Lindisfarne-Evangeliar: Illuminiertes Evangelienbuch der Inselkunst (um 700)
Lindisfarne-Evangeliar: Meisterwerk der Inselkunst (um 700) – reich illuminiertes Evangelienbuch, keltisch-angelsächsische Motive, heute in der British Library.
Das Evangeliar von Lindisfarne ist ein illuminiertes Manuskriptbuch der Evangelien. Es wurde in einem Kloster vor der Küste von Northumberland bei Lindisfarne um 700 n. Chr. hergestellt. Das Werk gilt als eines der hervorragendsten Beispiele der sogenannten Inselkunst (Insular Art) und zeigt die enge Verbindung zwischen klösterlichen Werkstätten in Britannien und Irland jener Zeit: komplexe Ornamentik, verflochtene Bandornamente, Tier- und Pflanzenmotive sowie kräftige Farbakzente prägen die Seiten. Die Texte wurden auf Pergament geschrieben und mit natürlichen Pigmenten und feinen Federn ausgeführt; besonders auffällig sind die reich verzierten Anfangsseiten (Incipit- und Teppichseiten) und die Porträts der vier Evangelisten.
Gestaltung und ikonographische Merkmale
Das Evangeliar vereint mediterrane, angelsächsische und keltische Einflüsse: geometrische Muster, verschlungene Knoten und zoomorphe Formen stehen neben klassischen Buchornamenten. Typische Elemente sind:
- reiche Teppichseiten mit dichten Interlace‑Feldern, die fast den gesamten Blattgrund bedecken,
- aufwändig gestaltete Anfangsbuchstaben und incipit‑Seiten, insbesondere die berühmte Chi‑Rho‑Seite (das Christusmonogramm),
- Porträts der Evangelisten, die in einer für die Inselkunst typischen schematischen und dennoch ausdrucksstarken Manier ausgeführt sind,
- die Verwendung der sogenannten Inselschrift (Insular script), einer regionalen Schreibform, die sich in Manuskripten Britanniens und Irlands verbreitet hatte.
Entstehung und Urheber
Die Entstehung des Manuskripts wird traditionell Eadfrith zugeschrieben, einem Mönch, der 698 Bischof von Lindisfarne wurde und 721 starb. Diese Zuschreibung beruht auf einem spätantiken Kolophon, das Namen nennt und von späteren Schreibern überliefert wurde. In Aldreds Glosse (siehe unten) werden zudem Personen genannt, die mit dem Werk in Verbindung standen: Ein Auftraggeber bzw. Förderer und ein Fachmann, der den ursprünglich mit Edelmetall und Juwelen geschmückten Einband anfertigen ließ. Das Buch wurde vollständig von Hand auf Pergament geschrieben und mit filigranen Malereien versehen; die Schrift ist in der charakteristischen Inselschrift ausgeführt.
Provenienz, Überlieferung und Erhaltung
Während der schweren Wikingerangriffe auf die nordöstliche Küste Englands (ab 793) und in den folgenden Jahrhunderten verlagerten Mönche zahlreiche Kostbarkeiten und Manuskripte vom Kloster Lindisfarne an sicherere Orte. Das Evangeliar gelangte dabei in die Sammlung, die später in der Kathedrale von Durham aufbewahrt wurde; in der Folge war es an Orten wie Chester-le-Street geschützt untergebracht. Der ursprünglich prunkvolle Ledereinband, mit Metallen und Edelsteinen versehen, ging im Lauf der Zeit verloren — wahrscheinlich bereits während der Wirren der Wikingerzeit. 1852 erhielt das Buch einen Ersatz-Einband. Im 17. Jahrhundert gelangte das Manuskript in die Sammlung von Sir Robert Cotton und wurde dort unter der Signatur Cotton MS Nero D. IV verwahrt; von dort kam es mit der Gründung des British Museum 1753 in die Staatsbibliothek und wurde später der British Library ausgestellt. Heute sind hochauflösende Digitalisate verfügbar, die die kunsthistorische Forschung und die Öffentlichkeit gleichermaßen nutzen.
Aldreds Glosse und sprachliche Bedeutung
Im 10. Jahrhundert schrieb Aldred, der Probst von Chester-le-Street, eine alt-englische (altenglische/angelsächsische) Übersetzung „wörtlich zwischen die Zeilen“ des lateinischen Textes. Diese Interlinearübersetzung ist die älteste erhaltene vollständige Übersetzung der Evangelien ins Englische und hat großen Wert für die Sprach‑ und Bibelgeschichte des frühen Mittelalters. Aldreds Kolophon ist außerdem eine wichtige Quelle für die Zuschreibung des Werkes an Eadfrith und für Hinweise auf die ursprüngliche Ausstattung (z. B. den Goldschmied, der den Einband angeblich gefertigt haben soll).
Bedeutung für Forschung und Publikum
Das Lindisfarne‑Evangeliar ist nicht nur ein herausragendes Zeugnis frühmittelalterlicher Buchkunst, sondern auch ein Schlüsselstück zur Erforschung kultureller Vernetzung in der Zeit nach dem Ende des Römischen Reiches: Es zeigt, wie lokale Traditionen und internationale Einflüsse (u. a. byzantinische und mediterrane Vorbilder) zu einer eigenständigen künstlerischen Ausdrucksform verschmolzen. Restaurierungen, paläographische Untersuchungen und die Digitalisierung haben zu einem besseren Verständnis von Material, Technik und Überlieferung beigetragen und machen das Evangeliar heute einem breiten Publikum zugänglich.
Insgesamt bleibt das Evangeliar von Lindisfarne ein Meisterwerk der Insular‑Kunst und ein unverzichtbares Dokument für die Kunstgeschichte, Buchmalerei, Textüberlieferung und Sprachentwicklung der frühen englischen Mittelalterzeit.

Das 'Chi Rho'-Monogramm aus den Evangelien von Lindisfarn

Johannes der Evangelist aus den Evangelien von Lindisfarne

Aus dem Matthäus-Evangelium, vom 'Meister von Lindisfarne'.
Fragen und Antworten
F: Was ist das Lindisfarne-Evangelium?
A: Das Lindisfarne-Evangelium ist ein illuminiertes Manuskript der Evangelien, das um 700 n. Chr. in einem Kloster an der Küste von Northumberland in Lindisfarne entstand.
F: Wo kann es heute gefunden werden?
A: Das Manuskript ist heute in der British Library zu sehen.
F: Welchen Stil vereint es?
A: Das Lindisfarne-Evangelium verbindet mediterrane, angelsächsische und keltische Elemente.
F: Wer soll es geschaffen haben?
A: Man nimmt an, dass das Lindisfarne-Evangelium von Eadfrith stammt, einem Mönch, der 698 Bischof von Lindisfarne wurde und 721 starb.
F: Welche Art von Schrift wurde für den Text verwendet?
A: Der Text ist in einer Handschrift geschrieben, die als 'insulare Schrift' bekannt ist.
F: Wer übersetzte den lateinischen Text ins Altenglische?
A: Im 10. Jahrhundert wurde eine altenglische Übersetzung der Evangelien Wort für Wort zwischen die Zeilen des lateinischen Textes von Aldred, Provost of Chester-le-Street, geschrieben.
F: Wie gelangte sie an ihren heutigen Standort?
A: Das Evangeliar wurde möglicherweise während der von Heinrich VIII. angeordneten Auflösung der Klöster aus der Kathedrale von Durham entwendet. Im 18. Jahrhundert wurde es dem British Museum übergeben, bevor es an seinen heutigen Standort in der British Library gebracht wurde, als diese vom British Museum abgespalten wurde.
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