Koordinaten: 64°52′N 1°52′N / 64.867°N 1.300°E / 64.867; 1.300
Die drei Storegga-Rutschungen gehören zu den größten bekannten Erdrutschen. Sie ereigneten sich unter Wasser am Rande des norwegischen Festlandsockels, in der Norwegischen See, die zwischen Norwegen und Grönland liegt und nördlich von Großbritannien verläuft. Der Name „Storegga“ stammt aus dem Norwegischen und bezieht sich auf die große Kante bzw. den steilen Rand des Schelfs.
Ausmaß und Mechanik des Rutsches
Die größte der Storegga-Rutschungen betraf eine geschätzte Länge von etwa 290 km des Küstenschelfs mit einem Gesamtvolumen von rund 3.500 km³ an verschobenen Sedimenten. Dieses Volumen entspricht grob dem Volumen eines Gebietes von der Größe Islands, das bis zu einer Tiefe von etwa 34 m bedeckt gewesen wäre. Die Massenbewegung war eine vollständige, plötzliche Destabilisierung von Lockersedimenten auf dem Schelf und in den angrenzenden Hängen, die über Hunderte von Kilometern transportiert wurden.
Als Ursachen werden insbesondere folgende Mechanismen diskutiert:
- Übersteigertes Belastungsniveau durch während der letzten Eiszeit abgelagerte Schutt- und Feinsedimente, die das Gefälle und die Instabilität erhöhten.
- Seismische Ereignisse (Erdbeben), möglicherweise im Zusammenhang mit isostatischer Hebung und Spannungsänderungen während der Entlastung nach dem Abschmelzen der Eismassen.
- Destabilisierung durch den Zerfall von Gas- oder Methanhydraten in den Sedimenten (in einigen Hypothesen als beitragender Faktor genannt), wobei die vorherrschende wissenschaftliche Einschätzung die Akkumulation eiszeitlicher Sedimente als Hauptursache betont.
Tsunami im Nordatlantik und seine Wirkungen
Der enorme Massenumschlag löste einen großen Tsunami im Nordatlantik aus. Modellrechnungen und geologische Befunde deuten darauf hin, dass der Tsunami in Küstenregionen Norwegens, der Shetlands und insbesondere in Teilen Schottlands deutlich spürbar war. In Schottland wurden abgelagerte Tsunami‑Sedimente unter anderem im Montrose-Becken (Mündung des Flusses South Esk, Mündung) und im Firth of Forth gefunden. Diese Ablagerungen reichen bis zu 80 km landeinwärts und lagen bis zu 4 m über dem heutigen mittleren Tidenstand. In anderen Regionen konnten lokale Run‑up‑Werte (Höhe des über dem Meeresspiegel eindringenden Wassers) Modellierungen zufolge mehrere Meter bis zu teils deutlich höheren Werten erreichen.
Datierung und geologische Belege
Die Datierung des jüngsten Ereignisses erfolgte überwiegend durch Kohlenstoffdatierung von Pflanzenmaterial, das in von dem Tsunami abgelegten Sedimenten geborgen wurde. Demnach ereignete sich der jüngste Storegga-Vorfall etwa um 6100 v. Chr. (ca. 8.200 Jahre vor heute). Die Tsunami‑Ablagerungen sind in Sedimentprofilen entlang zahlreicher Küstenstellen erkennbar und bilden ein wichtiges, weitverbreitetes stratigraphisches Markerereignis im Nordatlantikraum.
Folgen für Mensch und Landschaft: Doggerland
Die Storegga‑Ereignisse werden häufig mit der raschen Veränderung von Küstenlandschaften in Verbindung gebracht. Besonders diskutiert wird der Einfluss des Tsunamis auf das versunkene Landgebiet Doggerland — das mesosubmerse tiefliegende Gebiet zwischen dem heutigen Großbritannien und dem Festland —, das durch Meeresspiegelanstieg und Sturmfluten (verstärkt durch Ereignisse wie Storegga) sukzessive verloren ging. Ob der Storegga‑Tsunami allein für die Endphase der Besiedelung Doggerlands verantwortlich war oder nur ein beschleunigender Faktor im Rahmen des lang anhaltenden Meeresspiegelanstiegs, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.
Untersuchungen im Zusammenhang mit Ormen Lange und heutige Risiken
Im Zusammenhang mit der Erschließung des Erdgasfeldes Ormen Lange, das nahe dem Bereich der Storegga‑Rutschungen liegt, wurden umfangreiche Untersuchungen zur Stabilität des Schelfs und möglichen Tsunami‑Risiken durchgeführt. Die Forschung kam zu dem Ergebnis, dass die Rutschung hauptsächlich durch Sedimente verursacht wurde, die sich während der vorangegangenen Eiszeit angesammelt hatten, und dass eine Wiederholung eines solchen gigantischen Rutsches erst nach vergleichbaren langfristigen Prozessen (z. B. erneuter großräumiger Sedimentakkumulation über lange Zeiträume oder neuen stabilitätsstörenden Einwirkungen) wahrscheinlich wäre. Diese Schlussfolgerung wird durch zahlreiche Studien gestützt; relevante Fakten und Argumente wurden unter anderem im Jahr 2004 veröffentlicht.
Auf Basis dieser Erkenntnisse wurde entschieden, dass die Erschließung des Ormen‑Lange‑Gasfeldes das Risiko, einen neuen Erdrutsch auszulösen, nicht wesentlich erhöhen würde. Dennoch bleibt ein erneuter großräumiger Unterwassererdrutsch ein Szenario mit potenziell verheerenden Folgen: Ein vergleichbarer Rutsch würde einen sehr großen Tsunami auslösen, der die Küstengebiete rund um die Nordsee und die Norwegische See stark beeinträchtigen könnte. Deshalb fließen die Erkenntnisse aus der Storegga‑Forschung weiterhin in Sicherheitsbewertungen und Notfallplanungen für Offshore‑Projekte und Küstenregionen ein.
Forschungslage und offene Fragen
Die Storegga‑Rutschungen sind ein prägnantes Beispiel für die Wechselwirkung von Klima (Eiszeiten), Sedimentdynamik und geologischen Gefahren. Wichtige Forschungsfelder bleiben:
- Verbesserte Modelle zur Entstehung großräumiger Unterwasserrutsche und zur Auslösung von Tsunamis;
- Feinere regionale Rekonstruktionen von Run‑up‑Höhen und Inundationsbereichen anhand geologischer Spuren;
- Untersuchungen zu den Rollen von Gas‑/Methanhydraten und tektonischen Anstößen bei der Destabilisierung von Schelfhängen;
- Langfristige Risikoabschätzungen für heutige Offshore‑Infrastruktur in vergleichbaren Sedimentumgebungen.
Insgesamt bleibt die Storegga‑Abfolge ein Schlüsselereignis zur Einschätzung von Unterwasserrutschen und Tsunami‑Gefährdungen in nördlichen Schelfmeeren und liefert wichtige Lehren für den Umgang mit geologischen Risiken in Küsten- und Offshore‑Bereichen.