Natalia Gontscharowa – russische Avantgarde-Malerin, Designerin (1881–1962)

Natalia Gontscharowa – russische Avantgarde-Malerin und Designerin (1881–1962): wegweisende Bühnenbildnerin, Kostümdesignerin und Rekordverkäuferin der Kunstwelt.

Autor: Leandro Alegsa

Natalia Sergejewna Gontscharowa (16. Juni 1881 – 17. Oktober 1962) war eine einflussreiche russische Malerin, Designerin und Schriftstellerin. Als Künstlerin war sie avantgardistisch und verband moderne westliche Strömungen mit traditionellen russischen Bildquellen: Ihre Kunststile zeigten Einflüsse des Fauvismus, des Kubismus und des Futurismus, daneben spielten Ikonenmalerei, Volksgraphik (Lubok) und religiöse Bildtraditionen eine wichtige Rolle. Neben der Malerei machte sie sich als Bühnen- und Kostümbildnerin einen Namen und arbeitete unter anderem für bedeutende Balletthäuser und Theater.

Gontscharowa hält einen bedeutenden Auktionsrekord für eine Künstlerin: Für ihr Stillleben Die Blumen von 1912 wurde ein Rekordpreis von 10,8 Millionen US-Dollar erzielt, was ihre wachsende Anerkennung auf dem internationalen Kunstmarkt unterstreicht.

Künstlerischer Werdegang

Ende des 19. Jahrhunderts studierte Gontscharowa an der Moskauer Schule für Malerei, Bildhauerei und Architektur. In den folgenden Jahren wurde sie eine zentrale Figur der russischen Avantgarde: Sie war eng vernetzt mit anderen jungen Künstlern ihrer Generation, arbeitete mit Mikhail Larionov zusammen und war in bedeutenden Ausstellungsinitiativen der Zeit präsent. Ihre Arbeiten zeigten bereits früh eine experimentelle Haltung gegenüber Farbe, Form und Ikonografie.

Stil und Einflüsse

Gontscharowas Werk ist durch eine ungewöhnliche Synthese gekennzeichnet: Sie verband moderne westliche Stile wie Fauvismus, Kubismus und Futurismus mit russischen Traditionen – insbesondere der byzantinisch geprägten Ikonenmalerei und populären Druckgrafiken (Lubki). Aus dieser Mischung entstand ein sehr persönlicher, oft dekorativer Bildstil mit kräftigen Farben, schematischen Formen und einer Tendenz zur Vereinfachung und Symbolik. Gemeinsam mit Mikhail Larionov entwickelte sie um 1912 die Bewegungsrichtung des Rayonismus (russ. „лучизм“), die sich mit Lichtstrahlen und abstrakten Strukturen beschäftigte und als eine der ersten russischen abstrakten Strömungen gilt.

Bühnenbilder, Kostüme und angewandte Künste

Als Designerin wurde Gontscharowa vor allem für ihre Arbeiten im Theaterbereich bekannt. Sie entwarf Bühnenbilder, Kostüme und dekorative Konzepte, die oft genauso kraftvoll und eigenständig wirkten wie ihre Gemälde. Ihre Entwürfe griffen traditionelle russische Muster und Farben auf, setzten diese jedoch modern um – dadurch wirkten Aufführungen farbig, ikonisch und überraschend neu. Darüber hinaus gestaltete sie Buchillustrationen, Textildesigns und Graphiken, womit sie die Grenzen zwischen bildender Kunst und angewandter Kunst auflöste.

Leben im Exil und Zusammenarbeit

Ab der Mitte der 1910er Jahre lebte Gontscharowa gemeinsam mit Mikhail Larionov zunehmend in Westeuropa; sie verbanden ihre künstlerische Arbeit mit der Teilnahme an internationalen Ausstellungen. In Paris und anderen europäischen Kunstzentren stellte sie ihre Arbeiten aus und knüpfte Verbindungen zu Galerien, Sammlern und Theatern. Die Zusammenarbeit mit bedeutenden Impresarios und Ensembles trug wesentlich zur Verbreitung ihres Stils bei.

