher (SG‑1, SG‑2, SG‑3 u. a.) wurden abgeteuft, bis SG‑3 den größten Erfolg brachte.
  • Tiefste erreichte Teufe: SG‑3 — 12.261 m (1989).
  • Betriebsende der aktiven Bohrarbeiten: Beginn der 1990er Jahre; betrieblich und finanziell wurden die Arbeiten nach und nach eingestellt.
  • Schließung des Geländes: 2008 (Ausrüstung entfernt, Bohrloch verschlossen/gesichert).
  • Technische Grenzen: Die ansteigenden Temperaturen in größeren Tiefen (am Bohrlochboden etwa 180 °C) sowie Probleme mit Bohrkonglomeraten und Materialermüdung erschwerten weiteres Vorstoßen.

Wissenschaftliche Ergebnisse

Die Untersuchungen am Kola-Bohrloch lieferten wichtige neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung, Struktur und physikalischen Bedingungen der kontinentale Kruste:

  • Schichtaufbau: Die seismischen Schichten, die aus oberflächenbasierten Methoden erwartet wurden, korrespondierten nicht immer direkt mit deutlichen Gesteinsschichten; die Kruste erwies sich als komplexer und stärker durchmischt als angenommen.
  • Gesteinsbeschreibung: Gefördert wurden metamorphe Gesteine (u. a. Granulite und Gneise) mit vielfachen Verwerfungen, Brüchen und wechselnder Mineralogie.
  • Fluide und Einschlüsse: In größerer Tiefe wurden wasserführende Poren und Einschlüsse sowie verschiedene gasförmige Komponenten beobachtet – ein Hinweis darauf, dass Flüssigkeiten und Gase auch in tiefen Teilen der kontinentale Kruste eine Rolle spielen.
  • Temperaturprofil: Die Temperatur stieg schneller an als viele Modelle vorhergesagt hatten; dies begrenzte die Möglichkeiten für weiteres Vorankommen mit damaliger Technik.
  • Paläobiologische und geochemische Funde: Berichte über mikroskopische Fossilien in tiefen Gesteinen und spezielle chemische Signaturen sind veröffentlicht worden, werden aber weiterhin fachlich diskutiert und teils kontrovers bewertet.

Wirkung und Bedeutung

Das Kola-Superdeep-Projekt hat sowohl methodisch als auch konzeptionell die Geowissenschaften beeinflusst. Es lieferte direkte Messdaten, die halfen, Modelle über Aufbau, Temperaturverteilung und dynamische Prozesse der Erdkruste zu überarbeiten. Viele der erlangten Erkenntnisse sind bis heute Referenzwerte für Forschung zu Wärmefluss, seismischer Interpretation und Tiefengeochemie.

Rekorde und Vergleich

Lange Zeit war SG‑3 auch das längste Bohrloch, gemessen ab der Oberfläche. Später wurden andere Bohrungen in vertikaler oder quasi-vertikaler Ausdehnung geringfügig weiter in die Erde geleitet: Im Jahr 2008 erreichte die Al-Shaheen-Ölbohrung BD-04A in Katar +27 m oder 89 ft weiter und im Jahr 2011 die Odoptu-Ölbohrung OP-11 vor Sachalin +83 m oder 272 ft weiter.

Aktueller Status

Das Bohrgelände wurde in den 2000er-Jahren stillgelegt und die verbliebene technische Ausrüstung entfernt. Das Bohrloch selbst ist verschlossen und das Areal gesichert; direkte wissenschaftliche Arbeiten vor Ort fanden nach dem Ende der aktiven Bohraufgaben nur noch in geringem Umfang statt. Die Ergebnisse des Projekts werden jedoch weiterhin in der Forschung ausgewertet und dienen als wichtige Grundlage für das Verständnis der kontinentalen Kruste.

Das Kola-Bohrprojekt bleibt ein Meilenstein der geologischen Forschung: technisch, wegen der erreichten Tiefe, und wissenschaftlich, weil es viele grundlegende Annahmen über den Aufbau der Erdkruste überraschend relativierte und neue Fragestellungen eröffnete.