Bernicia (altenglisch: Bernice) war ein Königreich in Nordengland. Es war ein angelsächsisches Königreich, das im 6. Jahrhundert von angelsächsischen — genauer: anglischen — Siedlern gegründet wurde. Das Kerngebiet von Bernicia entspricht in etwa den modernen Grafschaften Northumberland und Durham sowie den ehemaligen schottischen Grafschaften Berwickshire und East Lothian. Bernicia war eines von zwei angelsächsischen Königreichen nördlich des Flusses Humber; das andere war Deira. Im frühen 7. Jahrhundert vereinten sich Bernicia und Deira zum Königreich Northumbria, das für einige Jahrzehnte zu den einflussreichsten Mächten Britanniens gehörte.

Gründung und Herrscher: Als Gründer Bernicias gilt traditionell der Häuptling Ida (Mitte 6. Jahrhundert), dem in späteren Königslisten die Errichtung einer königlichen Machtbasis an der Küste zugeschrieben wird. Wichtige Machtzentren waren die Küstenfestung von Bamburgh und die Siedlung bei Yeavering (Ad Gefrin), wo archäologische Befunde auf eine frühe angelsächsische Hofanlage hindeuten. Unter Königen wie Æthelfrith (Ende 6. / Anfang 7. Jh.) vergrößerte Bernicia seinen Einfluss; Æthelfriths Herrschaft legte den Grundstein für die spätere Vereinigung mit Deira. Nach militärischen Auseinandersetzungen und dynastischen Wechseln spielten auch Edwin und Oswald zentrale Rollen in der Entwicklung Nordenglands im 7. Jahrhundert.

Religion und Kultur: In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung war Bernicia vorwiegend heidnisch; im 7. Jahrhundert setzte jedoch die Christianisierung ein. Sie erfolgte maßgeblich durch Missionare aus dem Kloster Iona und später durch das Wirken von Bischöfen und Mönchen, die etwa das Kloster von Lindisfarne (Holy Island) gründeten. Sprache und Alltagskultur waren angelsächsisch/anglisch: Es wurde eine frühe Form des Altnordsächsischen (Old English) gesprochen, und die Gesellschaft basierte auf Landwirtschaft, Viehzucht sowie handwerklicher Produktion. Archäologische Fundplätze zeigen Bestattungssitten, Hausbau und Werkstätten, die das Leben im frühen Mittelalter veranschaulichen.

Nachbarschaften und Konflikte: Bernicia lag an der Schnittstelle zu keltischsprachigen Gebieten nördlich und westlich (Pikten, Schotten, Königreiche der Britonen) und erlebte deshalb wechselhafte Grenzsituationen, Handelskontakte und Konflikte. Die Grenzen des Herrschaftsgebiets verschoben sich im Laufe der Jahrhunderte durch Eroberungen, Heiraten und Bündnisse. Nach der Vereinigung zu Northumbria blieb der Name Bernicia oft als Bezeichnung für den nördlichen Teil dieses größeren Reiches gebräuchlich.

Erbe: Bernicia hat das Landschaftsbild und die kulturelle Identität Nordenglands nachhaltig geprägt. Relikte wie die befestigten Plätze bei Bamburgh, frühchristliche Klöster wie Lindisfarne sowie zahlreiche archäologische Funde machen die Region zu einem wichtigen Forschungsfeld für die Frühgeschichte Englands. Der Name Bernicia erscheint in mittelalterlichen Quellen und in der regionalen Geschichtsschreibung weiterhin als Bezeichnung für die nördlichen Gebiete des alten Northumbria.