Le Dieu Bleu (deutsch: Der blaue Gott) ist ein Ballett in einem Akt. Die kurze Handlung wurde von Jean Cocteau und Federico de Madrazo y Ochoa geschrieben; die Musik stammt von Reynaldo Hahn. Michel Fokine entwarf die Tänze, während Léon Bakst die Bühnenbilder und Kostüme schuf. Das Werk wurde am 13. Mai 1912 in Paris im Théâtre du Châtelet uraufgeführt und war ein öffentlicher Misserfolg.
Inhalt und ästhetischer Ansatz
Das Ballett folgt einem kurzen, stark stilisierten, von Orient und Exotik geprägten Szenario: Im Zentrum steht die Erscheinung eines «blauen Gottes», um dessen Verehrung und die Wirkung seiner Präsenz auf Menschen und Liebesverhältnisse es geht. Handlung und Personen sind eher symbolisch als psychologisch ausgearbeitet; die Szene lebt von tableauhaften Bildern, choreographischen Posen und opulenten Bühnenbildern im charakteristischen Stil der Ballets Russes.
Choreographie, Musik und Gestaltung
Choreographie: Michel Fokine setzt in seiner Arbeit auf expressive, oft langsame und stark stilisierte Bewegungen. Die Hauptrolle wurde für Nijinsky geschaffen; sein Part verlangte viel Haltung, ungewöhnliche Körperlinien und oft ruhige, skulpturale Posen.
Musik: Reynaldo Hahn, damals vor allem als Salonkomponist und Liedschreiber bekannt, lieferte eine feinsinnige, tonal gebundene Partitur. Zeitgenössische Kritiker empfanden Hahns Musik für ein großes, spektakuläres Ballett allerdings als zu zart, rhythmisch unauffällig und nicht ausreichend dramatisch für die Erwartungen des Publikums.
Bühne und Kostüme: Léon Bakst entwarf opulente, farbintensive Szenen, die das exotisierende Kolorit der Handlung betonten. Die dominierende Farbpalette – insbesondere Blau- und Türkistöne – sollte die mythische Aura des Titelhelden verstärken und wirkte visuell stark, konnte den künstlerischen Misserfolg aber nicht verhindern.
Aufführung und zeitgenössische Rezeption
Bei der Uraufführung am 13. Mai 1912 blieb die Aufführung hinter den Erwartungen zurück. Kritiker monierten insbesondere, dass Nijinsky mehr posiere als tanze; seine Figur wirke oft statisch und dekorativ. Der Produzent Sergej Diaghilew machte öffentlich Hahns Musik für das Scheitern mitverantwortlich — eine Reaktion, die auch die Spannungen innerhalb der Ballets Russes-Truppe widerspiegelte.
Le Dieu Bleu wurde 1912 dreimal in Paris gegeben und 1913 dreimal in London gespielt. Trotz der prominenten Beteiligung namhafter Künstler aus dem engeren Kreis der Ballets Russes wurde das Stück danach nicht wiederbelebt und geriet rasch in Vergessenheit.
Nachwirkung und heutige Einschätzung
Obwohl Le Dieu Bleu als Misserfolg gilt, hat das Werk musik- und tanzgeschichtlich Bedeutung als Beispiel für die experimentelle, bildstarke Ästhetik der Ballets Russes und für die Zusammenarbeit von Dichtern, bildenden Künstlern, Choreographen und Tänzern jener Epoche. Insbesondere Baksts dekorative Entwürfe zählen zu den visuellen Zeugnissen dieser Phase und beeinflussten Mode und Bühnenbildkunst. Musikwissenschaftler und Tanzhistoriker sehen in der Partie für Nijinsky zudem einen frühen Hinweis auf die späteren, radikaleren choreographischen und darstellerischen Entwicklungen innerhalb der Kompagnie.
Fazit
Le Dieu Bleu bleibt ein bemerkenswertes, wenn auch gescheitertes Kapitel in der Geschichte der Ballets Russes: Ein Stück, das hochkarätige Namen vereinte, am Publikum aber vorbeiging. Heute wird es vor allem als historisches Dokument geschätzt, das Einblick in die ästhetischen Spannungen und das experimentelle Klima der frühen Moderne gibt.


