Jabberwocky ist ein "Unsinn-Gedicht", das Lewis Carroll 1871 in seinem Roman Through the Looking-Glass schrieb. Dennoch ergibt es auf seltsame Weise eine Art Sinn: Die wohlklingende Form, der Rhythmus und die partiell verständlichen Wortbestandteile lassen beim Lesen überraschend klare Bilder und eine erzählerische Spannung entstehen.

In einer frühen Szene findet Alice im Wunderland den Vers Jabberwocky. Sie sagt (S. 24): "Irgendwie scheint es meinen Kopf mit Ideen zu füllen - nur weiß ich nicht genau, was sie sind." Dies gilt heute als eines der größten auf Englisch geschriebenen Unsinngedichte. Seine spielerische, skurrile Sprache hat uns unsinnige Wörter portmanteauWörter und Neologismen wie "galumphing" und "chortle" gegeben.

Kontext im Roman

Jabberwocky erscheint als ein gefundenes Gedicht, das Alice beim Durchgang durch den Spiegel entdeckt. Später erklärt ihr die Figur Humpty Dumpty einige der fantasievollen Ausdrücke, wodurch Carroll bewusst die Grenze zwischen Unsinn und Bedeutung auslotet: Wörter, die keine vorgegebene Bedeutung haben, können durch Klang, Kontext und Erklärung Bedeutung gewinnen.

Aufbau, Form und Klang

Das Gedicht ist strophisch aufgebaut und besteht aus mehreren vierzeiligen Strophen, die in einem regelmäßigen Metrum und Reimschema geschrieben sind. Carroll orientiert sich an der Balladenform: die Kombination aus betontem Rhythmus, eingängigen Reimen und erzählendem Verlauf erzeugt beim Leser das Gefühl, eine klassische Heldengeschichte zu erleben — trotz der erfundenen Wörter.

Bedeutende Neologismen und portmanteau-Wörter

Carrolls Technik besteht oft darin, bekannte lexikalische Bestandteile zu verschmelzen oder vertraute Lautmuster zu variieren, sodass neue, sinntragende Einheiten entstehen. Er prägte im Text selbst den Begriff des „portmanteau word“ (wörtlich: Kofferwort), also die Zusammensetzung zweier Bedeutungen in einem neuen Wort. Beispiele aus dem Gedicht und deren gebräuchliche Deutungen oder Ableitungen sind:

  • brillig – von Carroll in der Erzählung scherzhaft als circa vier Uhr nachmittags, die Zeit des Bratens, erklärt;
  • slithy – Portmanteau aus lithe (geschmeidig) und slimy (schlüpfrig), also etwa „geschmeidig-schlüpfrig“;
  • toves – eine erfundene Kreatur, die Carroll später als Mischung aus Dachs, Echse und anderen Merkmalen beschreibt;
  • borogoves, mome raths, outgrabe – weitere Fantasiewörter, die durch Klang und Kontext Atmosphärisches vermitteln;
  • chortle – heute fest im Englischen verankert (von chuckle + snort), bedeutet ein verschmitztes, lautes Lachen;
  • galumph/galumphing – ebenfalls in den Wortschatz eingegangen; die Zusammensetzung evoziert eine kraftvolle, triumphale Bewegung (etwa: „stampfend triumphieren“).

Humpty Dumptys Erklärungen

In Through the Looking-Glass liefert Humpty Dumpty für einige Wörter scherzhafte Definitionen, die zeigen, dass Carroll der Meinung war, Bedeutung könne konstruiert oder zugewiesen werden. Diese spielerischen Erklärungen sind weniger lexikalisch verbindlich als ein Hinweis auf die Funktionsweise von Sprache: Klang, Morphologie und Kontext erzeugen zusammen Sinn.

Übersetzungsprobleme

Das Gedicht stellt Übersetzer vor die Schwierigkeit, Klang, Metrum, Reim und die beabsichtigte Mehrdeutigkeit zugleich zu übertragen. Viele Übersetzer schaffen neue Neologismen im Zielidiom, die die gleiche Wirkung erzielen sollen, statt wortwörtlich zu übersetzen. Dadurch entstehen oft sehr unterschiedliche deutsche Fassungen, die jeweils eigene kreative Lösungen für Carrolls Wortspiele bieten.

Wirkung und Nachwirkung

Jabberwocky hat weitreichenden Einfluss gehabt: linguistisch als Anschauungsbeispiel dafür, wie Sprache Bedeutung erzeugt; literarisch als Vorbild für spätere Dichtungen und Wortspiele; kulturell als Quelle zahlreicher Bezüge in Film, Musik, Werbung und Popkultur. Der Begriff „Jabberwocky“ selbst ist zum Synonym für wohlklingenden Unsinn geworden, und mehrere aus dem Gedicht stammende Wörter (insbesondere chortle und galumph) sind in Wörterbüchern gelandet.

Warum das Gedicht funktioniert

Die Wirksamkeit von Jabberwocky liegt in der Balance zwischen Vertrautheit und Fremdheit: vertraute rhythmische Muster, grammatische Strukturen und einzelne erkennbare Morpheme geben dem Leser Ankerpunkte; erfundene Wörter fordern die Vorstellungskraft und erzeugen überraschende Bilder. So wird unsinnig scheinender Text zu einer lebendigen, sinnträgenden Erzählung.

Fazit: Jabberwocky ist mehr als reiner Nonsens: Es ist ein kunstvolles Experiment mit den Elementen von Sprache — Klang, Form, Morphologie und Kontext — und ein nachhaltiger Beleg dafür, dass Bedeutung nicht nur aus bekannten Wörtern entsteht, sondern auch aus der Art, wie Wörter im Text funktionieren.