Miozän ist die erste Epoche der neogenetischen Periode des Kainozoikums. Sie begann vor etwa 23,03 Millionen Jahren und endete vor etwa 5,333 Millionen Jahren. Die Gesteinsschichten, die den Beginn und das Ende markieren, sind gut untersucht und durch Global Boundary Stratotype Sections and Points (GSSP) definiert; dennoch gibt es bei präzisen Altersangaben immer noch kleinere Unsicherheiten. Die biologische Zusammensetzung (die Biota) nahm viele Züge der heute lebenden Fauna und Flora an — deshalb wird das Miozän oft als Zeit der „Modernisierung“ der Tier- und Pflanzenwelt beschrieben.
Die Epoche wurde von Sir Charles Lyell benannt. Der Name leitet sich von den griechischen Wörtern μείων (meiōn, "weniger") und καινός (kainos, "neu") ab und bedeutet sinngemäß "weniger neu" — ursprünglich in Bezug auf den Anteil moderner fossiler Formen, z. B. moderner wirbelloser Meerestiere, im Vergleich zum folgenden Pliozän.
Dauer und Untergliederung
Nach der aktuellen Zeitskala der International Commission on Stratigraphy (ICS) wird das Miozän in sechs Stufen unterteilt. Grobe Altersspannen sind:
- Aquitanium: ca. 23,03–20,44 Ma
- Burdigalium: ca. 20,44–15,97 Ma
- Langhium: ca. 15,97–13,82 Ma
- Serravallium: ca. 13,82–11,63 Ma
- Tortonium: ca. 11,63–7,246 Ma
- Messinium: ca. 7,246–5,333 Ma
Klima und globale Veränderungen
Das Miozän war von einem allgemeinen Abkühlungs- und Austrocknungstrend geprägt, der die Erde vom wärmeren Oligozän über das Miozän ins kühlere Pliozän führte. Innerhalb des Miozäns gab es jedoch bedeutende Schwankungen:
- Das Miocene Climatic Optimum (etwa 17–15 Ma) war eine relativ warme Phase mit höheren globalen Temperaturen als zu Beginn und Ende des Miozäns.
- Anschließend setzte eine langfristige Abkühlung ein, die mit dem Wachstum antarktischen Eisschildes und veränderten Meereszirkulationsmustern verbunden war.
- Am Ende des Miozäns trat die Messinische Salinitätskrise (ca. 5,96–5,33 Ma) auf, als das Mittelmeer durch teilweise Abschließung fast austrocknete und massive Salzablagerungen entstand — ein regionales, aber dramatisches Ereignis.
- Tektonische Prozesse wie die weitere Anhebung des Himalaya und Veränderungen in den Ozeanverbindungen beeinflussten Strömungen, Niederschlag und langfristig Vegetationsmuster.
Flora: von Wäldern zu Grasländern
Im frühen Miozän dominierten noch großflächige Wälder viele Landregionen. Mit der Abkühlung und Austrocknung im weiteren Verlauf des Miozäns breiteten sich jedoch offene Lebensräume aus:
- Grasländer (Steppen, Savannen) nahmen zu; Grasland wurde immer häufiger, besonders in saisonal trockeneren Gebieten.
- Die Ausbreitung von Gräsern war ein schrittweiser Prozess; gegen Ende des Miozäns verbreiteten sich zunehmend C4-Gräser, die besser an trockene, heiße und saisonal gestörte Standorte angepasst sind — dies förderte die Entwicklung spezialisierter Weidetiere.
- Seetang- und Seegras-Ökosysteme expandierten an geeigneten Küsten, was marine Nahrungsnetze bereicherte.
Fauna: moderne Familien, neue Formen
Die Tierwelt des Miozäns war deutlich moderner als in älteren Zeiten, auch wenn die meisten heute lebenden Arten noch nicht existierten. Wichtige Entwicklungen:
- Viele heutige Familien von Säugetieren und Vögeln etablierten sich oder diversifizierten. Typisch sind die Zunahme von Huftieren (Paarhufer, Unpaarhufer), die Ausbreitung verschiedener Wiederkäuer und die Anpassung vieler Linien an offenes Grasland.
- Bei den Pferden setzte eine stärkere Spezialisierung auf Laufvermögen und Grasfressen ein; die Zahn- und Gliedmaßenanpassungen an abrasivere Nahrung und offene Habitate sind auffällig.
- Unter den Meeressäugern kam es zu einer großen Diversifikation: Wale (sowohl Barten- als auch Zahnwale) und Robben breiteten sich weiter aus; viele heutige Familien haben ihre Wurzeln oder bedeutende Radiationsepisoden im Miozän.
- Moderne Haie traten in verschiedenen Formen auf; berühmt ist der riesige Hai Megalodon (in älterer Literatur häufig Carcharodon megalodon genannt). Die genaue taxonomische Einordnung dieses Riesen ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.
- Raubtiere wie Amphicyonidae („Bär-Hunde“), verschiedene Katzenlinien und andere Fleischfresser prägten terrestrische Nischen. Manche ausgestorbene Gruppen wie die Nimravidae oder große Hyänenverwandte waren noch vorhanden oder entwickelten sich.
- In den Bäumen und Wäldern florierten Primaten: zahlreiche fossile Menschenaffen (Hominoidea) sind aus dem Miozän bekannt — z. B. Proconsul (Afrika), Dryopithecus (Europa) und Sivapithecus (Asien) — die wichtige Einblicke in die Evolution der Menschenaffen geben. Aus dem späten Miozän stammen auch Fossilien, die Hinweise auf die frühe Abspaltung der Homininen liefern; die Zeit um 7–6 Ma ist deshalb für die Erforschung der menschlichen Herkunft besonders bedeutsam.
Ökologie und Anpassungen
Die klimatischen Veränderungen führten zu ökologischen Umwälzungen: browser (Blattfresser bzw. Säugetier-Browser) wurden in Teilen seltener, spezialisierte Weidegänger gewannen an Bedeutung; Zähne und Verdauungssysteme vieler Pflanzenfresser passten sich an härtere, zahnabtragende Gräser an. Gleichzeitig förderte die Heterogenität der Lebensräume regionale Evolution und endemische Entwicklungen.
Fossilien, Biostratigraphie und Forschung
Das Miozän ist paläontologisch sehr ergiebig. Forscher datieren und korrelieren Miozän-Schichten mit Hilfe von:
- Mikrofossilien (Foraminiferen, Nanofossilien)
- Mammalenzonen und typischen Leitfossilien
- Magnetostratigraphie und Radiometrie
Diese Methoden erlauben die feine Auflösung und die räumliche Verknüpfung von Umwelt- und Evolutionsereignissen im Miozän.
Bedeutung des Miozäns
Das Miozän ist eine Schlüsselfolge in der Erdgeschichte: Es verbindet die wärmeren Paläozustände älterer Epochen mit der weiteren Abkühlung der Spätzeit und dem Übergang zur modernen Fauna und Flora. Viele heute dominante Ökosysteme, wie Grasland- und Savannenökosysteme, erhielten im Miozän ihre Grundlagen. Für die Paläoanthropologie ist das Miozän besonders wichtig, weil hier die Diversifizierung der Menschenaffen stattfand und die Voraussetzungen für die spätere Entstehung der Homininen gelegt wurden.
Zusammenfassend war das Miozän (ca. 23,03–5,333 Ma) eine Epoche dynamischer Umweltveränderungen, evolutionärer Innovationen und der schrittweisen Herausbildung vieler moderner Tier- und Pflanzenfamilien.

