Assyrischer Völkermord (Sayfo): Massaker an Christen im Osmanischen Reich
Assyrischer Völkermord (Sayfo): Dokumentation der Massaker an Christen im Osmanischen Reich – Geschichte, Opfer, Folgen und Erinnerungskultur.
Der assyrische Völkermord (aramäisch: Sayfo, „Schwert“) richtete sich während des Ersten Weltkriegs gegen die christliche assyrische Bevölkerung des Osmanischen Reiches und angrenzender Gebiete. Die Gewaltakte fanden vor allem in den Jahren 1915–1918 statt, wobei Schätzungen zur Zahl der Opfer variieren; die meisten Forschungen gehen von mehreren hunderttausend getöteten Assyrern aus (häufig genannt werden Zahlen zwischen etwa 200.000 und über 300.000). Die Angriffe umfassten Massaker, Zwangsumsiedlungen, Deportationen, Vergewaltigungen und die Zerstörung von Dörfern und Kirchen.
Hintergrund
Die Assyrer sind eine christliche Minderheit mit antiken Wurzeln in Mesopotamien. Viele lebten in den Bergregionen des heutigen Südostanatoliens, Nordirak, Nordwestiran und Nordostsyrien. Seit der Antike und infolge von Eroberungen und politischen Umwälzungen hatten sie keine eigene unabhängige Nation mehr, sondern lebten als religiös-ethnische Minderheit unterschiedlichster Reiche und Staaten. Innerhalb des Osmanischen Reiches standen christliche Gemeinschaften wie die Assyrer, Armenier und Griechen unter wachsendem Druck, besonders in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg durch diskriminierende Maßnahmen, lokale Feindschaften und gelegentliche Gewaltexzesse.
Verlauf der Gewalt
Während des Krieges wurden assyrische Gemeinden gezielt angegriffen. Verantwortlich waren maßgeblich Kräfte des Osmanischen Staates sowie mit ihnen verbündete lokale Milizen und Stämme. Taktiken reichten von geplanten Massakern und Räumungen ganzer Dörfer bis zu Zwangsmärschen, bei denen zahlreiche Menschen verhungerten oder ermordet wurden. Wichtige Orte der Verfolgung waren unter anderem Regionen um Hakkâri, Tur Abdin, Mardin, Urmia und andere Gebiete in Vorderasien. Viele Assyrer versuchten, in benachbarte Länder wie Russland, Persien (Iran) oder in späteren Jahren in den Irak und nach Syrien zu fliehen.
Ursachen und Motive
Die Gewalt war geprägt von einem Zusammenspiel politischer, militärischer und religiöser Motive: im Kontext des Krieges sahen osmanische Führungskreise ethnische und religiöse Minderheiten zunehmend als potenzielle „fünfte Kolonne“. Nationalistische Ideologien, lokale Feindschaften über Land und Eigentum sowie religiöse Intoleranz verstärkten die Angriffe. Assyrische Gemeinden wurden teilweise als nicht vertrauenswürdig angesehen, weil sie christlich waren und teilweise politisch oder militärisch mit den Gegnern des Osmanischen Reiches verbunden schienen.
Folgen
Die unmittelbaren Folgen waren der Tod großer Teile der assyrischen Bevölkerung, die Vernichtung zahlreicher Dörfer und kirchlicher Einrichtungen sowie ein massiver Bevölkerungstransfer. Viele Überlebende wurden zu Flüchtlingen und bildeten im 20. Jahrhundert eine weit verstreute Diaspora, unter anderem in Irak, Syrien, Libanon, Iran, Europa, Nordamerika und Australien. Kulturelle Verluste betrafen neben Menschenleben auch materielle Kultur, religiöse Manuskripte und lokale Traditionen.
Kirchliche Gemeinschaften
Betroffen waren Angehörige verschiedener assyrischer Kirchen, darunter die Assyrische Kirche des Ostens, die Chaldäisch-katholische Kirche und die Syrisch-orthodoxe (westaramäische) Kirche. Der Glaube und kirchliche Strukturen spielten eine wichtige Rolle in der kollektiven Identität der Überlebenden und bei der Organisation von Hilfs- und Fluchtbewegungen.
Anerkennung, Forschung und Erinnerung
Die Bezeichnung „Völkermord“ für die Ereignisse um Sayfo wird in der internationalen Forschung vielfach verwendet, doch ist die Anerkennung politisch umstritten: Einige Staaten und Institutionen haben Sayfo offiziell als Genozid anerkannt, während die offizielle türkische Position die Ereignisse weiterhin anders einordnet oder abstreitet. In den letzten Jahrzehnten haben Historiker, Überlebendenberichte und internationale Organisationen die Dokumentation und Erforschung des Geschehenen intensiviert. Erinnerungskultur und Gedenkarbeit der assyrischen Diaspora sowie wissenschaftliche Publikationen tragen zur Öffnung dieses historischen Themas bei.
Wichtigkeit der Erinnerung
Das Gedenken an Sayfo dient nicht nur der Ehrung der Opfer, sondern auch der Aufklärung über Mechanismen von Gewalt gegen Minderheiten und der Prävention künftiger Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Für die assyrische Gemeinschaft ist die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte zentral für Identität und kollektives Gedächtnis.
Weitere Informationen über die historische Einbettung und die betroffene Bevölkerungsgruppe finden sich etwa bei Quellen zum Osmanischen Reiches und zur Geschichte der Assyrer.
Persönlich erfahrenes Quartett aus der "Assyrischen Stimme
| “ | "Eines Tages versammelten die Moslems alle Kinder im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren und brachten sie zum Polizeipräsidium. Dort führten sie die armen kleinen Dinger auf den Gipfel des Berges Ras-el Hadjar, schnitten ihnen nacheinander die Kehle durch und warfen ihre Körper in den Abgrund. | ” |
Überblick über das Massaker
Der assyrische Völkermord (auch als Sayfo oder Seyfo bekannt) wurde während des Ersten Weltkriegs von den jungen Türken an der assyrischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches begangen. Die assyrische Bevölkerung des nördlichen Mesopotamiens (die Regionen Tur Abdin, Hakkari, Van, Siirt im heutigen Südosten der Türkei und die Region Urmia im Nordwesten des Iran) wurde zwischen 1914 und 1920 unter dem Regime der Jungtürken von osmanischen (türkischen) und kurdischen Kräften gewaltsam umgesiedelt und massakriert. Gelehrte haben die Zahl der assyrischen Opfer auf 300.000-750.000 geschätzt.
Der assyrische Völkermord fand im gleichen Kontext und im gleichen Zeitraum statt wie die Völkermorde an den Armeniern und Griechen. Doch im Gegensatz zu diesen wurde der assyrische Völkermord weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene offiziell anerkannt, und in vielen Berichten wird der assyrische Völkermord als Teil der größeren Ereignisse diskutiert, die unter dem armenischen Völkermord subsumiert werden.

