"Dornröschen" (französisch: La Belle au bois dormant) ist ein Märchen. Es gibt mehrere Versionen davon, darunter "Dornröschen im Wald" von Charles Perrault und "Dornröschen" oder "Dornröschen" der Gebrüder Grimm. Die Geschichte handelt von einer Prinzessin, die einhundert Jahre lang in einen tiefen Schlaf fällt und von einem heldenhaften Prinzen geweckt wird.

Perraults Version erschien erstmals 1695 in einem handgeschriebenen und illustrierten Manuskript mit dem Titel "Geschichten von der Mutter Gans" (französisch: Contes de ma mère l'oye) zusammen mit "Rotkäppchen", "Blaubart", "Gestiefelter Kater" und "Diamanten und Kröten". Es wurde 1696 in der Zeitung Mercure galant veröffentlicht. Sie wurde überarbeitet und 1697 in Paris von Claude Barbin in Histoires ou contes du temps passé (Englisch: Stories or Tales of Past Times), einer Sammlung von acht Märchen von Perrault, veröffentlicht. Sie wurde für verschiedene Medien adaptiert, darunter eine Pantomime von James Robinson Planché, ein Ballett und ein Disney-Zeichentrickfilm.

Die Grimms veröffentlichten 1812 ihre Version in Kinder- und Haus-Märchen (deutsch: Kinder- und Haus-Märchen).

Handlung (Kurzfassung)

Die Grundhandlung ist in allen Varianten ähnlich: Ein Königspaar erhält nach langer Kinderlosigkeit eine Tochter. Zu ihrer Taufe werden Feen eingeladen, die dem Kind Gaben schenken. Eine böse Fee – manchmal ist es eine nicht eingeladene Fee, manchmal eine dunkle Prophezeiung – verflucht die Prinzessin, so dass sie sich an einer Spindel sticht und in einen hundertjährigen Schlaf fällt. Schloss und Umgebung wachsen zu einer dichten Dornenhecke zu, die alle Eindringlinge abwehrt. Nach langer Zeit durchdringt ein Prinz die Dornen, findet die schlafende Prinzessin und weckt sie; in späteren Fassungen heiraten die beiden.

Unterschiede zwischen Perrault und den Gebrüdern Grimm

Charles Perrault erzählt die Geschichte literarisch ausgebaut und fügte ihr in seiner Fassung von 1697 einen Nachsatz hinzu: Nach dem Erwachen und der Hochzeit gibt es eine weitere Episode, in der die Mutter des Prinzen als böse Figur (in Perraults Fassung als Ogerin gedeutet) versucht, die Braut und ihre Kinder zu fressen. Der Prinz überlistet die Widersacherin und rettet seine Familie. Perrault versieht seine Fassung außerdem mit moralischen Anmerkungen.

Die Brüder Grimm übernahmen eine volkstümlichere, oft knappere und direktere Version des Erzählstoffs in ihre Sammlung (erste Ausgabe 1812). Die Grimmsche Fassung ist in vielen Ausgaben kürzer und konzentriert sich meist auf das Motiv des Schlafs und des Erwachens; spätere Bearbeitungen und Nacherzählungen der Grimms haben unterschiedliche Details (etwa die Länge der Schlafzeit oder die Rolle der Feen).

Herkunft und Vorläufer

Das Märchen hat tiefen historischen Boden: Literarische Vorläufer finden sich schon früher, zum Beispiel in Giambattista Basiles Erzählung "Sun, Moon, and Talia" (oft kurz als "Talia" bezeichnet) aus dem 17. Jahrhundert, die einen deutlich düstereren Ton hat. Das Motiv des schlafenden Liebesgefangenen, die Vorhersehung durch übernatürliche Wesen, die Dornenhecke und die symbolische Zeit des Schlafs gehören zu älteren Erzähltraditionen und wurden mündlich weitergegeben, bevor sie literarisch fixiert wurden.

Motive und Deutungen

  • Initiation und Reife: Der Einstich an der Spindel gilt oft als Symbol für den Eintritt in die Pubertät oder für den Übergang von Kindheit zu Erwachsensein.
  • Tod und Wiedergeburt: Der lange Schlaf kann als bildhafte Darstellung von Tod und Wiedererwachen verstanden werden, der Kuss als symbolischer Akt der Wiederbelebung.
  • Rolle der Frau und Konsens: Moderne Interpretationen hinterfragen das Motiv des Aufwachens durch einen Kuss und diskutieren Aspekte von Passivität und Einverständnis.
  • Zeit und Geschichte: Die hundertjährige Sperre legt eine Distanz zwischen Generationen und betont das Motiv des Verlorenen und Wiedergefundenen.

Adaptionen und kulturelle Wirkung

Das Märchen wurde vielfach adaptiert und umgedeutet: von Bühnenfassungen wie der Pantomime von James Robinson Planché über das bekannte Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowski bis hin zu populären Filmversionen, darunter der Disney-Zeichentrickfilm (1959). Es gibt unzählige moderne Nacherzählungen in Literatur, Theater und Film – teils naiv-romantisch, teils ironisch oder kritisch. In der Kinder- und Jugendliteratur sowie in Erwachsenenromanen wird die Figur der schlafenden Prinzessin immer wieder neu interpretiert (zum Beispiel feministische oder psychoanalytische Neubearbeitungen).

Warum das Märchen heute noch wichtig ist

Dornröschen bleibt eine der bekanntesten Erzählungen des europäischen Kulturkreises. Das Motiv des Schlummers und des Erwachens spricht zu Fragen der Identität, der Zeit und der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Zugleich funktioniert das Märchen auf mehreren Ebenen: als romantische Erzählung, als symbolisches Drama des Lebensalters und als Stoff für künstlerische Neuinterpretationen. Der Name "Dornröschen" ist in vielen Sprachen zu einem kulturellen Bild geworden und wird als Metapher für etwas Langanhaltendes, Unterbrochenes oder Wiedergefundenes verwendet.

Weiterführendes

Wer tiefer einsteigen möchte, kann sich verschiedene Editionen der Texte von Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm ansehen sowie wissenschaftliche Aufsätze zur Entstehungsgeschichte, zur folkloristischen Verbreitung und zu modernen Deutungen des Märchens. Auch die zahlreichen künstlerischen Bearbeitungen (Ballett, Oper, Film, moderne Romane) bieten unterschiedliche Blickwinkel auf diese vielschichtige Erzählung.