Die Massaker von Foibe bezeichnen Tötungen und Verschleppungen, bei denen zahlreiche Menschen in Karstspalten (den sogenannten „Foibe“) und an anderen Orten zu Tode gebracht oder verscharrt wurden. Die meisten Gewalttaten fanden in zwei Wellen statt: unmittelbar nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 und gegen Kriegsende 1945, als jugoslawische Partisanen unter dem Kommando Titos Teile von Venezia Giulia, Istrien und Dalmatien besetzten. Viele der Opfer waren ethnische Italiener; daneben gab es auch Tote anderer Nationalitäten und politische Gegner.
Hintergrund
Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Italien in den besagten Gebieten eine lange Geschichte von politischen Spannungen: italienische Verwaltungs- und Ansiedlungspolitik, zwangsweise Italianisierung unter dem Faschismus und Repressionen gegenüber slawischer Bevölkerung hatten ein Klima von Konflikt und Misstrauen geschaffen. Während des Krieges verschärften sich die Gegensätze durch den Partisanenkrieg, deutsche Besatzungshandlungen, Vergeltungsmaßnahmen und lokale Feindschaften.
Ablauf und Formen der Gewalt
- 1943: Nach dem Waffenstillstand von September und dem Zusammenbruch der faschistischen Verwaltung kam es in einigen Gemeinden zu Willkürakten, Hinrichtungen von Kollaborateuren oder mutmaßlichen Gegnern und zu Fällen, in denen Opfer in Foibe geworfen wurden.
- 1945: Mit der Niederlage der Achsenmächte und der Einnahme weiterer Gebiete durch jugoslawische Truppen kam es zu einer zweiten Welle von Repressalien. Dabei wurden militärische, politische und auch zivile Personen Opfer von Vergeltungsmaßnahmen, teilweise in Zusammenhang mit der Säuberung von Gebieten und der Etablierung neuer Machthaber.
- Viele Opfer wurden unmittelbar exekutiert, andere starben durch Misshandlung oder wurden in Karstspalten verscharrt. Die Foibe sind natürliche Schluchten und Höhlen des Karstgebiets, die in mehreren Fällen als Ablagerungsort für Leichen genutzt wurden.
Opferzahlen und Forschung
Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute umstritten. Schätzungen variieren stark – von einigen Tausend direkt in den Foibe Ermordeten bis hin zu höheren Zahlen, wenn man die Gesamtzahl der Toten durch Gewalt, Verschleppungen und die Folgen des Exils mit einbezieht. Seriöse historische Forschung versucht, Fakten zu trennen und Quellen kritisch zu prüfen; frühe, politisch aufgeladene Angaben führten zu widersprüchlichen Hochrechnungen.
Exodus und territoriale Veränderungen
Als Folge der Kriegsereignisse, politischer Verfolgung und der Gebietsübernahme durch Jugoslawien verließen Hunderttausende Menschen die Region. Die sogenannten istrisch-dalmatinischen Exodus betraf vor allem ethnische Italiener, aber auch andere Bevölkerungsgruppen. Schätzungen über die Zahl der Vertriebenen und Ausgewanderten liegen im Rahmen mehrerer hunderttausend; die genaue Zahl ist Gegenstand historischer Debatten. Die Pariser Friedensverträge und die Verlagerung der Grenzen nach 1947 verstärkten die Migrationswellen.
Ursachen und Deutungen
Die Interpretationen der Ereignisse divergieren deutlich:
- Einige Historiker und Kommentatoren sehen die Gewalt als Teil einer beabsichtigten ethnischen Säuberung gegen die italienische Bevölkerung.
- Andere betonen den Kontext von Krieg, Vergeltung und politischer Säuberung gegen Faschisten, Kollaborateure oder Gegner des kommunistischen Aufbaus und sehen viele Fälle als Racheakte, örtliche Übergriffe oder militärische Strafaktionen.
- Weit verbreitet ist die Auffassung, dass es eine Mischung aus Umständen war: langfristige Konfliktlinien, akute Kriegssituation, partikulare Rache und politische Zielsetzungen lagen teilweise gleichzeitig vor.
Erinnerung, Gedenken und Kontroversen
Die Erinnerung an die Foibe und die Vertriebenen ist in Italien ein politisch sensibles und kulturell wichtiges Thema. Der nationale Gedenktag der Exilanten und Foibe wurde in Italien eingeführt, um an die Opfer und die erzwungenen Migrationen zu erinnern. Gleichzeitig gibt es in der öffentlichen Debatte Kontroversen über
- die Angemessenheit von Zahlendarstellungen,
- die Einordnung der Ereignisse als ethnische Säuberung beziehungsweise als Folge kriegsbedingter Gewalt,
- und die Art des Gedenkens im Verhältnis zu historischen Forschungen und zur Erinnerungspolitik in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens (heute insbesondere Slowenien und Kroatien).
Forschung und Aufarbeitung
Historikerinnen und Historiker haben in den letzten Jahrzehnten Archive ausgewertet, Zeugenaussagen geprüft und lokalarchäologische Untersuchungen durchgeführt. Die Forschung hat geholfen, bestimmte Mythen zu korrigieren und zugleich das Ausmaß menschlichen Leids zu dokumentieren. Dennoch bleiben viele Fragen offen, etwa hinsichtlich der genauen Opferzahlen, der Verantwortlichkeit einzelner Akteure und der lokalen Ablaufdetails.
Fazit
Die Massaker von Foibe und das damit verbundene Exil bilden ein komplexes Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte. Sie sind geprägt von einer Mischung aus Kriegsgewalt, politischer Rache, ethnischen Spannungen und massenhaften Fluchtbewegungen. Eine ausgewogene historische Aufarbeitung, die Täter, Opfer und Kontexte differenziert betrachtet, ist Voraussetzung für Versöhnung und konstruktives Gedenken.