Karte mit der armenischen (in Farben) und christlichen (in Schattierungen) Bevölkerung der osmanischen Provinzen im Jahr 1896. In den Gebieten, in denen der Anteil der christlichen Bevölkerung höher war als der der Armenier, bestand die nicht-armenische christliche Bevölkerung größtenteils aus Assyrern (außer in den von osmanischen Griechen bewohnten Gebieten). Assyrer lebten hauptsächlich in den südlichen und südöstlichen Teilen der Region.

40 Christen, die täglich sterben, sagen assyrische Flüchtlinge - The Syracuse Herald, 1915.

Die Washington Post und andere führende Zeitungen in westlichen Ländern berichteten über den assyrischen Völkermord, wie er sich entfaltete.

Ein Artikel aus der New York Times vom 27. März 1915.
Fragen und Antworten
F: Was ist der assyrische Völkermord?
A: Der Völkermord an den Assyrern war ein Völkermord des Osmanischen Reiches, bei dem über 300.000 Assyrer bei Überfällen getötet wurden.
F: Wie nennen die Assyrer den Völkermord?
A: Die Assyrer nennen es Sayfo, was ein aramäisches Wort für "Schwert" ist.
F: Warum wurden viele von ihnen massakriert?
A: Viele Assyrer galten bei den Türken als unrein und wurden massakriert, weil sie das Christentum nicht aufgaben und Muslime wurden.
F: An wen verloren sie ihre Häuser und Besitztümer?
A: Sie verloren ihre Häuser und Besitztümer an Sultan Adulhamed den Roten.
F: Wie lange werden sie schon verfolgt?
A: Seit dem Altertum, als sie von den Babyloniern erobert wurden, wurden sie verfolgt und mussten hohe Steuern zahlen.
F: Haben sie heute noch eine eigene Nation?
A: Nein, seit der Antike haben sie keine eigene Nation mehr. Ihre Diaspora hat sich auf viele verschiedene Länder verteilt.
F: Wie bewahren diejenigen, die überlebt haben, ihre gemeinsame Einheit?
A: Diejenigen, die überlebt haben, bewahren ihre gemeinsame Einheit durch ihren tiefen christlichen Glauben.
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