Schriftstellerische Tätigkeit und Theoretische Beiträge

Neben ihrer bildnerischen Arbeit verfasste Gontscharowa Essays, Texte und theoretische Überlegungen zur Kunst ihrer Zeit und zur eigenen Praxis. Ihre Schriften und Beiträge in Kunstzeitschriften ergänzten ihr bildnerisches Schaffen und machten sie zu einer wichtigen Vordenkerin der russischen Moderne.

Wirkung und Vermächtnis

  • Gontscharowa gilt als Schlüsselfigur der russischen Avantgarde; ihre Arbeiten beeinflussen Malerinnen und Maler sowie Designer bis in die Gegenwart.
  • Werke von ihr sind in nationalen und internationalen Museen und Sammlungen vertreten, darunter bedeutende russische Institutionen sowie Museen in Europa und Nordamerika.
  • Ihre Kombination aus moderner Formensprache und russischer Tradition machte sie zu einer einzigartigen Stimme der Kunstgeschichte und führte in späteren Jahrzehnten zu umfangreichen Retrospektiven und wissenschaftlicher Aufarbeitung.

Ihr künstlerisches Spektrum – von Gemälden über Grafiken bis zu Bühnen- und Kostümentwürfen – zeigt eine Künstlerin, die konsequent Grenzen überschritt und die alte russische Bildsprache in die Moderne überführte. Die anhaltende Nachfrage nach ihren Werken auf dem internationalen Kunstmarkt belegt die bleibende Bedeutung Natalia Gontscharowas für die moderne Kunst.

Der Radfahrer , 1913, mit kubistischen und futuristischen EinflüssenZoom
Der Radfahrer , 1913, mit kubistischen und futuristischen Einflüssen

Gontscharowas Entwurf für die Johanniter. Teil eines Auftrags von Diaghilev für das Ballett Die LiturgieZoom
Gontscharowas Entwurf für die Johanniter. Teil eines Auftrags von Diaghilev für das Ballett Die Liturgie

Leben und Arbeiten

Natalia Gontscharowa studierte Bildhauerei in Moskau, arbeitete aber als Malerin und Designerin. Inspiriert wurde sie sowohl durch ihr Interesse an der russischen Volkskunst als auch durch den Modernismus in der Kunst. Mit ihrem lebenslangen Partner Michail Larionow entwickelte sie zunächst einen Stil, den sie Rayonismus nannte. Sie gehörten zur russischen Avantgarde vor der Revolution. Sie halfen bei der Organisation der so genannten "Donkey's Tail"-Ausstellung von 1912 und zeigten ihre Werke im selben Jahr in der Ausstellung "Der Blaue Reiter" in München.

Gontscharowa wurde in Russland für ihr futuristisches Werk wie Der Radfahrer und ihre späteren Rayonistenwerke berühmt. Sie organisierten Vortragsabende und Gontscharowa schrieb und illustrierte ein Buch im futuristischen Stil.

1913 begann sie, Ballettkostüme und Bühnenbilder für Diaghilews Ballets Russes und andere Ballette zu entwerfen. Für diese Ballette entwarf sie das Bühnen- und Kostümdesign: Le Coq d'Or' (1914), Die Liturgie (1915), Ygrushka (1921), Reynard (mit ihrem Ehemann; 1922), Les Noces (1923), Une nuit sur le mont chauve (1924), Der Feuervogel (Wiederaufnahme 1926), Sur le Borsythène (mit ihrem Ehemann; 1932), Cendrillon (1938), Bogatyri (1938) und die Sadler's Wells-Produktion von Feuervogel (1954).

Gontscharowa zog 1921 nach Paris, wo sie regelmäßig ihre Kunst ausstellte. Im Jahr 1939 wurde sie französische Staatsbürgerin. Zuletzt heiratete sie 1955 Larionov und starb 1962 in Paris.

Die größten Sammlungen ihrer Werke befinden sich im Centre Pompidou in Paris, im Russischen Museum in St. Petersburg und in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau.



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