Frankreich hat ein Mehrparteiensystem, was bedeutet, dass mehrere politische Parteien Koalitionen bilden müssen, um eine Regierung zu bilden. Das liegt daran, dass es für eine Partei sehr schwierig wäre, eine Mehrheit der Sitze in der französischen Nationalversammlung zu erlangen. Seit den 1980er Jahren haben sich grob zwei große politische Pole herausgebildet: eine Ansammlung von rechten und konservativen Kräften sowie eine Ansammlung von linken Kräften. In den letzten Jahren hat sich das Parteiensystem jedoch weiter fragmentiert und durch neue Bewegungen verändert.
Wie das System funktioniert
Wesentliche Merkmale, die das Mehrparteiensystem in Frankreich prägen:
- Wahlmodus für die Nationalversammlung: Die Abgeordneten werden in 577 Einmandatswahlkreisen gewählt, meist im Zwei-Runden-System. Das begünstigt zwar größere Listen, lässt aber Raum für mehrere Parteien und taktische Bündnisse.
- Zweite Runde: Um in die zweite Runde zu kommen, muss ein Kandidat in der Regel mindestens 12,5 % der eingetragenen Wähler erreichen (nicht 12,5 % der tatsächlich abgegebenen Stimmen). Bleiben mehrere Kandidaten übrig, entscheidet die relative Mehrheit in der zweiten Runde.
- Präsidial-parlamentarisches System: Frankreichs Fünfte Republik kombiniert starke Präsidentenbefugnisse mit einem parlamentarischen System. Das führt zu besonderer Bedeutung von Präsidentschafts- und Parlamentswahlen für die Regierungsbildung.
- Cohabitation: Kommt es zu einer unterschiedlichen Mehrheitslage zwischen Präsident und Nationalversammlung, kann eine Koalition aus der Opposition den Premierminister stellen — historische Fälle heißen „Cohabitation“ (z. B. 1986–1988, 1993–1995, 1997–2002).
Wichtige Parteien und Koalitionsformationen
Die wichtigsten politischen Kräfte lassen sich vereinfacht so beschreiben (Namen in aktueller oder bekannter Form):
- Rechts/konservativ: Les Républicains (LR; Vorgänger: RPR, UMP). Traditionsreiche konservative Kraft.
- Mitte/zentristisch: La République En Marche! (LREM, seit 2022 oft auch als Renaissance bezeichnet), sowie MoDem (Mouvement démocrate). Diese Kräfte entstanden bzw. gewannen an Bedeutung besonders seit 2017.
- Linke: Parti Socialiste (PS), La France Insoumise (LFI), Parti Communiste Français (PCF) und Europe Écologie Les Verts (EELV). Linksparteien bilden bei Bedarf Wahlbündnisse oder Koalitionen (z. B. die vor den Parlamentswahlen 2022 gebildete Allianz NUPES).
- Rechtsaußen / radikal rechts: Rassemblement National (RN; früher Front National, FN). In den letzten Jahren hat RN stark an Wählerstärke gewonnen und beeinflusst die Strategien anderer Parteien.
- Regionale und kleinere Parteien: Korsische Nationalisten, regionalistische Listen und eine Reihe kleinerer Gruppierungen spielen vor allem bei Regional- und Kommunalwahlen eine Rolle.
Koalitionen, Strategien und aktuelle Trends
- Vorpaar- und Nachwahlbündnisse: Parteien schließen oft vor oder zwischen den Wahlrunden Absprachen (Stimmenzusammenzug, Verzicht durch schwächere Kandidaten), um Mehrheiten zu schaffen oder unerwünschte Kandidaten in der zweiten Runde zu verhindern.
- Fragmentierung: Seit Mitte der 2010er Jahre wurde das traditionelle Zwei-Lager-Modell durch den Aufstieg des zentristischen Lagers und stärkerer Ränder (RN rechts, LFI links) aufgebrochen. Das führt zu wechselnden Mehrheiten und gelegentlich zu Minderheitsregierungen oder ungewöhnlichen parlamentarischen Mehrheiten.
- Wahlstrategien gegen den extremen Rand: In der Vergangenheit wurde gelegentlich der „front républicain“ angewandt — ein taktisches Bündnis von Parteien der Mitte und der Linken, um den Einzug extremer rechter Kandidaten in den zweiten Wahlgang zu verhindern.
- Institutionelle Reformen: Die Einführung der fünfjährigen Amtszeit für den Präsidenten und die Synchronisierung von Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zielten darauf ab, kohärentere Mehrheiten zu fördern und Cohabitation seltener werden zu lassen.
Zusammenfassung
Das französische Mehrparteiensystem ist geprägt von vielfältigen Parteien, taktischen Koalitionen und dem Zusammenspiel starker Präsidialbefugnisse mit parlamentarischen Mehrheiten. Während sich seit den 1980er Jahren grob rechte und linke Pole herausgebildet haben, sorgen neue Bewegungen und eine wachsende Fragmentierung für wechselnde Allianzen und unvorhersehbare Wahlergebnisse. Für Regierungsbildung und Gesetzgebung sind daher oft Verhandlungen, taktische Absprachen und zeitweise Koalitionen über mehrere Parteien hinweg erforderlich.

